Pressemitteilung | 26. Mai 2023 | pp

Kameruns verstecktes Kulturerbe in Deutschland – das Unsichtbare sichtbar machen

Öffentliche Konferenz und Buchvorstellung vom 1. bis 3. Juni 2023

Seit mehr als 120 Jahren war Ngonnso nicht mehr zuhause – in Kamerun. Sie ist eine Göttin, verehrt von der kamerunischen Bevölkerung als wichtige Muttergottheit. Doch diejenigen, die sie verehren, haben sie noch nie gesehen. Die rund einen Meter große muschelverzierte Holzstatue gehört zu den mehr als 40.000 Objekten, die während der deutschen Kolonialzeit in Kamerun 1884 bis 1919 nach Deutschland gebracht wurden. Gezeigt wurden sie hier bisher kaum. Die meisten blieben unsichtbar.

Diese Objekte und die nicht aufgearbeitete deutsche Kolonialgeschichte sichtbar zu machen, ebenso wie die Folgen der Abwesenheit ihres materiellen Erbes für die kamerunische Gesellschaft und deren Selbstverständnis, hat sich das deutsch-kamerunische Forschungsvorhaben „Umgekehrte Sammlungsgeschichte – Mapping Kamerun in deutschen Museen“ zur Aufgabe gemacht. Entstanden ist nun ein mehr als 500-seitiger „Atlas der Abwesenheit – Kameruns Kulturerbe in Deutschland“, der vom 1. – 3. Juni 2023 auf einer dreitägigen, öffentlichen Konferenz an der TU Berlin vorgestellt und diskutiert wird.

Wir laden Sie herzlich ein zu der Internationalen Konferenz mit Buchvorstellung

Kamerunisches Kulturerbe in Deutschland. Erkenntnisse und Perspektiven

Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Ort:     Forum des Instituts für Architektur der TU Berlin, Straße des 17. Juni 152, 10623 Berlin
Zeit:    Donnerstag, 1. Juni 2023 – Samstag, 3. Juni 2023

Die Konferenz ist öffentlich. Bitte weisen Sie in Ihren Medien darauf hin.

Weltweit gibt es keinen Staat, der mehr Objekte aus Kamerun in öffentlichen Museen aufbewahrt, als die Bundesrepublik Deutschland. Weder in Europa, noch in Asien, noch in den USA, geschweige denn auf dem afrikanischen Kontinent selbst, befinden sich ähnlich umfangreiche Konvolute in öffentlicher Hand. Das staatliche Nationalmuseum in Kameruns Hauptstadt Yaoundé besitzt gerade einmal 6000 Objekte. 

Gemeinsam mit internationalen Gästen wird die Projektgruppe „Umgekehrte Sammlungsgeschichte“ während der Konferenz einen dreitägigen Diskussionsraum öffnen, um die Formen und Folgen von Kulturgutverlagerungen aus der ehemaligen Kolonie nach Deutschland aufzuzeigen, zu diskutieren und über Fragen zur Geschichte und Zukunft von Kameruns materiellem Kulturerbe zu sprechen.

Das Projekt „Umgekehrte Sammlungsgeschichte“

Mit dem Projekt „Umgekehrte Sammlungsgeschichte – Mapping Kamerun in deutschen Museen“, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), hat das Team um die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Bénédicte Savoy von der TU Berlin und den afrikanischen Germanisten Prof. Dr. Albert Gouaffo von der Université de Dschang/Kamerun in den letzten zweieinhalb Jahren eine umfassende Bestandsaufnahme der kolonialzeitlichen kamerunischen Objektbestände in deutschen Museen sowie ihrer Herkunftskontexte in Kamerun vorgenommen. Ziel ist die breite Bekanntmachung der bislang unsichtbaren Schätze. Sie recherchierten und untersuchten Objekte und Dokumente in mehr als 40 Museen und Archiven. Außerdem führten sie zahlreiche Interviews in unterschiedlichen Regionen Kameruns. Viele historische Quellen, wie unpublizierte Briefwechsel, Militärberichte und Tagebücher wurden ausgewertet. Dazu nahmen sie ausgewählte Fallstudien, insbesondere in Kamerun, vor, um die Folgewirkungen zu untersuchen und zu dokumentieren, die mit der Translokation der kolonialzeitlichen Objektbestände verbunden sind.

Der „Atlas der Abwesenheit“ – das Unsichtbare sichtbar machen

Das 500 Seiten umfassende Pionierwerk mit dem vielsagenden Titel „Atlas der Abwesenheit“ versammelt Beiträge von Autor*innen aus verschiedenen Disziplinen (Kunstgeschichte, Geografie, Militärgeschichte, Museumswissenschaft, Ethnologie, Sprachwissenschaft). Er zeichnet erstmalig nach, was bisher weder gezeigt, noch in Publikationen zugänglich gemacht wurde: die unsichtbare Präsenz von Kamerun in deutschen Museen. Und er versucht nachzuvollziehen, was die Abwesenheit des Kulturerbes für Kamerun bedeutet. Zahlreiche Karten, Infografiken, Abbildungen und historische Fotografien veranschaulichen die geografische und statistische Verteilung des materiellen Kulturerbes von Kamerun in Deutschland. Ergänzt werden diese durch bebilderte Biografien der damaligen Akteure sowie einem Bildteil mit Fotos der Objekte.

Die wenigsten der Autor*innen sind deutsche Muttersprachler*innen, dennoch war es eine bewusste Entscheidung, so die Wissenschaftler*innen, das Buch zunächst auf Deutsch zu veröffentlichen, da nicht nur die ausgewerteten Quellen überwiegend in deutscher Sprache verfasst sind, sondern es ihnen auch ein dringendes Anliegen war, die Fakten der Translokation des kamerunischen Erbes nach Deutschland einer breiten deutschen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Insignien von Macht und Spiritualität – würdelos und versteckt gelagert

Beleuchtet werden auch all diejenigen Akteure in Kamerun, die, so die Autor*innen, auf ausgesprochen perfide Weise um 1900 dazu benutzt wurden, das kulturelle Erbe ihres Landes auf den eigenen Köpfen und Schultern bis zu den Küsten zu tragen, damit es von dort aus nach Deutschland verschifft werden konnte: Musikinstrumente, Textilien, Waffen, Schmuck, Architekturelemente, Gebrauchsgegenstände, rituelle Statuen wie die Muttergöttin Ngonnso, Masken und viele andere Objekte, die nicht als Ausstellungsstücke geschaffen worden waren, sondern als von Menschenhand geschaffene Begleiter des sozialen Lebens in Kamerun.

Zu den besonders betrachteten Stücken gehören Objekte und Insignien der Macht (objects of power) wie Throne, königliche Attribute und Waffen ebenso wie heilige Objekte (sacred objects) wie sie etwa im Rahmen von Bestattungen oder religiösen Handlungen verwendet wurden und die, darauf weisen die Wissenschaftler*innen explizit hin, nur aufgrund der Komplizenschaft zwischen Museen und Mission in den Besitz öffentlicher Sammlungen gelangen konnten.

Für die Erstellung der Karten und Grafiken, die die erstmalig zusammengetragenen Daten und Fakten veranschaulichen, konnte das Projekt den renommierten Kartografen Philippe Rekacewicz gewinnen. Der Spezialist für Geopolitik und internationale Beziehungen arbeitete mehr als 20 Jahre lang für Le „Monde diplomatique“ und beschäftigt sich mit Themen rund um Migration, Fluchtbewegungen, Vertreibung und Zwangsumsiedlung sowie politischen Grenzziehungen.

Die Projektleiter*innen

Prof. Dr. Bénédicte Savoy, international renommierte und ausgezeichnete Kunsthistorikerin, ist unter anderem Leibniz-Preisträgerin und laut TIME Magazine (2021) eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Sie ist Expertin für Translokationen und eine zentrale Beraterin von Wissenschaft und Politik rund um die öffentliche Debatte zu Rückübereignungen von Kunst- und Kulturgegenständen in die, insbesondere afrikanischen, Herkunftsländer. Aufgrund ihrer Arbeit zusammen mit dem senegalesischen Wissenschaftler Prof. Dr. Felwine Sarr, gaben Frankreich und kurze Zeit später auch Deutschland erstmalig Kunstschätze aus den ehemaligen Kolonien zurück.

Prof. Dr. Albert Gouaffo ist Professor für Deutsche Literatur, Kulturstudien und Interkulturelle Kommunikation an der Université de Dschang/Kamerun. Er studierte deutsche Literatur an der Universität Yaoundé/Kamerun, promovierte und habilitierte sich in Deutscher Literatur und Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes. Er veröffentlichte viele Schriften und Artikel zu Themen rund um die aktuelle Debatte zum Kolonialismus, zum globalen Imperialismus sowie zu Erinnerungskultur. Er ist Präsident der Stiftung ERMEMIC, die sich in Afrika mit Themen rund um das interkulturelle Gedächtnis befasst, unter anderem mit der Überarbeitung und Erstellung von kamerunischen Schulbüchern.

Weiterführende Informationen

Kontakt

Prof. Dr.

Benedicte Savoy

Einrichtung Kunstgeschichte der Moderne mit dem Schwerpunkt Wissenskulturen/Institutionsgeschichte/Kunstgeschichte