Medieninformation | 20. Oktober 2022 | sn

Kosten, Vertrauen, Qualifikation

Studie über die Gründe, warum sich Patient*innen für oder gegen Zahnbehandlungen entscheiden

Die Höhe der Zuzahlung durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV), ein gutes Vertrauensverhältnis zum Zahnarzt/zur Zahnärztin und seine/ihre Qualifikation sind entscheidende Faktoren dafür, dass sich Patient*innen für eine Zahnbehandlung wie zum Beispiel eine Zahnkrone entscheiden. Das ergab eine qualitative Studie über Gründe für die Wahl oder Nichtwahl von zahnärztlichen Behandlungen von Susanne Felgner, Marie Dreger und Dr. Cornelia Henschke am Fachgebiet Management im Gesundheitswesen der TU Berlin.

Im Rahmen der Studie wurde untersucht, welche Gründe aus Patient*innensicht für oder gegen die Wahl von Zahnbehandlungen sprechen. Außerdem wurde untersucht, ob Zahnbehandlungen aus Sicht der Patient*innen durch die GKV ausreichend bezahlt werden.

Um die Fragen zu beantworten, führten die drei Wissenschaftlerinnen Interviews mit insgesamt 27 Patient*innen aus verschiedenen Alters- und Einkommensgruppen und mit verschiedenen beruflichen Hintergründen durch.

Verzicht auf Urlaub

Insgesamt ermittelten die Wissenschaftlerinnen 53 Gründe, die Patient*innen dazu veranlassen, sich für oder gegen Zahnbehandlungen zu entscheiden. Diese Gründe wurden den zwei Kategorien „Gesundheitsleistung“ und „Zahnarzt & Zahnarztpraxis“ zugeordnet. Die bereits genannten Gründe der Kostenübernahme durch die GKV, eines guten Vertrauensverhältnisses und der Qualifikation des/der Zahnarztes/Zahnärztin (das heißt die Aus- und Weiterbildung) entscheiden über ein Ja oder Nein zu einer Zahnbehandlung.

Das Thema Kosten spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung der Befragten. Die Interviewteilnehmer*innen berichteten unter anderem, dass sie auf einen Urlaub verzichten würden, um sich eine teure Zahnbehandlung leisten zu können; dass sie schon einmal eine Behandlung abgelehnt haben, da sie ihnen zu teuer war, und dass sie bestimmte Behandlungen beim Zahnarzt/bei der Zahnärztin, zum Beispiel eine professionelle Zahnreinigung, nur durchführen lassen könnten, weil sie eine Zahnzusatzversicherung haben, die die Kosten übernimmt.

Karies – eine der häufigsten chronischen Erkrankungen

„Die Zahngesundheit der Bevölkerung kann zunehmend als eine Herausforderung für das Gesundheitssystem in Deutschland angesehen werden. Zahnerkrankungen kommen bemerkenswert häufig vor. Laut der fünften Mundgesundheitsstudie ist Karies eine der häufigsten chronischen Erkrankungen. Weltweit steht Karies nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf Platz vier. Zahnerkrankungen können sich zudem auf die allgemeine Gesundheit auswirken und langfristige gesundheitliche Folgen für Körper und Psyche haben zum Beispiel aufgrund sozialer Isolation“, sagt Susanne Felgner. Im Vergleich zu anderen medizinischen Behandlungen werden Zahnbehandlungen in Deutschland oftmals nur zum Teil von der GKV bezahlt. Der Betrag, der von ihr übernommen wird, orientiert sich an der sogenannten Regelversorgung, einer definierten Behandlung, die ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich ist, und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten darf. Dies muss nicht zwingend die ästhetisch ansprechendste Lösung sein. Beim Zahnersatz übernimmt die GKV sogar nur einen Teil der Kosten der Regelversorgung. Für bestimmte Behandlungen können somit hohe Eigenbeteiligungen für die Patient*innen resultieren. „Die Kosten sind aus Sicht der Befragten daher ein entscheidender Grund, warum sich Patient*innen gegen eine Zahnbehandlung entscheiden – wie unsere Studie zeigt“, so Susanne Felgner. Bisher wurden Gründe für Behandlungsentscheidungen von Patient*innen in der Wissenschaft wenig untersucht.

Zuzahlungen sind ungenügend

Die Ergebnisse aus dieser nicht-repräsentativen Studie bieten eine Grundlage für weitere Studien und für politische Entscheidungsträger. Eine anschließende quantitative Studie wird derzeit ausgewertet. Patient*innen empfinden die Kosten bestimmter Behandlungen als eine Barriere zur Vorsorge und Versorgung. Die Zuzahlung der GKV genügt ihnen nicht. Daher sollte darüber nachgedacht werden, ob Maßnahmen entwickelt werden, die teure Zahnbehandlungen auf lange Sicht erst gar nicht entstehen lassen, indem Patient*innen notwendige frühe Vorsorge- und Zahnbehandlungen nicht ablehnen. So sollten zu Beispiel Anreizinstrumente wie das Bonusheft noch verstärkt und Informationen zu Konsequenzen von Zahnerkrankungen gezielter an die Bevölkerung herangetragen werden.

Reasons for (not) choosing dental treatments—A qualitative study based on patients’ perspective [Gründe für die (Nicht-)Wahl zahnärztlicher Behandlungen – Eine qualitative Studie aus der Sicht von Patient*innen], Autorinnen: Susanne Felgner, Marie Dreger & PD Dr. Cornelia Henschke, veröffentlicht im Journal PLoS One, doi:10.1371/journal.pone.0267656

 

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