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Medieninformation | 17. März 2022 | sn

Blick in den Kopf einer kollektiven Autorenschaft

TU-Wissenschaftler Dr. Adrian Wüthrich erhält einen ERC Consolidator Grant für seine Forschungen zu Generierung von Wissen in großen Forschungsverbünden

Für sein Projekt „Network epistemology in practice (NEPI)” ist Dr. Adrian Wüthrich mit einem ERC Consolidator Grant ausgezeichnet worden. „In dem Vorhaben wollen wir mit aktuellen Methoden der digitalen Geisteswissenschaften untersuchen, wie moderne, großangelegte Forschungskollaborationen zu neuem Wissen gelangen. Wie ist dies möglich, auch wenn kein einzelnes Mitglied der Kollaboration allein in der Lage ist, das Wissen vollständig zu rechtfertigen? Wie entstehen und verbreiten sich Hypothesen innerhalb der Kollaboration? Welche Kommunikationsstrukturen sind besonders förderlich dafür, dass sich die richtigen Hypothesen durchsetzen?“, sagt Dr. Adrian Wüthrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte der TU Berlin. Der Europäische Forschungsrat fördert das Projekt in den nächsten fünf Jahren mit zwei Millionen Euro.

Umfassende Rekonstruktion wissenschaftlicher Kollaboration

Das Projekt wird sich diesen Fragen nähern, indem es von der Prämisse ausgeht, dass Wissen oft nicht von einer Person erlangt und dann kommuniziert wird, sondern im Prozess der Kommunikation überhaupt erst entsteht. Da sich seit einiger Zeit – und nicht nur wegen der Corona-Pandemie – ein Großteil der Kommunikation in den digitalen Raum verlagert hat, bietet sich der Wissenschaftsgeschichte eine außerordentliche Chance. „Wie wohl nie zuvor hinterlassen Prozesse der Wissensgenerierung nachweisbare Spuren in Form von E-Mail-Nachrichten, Nachrichten auf Chat-Plattformen oder anderen Dokumenten auf internen Servern. Dies eröffnet die Möglichkeit, aus solchen ‚digital geborenen” Quellen die Forschungsprozesse und die Kommunikationsstrukturen einer wissenschaftlichen Kollaboration detailliert und sehr umfassend zu rekonstruieren“, so Dr. Adrian Wüthrich. Trotzdem gebe es bisher keine systematische Untersuchung der digitalen Kommunikation innerhalb einer Forschungsgruppe. Das Projekt versuche hier Pionierarbeit zu leisten und zum ersten Mal sozusagen einen direkten Blick in den Kopf einer kollektiven Autorschaft zu werfen.

Wichtigste Fallstudie am teilchenphysikalischen Labor CERN

Dazu werden die Mitarbeitenden vor allem verschiedene Formen von Netzwerkanalysen und maschinellen Textanalysen einsetzen. So können zum Beispiel die zentralen Personen im Kommunikationsnetzwerk identifiziert werden, aber auch Untergruppen, die sich aufgrund von vereinbarten Regeln oder informeller Zusammenarbeit ergeben. Die Algorithmen des maschinellen Lernens sollen beispielsweise eingesetzt werden, um Textähnlichkeiten zu erkennen und so zu sehen, wie sich das durch den Text ausgedrückte Wissen verändert, während es durch das Kommunikationsnetzwerk fließt. Die wichtigste Fallstudie des Projekts wird die ATLAS-Kollaboration am teilchenphysikalischen Labor CERN in Genf sein, die unter anderem dafür bekannt ist, 2012 das Higgs-Teilchen mitentdeckt zu haben.

Dr. Adrian Wüthrich hat je einen Masterabschluss in theoretischer Physik und Philosophie. Seine Doktorarbeit schrieb er auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie und -geschichte an der Universität Bern. Seit 2012 lehrt und forscht er an der TU Berlin. Hier ist er unter anderem als Teilprojektleiter in der Forschungsgruppe „The Epistemology of the Large Hadron Collider” tätig. Dabei ist er aktuell insbesondere für mögliche Anwendungen der digitalen Geisteswissenschaften auf wissenschaftstheoretische und wissenschaftshistorische Fragestellungen verantwortlich.

Der Europäische Forschungsrat fördert ausschließlich bahnbrechende, innovative und wegweisende Grundlagenforschung. Die wissenschaftliche Exzellenz der Antragstellenden und der Projekte ist alleiniges Auswahlkriterium.

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