Technische Universität Berlin

Medieninformation | 14. September 2021 | sn

Wie sich Wissenschaft aus der sprachlichen Unverständlichkeit befreit

Ein visuelles Lesebuch macht Ergebnisse des Sonderforschungsbereichs „Re-Figuration von Räumen“ auf humorvolle Weise zeichnerisch zugänglich

Polykontexturalisierung und multiple spatialities, Raumtheorien und Raumlogiken, Mediatisierung und Translokalisierung, Foto-Elizitation und intergenerationale Zirkulation – wer sich auf den Sonderforschungsbereich „Re-Figuration von Räumen“ einlässt, auf den prasselt erst einmal ein Gewitter aus komplexen Begriffen nieder. Die Architektursoziologin und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs Prof. Dr. Martina Löw (TU Berlin) kommentiert den „Soziologensprech“ selbstironisch mit den Worten: „Ich glaube, wir sind manchmal auch eine Zumutung für die anderen.“

Um diese Zumutung wissend, aber auch angetrieben von dem Wollen, die Ergebnisse der vierjährigen Forschung, die sich jedoch hinter einer schwer zugänglichen Begrifflichkeit verschanzen, in die Gesellschaft zu tragen, sind die Wissenschaftler*innen einer in der Wissenschaftskommunikation eher ungewöhnlichen Idee verfallen. Sie haben ihre Texte, in denen sie ihre Forschungsprojekte und -ergebnisse beschreiben, von den Künstlerinnen Tiziana Beck und Johanna Benz bebildern lassen. Entstanden ist ein amüsantes, so manche Eigenwilligkeit der Welt der Wissenschaft und der Wissenschaftlerinnen humorvoll kommentierendes visuelles Lesebuch über analoge und virtuelle „Räume in Veränderung“.

Grafische Übersetzung einer wissenschaftlichen Aussage

Die 16 Beiträge in dem Lesebuch beschäftigen sich unter anderem mit dem städtischen Leben während Corona, dem Raumwissen junger Menschen, dem Phänomen von Migration und Tourismus, der transregionalen Tomate, der Wirksamkeit von NGOs, dem historischen Wandel von Kontrollzentralen, der südkoreanischen Smart City New Songdo, dem digitalen städtebaulichen Planen, der Wahrnehmung von Räumen durch Apps und mit „Raumaneignungen an Orten des Asyls“. In diesem Beitrag heißt es: „Unser Projekt versucht ..., Geflüchtete als handlungsmächtige Akteur*innen zu verstehen, die Asylarchitekturen durch physisch-materielle und symbolische Aneignungsprozesse entscheidend mitprägen.“

Was nun machen Tiziana Beck und Johanna Benz aus diesem Satz? Ihre kleine Grafik zeigt ein mit einem Nagel an einer Wand befestigtes ungerahmtes Bild/Foto, das mit dem Kommentar versehen wurde „Aneignung von Räumen“, und einen Vorhang, auf den ein Pfeil weist mit dem Kommentar „Rekonstruktion von Erinnerung“. Hinter dem Vorhang lugen drei etwas verhuscht dreinblickende Figuren („handlungsmächtige Akteur*innen“) hervor. Es sind diejenigen, die in dieser „Asylarchitektur“ (Container/Zelt) wohnen und mit dem Anbringen des Vorhanges und des Bildes den Versuch unternahmen, der Unwirtlichkeit eines solchen Containers so etwas wie Behaglichkeit einzuhauchen und die Erinnerung an das aufgegebene Heim in das neue Container-Zuhause zu holen („physisch-materielle … Aneignungsprozesse“). Die grafische Übersetzung des wissenschaftlichen Satzes ist also kurz gesagt: Die Asylsuchenden versuchen, sich ihre Unterkünfte wohnlich zu machen.

„Das echte Leben. Bitte“

Um die manipulative Übermacht von Renderings in der Stadtplanung geht es unter anderem in dem Text „Digitales städtebauliches Planen“.  Renderings, so die Autor*innen des Beitrages, muten wie Fotos an und suggerierten von daher, dass die Entwürfe bereits Wirklichkeit seien, spielten bei der Legitimation von Stadtentwicklungsprojekten eine zentrale Rolle, erzeugten bei Stakeholdern eine positive Grundstimmung gegenüber einem geplanten Projekt und ließen „schöne neue Welten“ entstehen, in denen lokale Realitäten, Konflikte und Widersprüche unsichtbar blieben. Diese Aussage reizte die Grafikerinnen zu einer kommentierenden Zeichnung, auf der ein vor einem Computer kniender Mensch (kritischer Bürgermeister?) zu sehen ist, der den Computer anfleht: „Deine Bilder sind verlogen. Simulier‘ mir den Verfall. Das echte Leben. Bitte“.

Eine Million Tweets von Berliner*innen ausgewertet

Der Forschungsgegenstand des Sonderforschungsbereichs sind die analogen und virtuellen Räume, ihre Verflechtungen und Veränderungen durch die Transnationalisierung und Digitalisierung und die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Handeln und Zusammenleben der Menschen. In dieser ersten Phase des Sonderforschungsbereichs von 2018 bis 2021 wurden viele empirische Studien durchgeführt – so wurden fast 3000 Berliner*innen im ersten Lockdown der Pandemie online befragt, eine Million Tweets von Berliner*innen und 100 000 Tweets von Menschen in Jerusalem ausgewertet, Kontrollzentralen in Rio de Janeiro, Seoul und Glasgow untersucht, Menschen aus der Mittelschicht in Nairobi und Berlin interviewt und Asyl-Orte in Deutschland und Jordanien miteinander verglichen.  Über die so entstandene Empirie, schreiben die Herausgeberin Prof. Dr. Johanna Hoerning (HafenCity Universität Hamburg) und der Herausgeber Prof. Dr. Philipp Misselwitz (TU Berlin) in ihrem Vorwort, soll eine Raumtheorie entwickelt werden, „die die neuen Komplexitäten der uns umgebenden Räume beschreiben und deuten kann“. Anhand der einzelnen Kapitel des Bandes zeigen die Projekte, was das bedeutet: Es heißt, nicht nur die vielschichtigen Verbindungen zwischen Orten weltweit in den Blick zu nehmen, die über Migration und Ökonomie hergestellt werden, sondern auch den alltäglichen Perspektiven der Menschen und der Verschränkung von Digitalem und Analogem nachzuspüren.

Sfb = Super-Frische-Brause?

Die entstandenen Zeichnungen leben von der provokanten, erfrischend frechen Unbekümmertheit der Künstlerinnen, mit dem sie sich dem Wissenschaftsbetrieb im Allgemeinem und dem Forschungsgegenstand in dem Sonderforschungsbereich (Sfb) im Konkreten nähern. So illustrieren sie das Vorwort von Prof. Dr. Johanna Hoerning und Prof. Dr. Philipp Misselwitz mit der gezeichneten Frage, was sich hinter der Abkürzung Sfb verstecken könnte, die zwar für Wissenschaftler*innen gang und gäbe ist, aber über den Wissenschaftskosmos hinaus kaum bekannt sein dürfte. Zur Auswahl stellen Tiziana Beck und Johanna Benz drei Antworten: Super-Frische-Brause, Sonder-Figurations-Bedarf oder Sonder-Forschungs-Brei. Die Wissenschaftler*innen des Sfb zeigen so nicht nur ihre Forschungsinhalte in vereinfachter und zugänglicher Weise, sondern bieten auch Einblicke in den Wissenschaftskosmos, die dessen Selbstbezüglichkeit auf ironische Art überwindet.

Das visuelle Lesebuch

Räume in Veränderung. Ein visuelles Lesebuch. Ein- und Ausblicke des interdisziplinären Forschungsverbundes zur Refiguration von Räumen, Hrsg. von Johanna Hoerning und Philipp Misselwitz in Kooperation mit graphicrecording.cool, Jovis Verlag GmbH Berlin 2021, 243 Seiten, ISBN 978-3-86859-721-9 (Softcover), ISBN 978-86859-993-0 (PDF), https://www.jovis.de/de/buecher/product/raeume-in-veraenderung-ein-visuelles-lesebuch.html

Kontakt

Dr.

Johanna Hoerning

HafenCity University Hamburg

johanna.hoerning@hcu-hamburg.de

Lucie Bernroider

Sonderforschungsbereich 1265 „Re-Figuration von Räumen“

lucie.bernroider@tu-berlin.de