Technische Universität Berlin
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Medieninformation | 28. Oktober 2021 | rb

Geflüchtet, weiblich, chancenlos?

Berliner Pilotvorhaben zeigen Wege zur Integration von Frauen mit Fluchthintergrund in den Arbeitsmarkt auf

Wie kann eine berufliche und damit gesellschaftliche Integration von geflüchteten Frauen - auch nach Jahren - gelingen? Dazu veröffentlichen im Rahmen des europäischen Projekts „Integrating Refugees in Society and the Labour Market through Social Innovation“ die Technische Universität Berlin, der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin e.V. und die Initiative Selbständiger Immigrantinnen e.V. jetzt aktuelle Ergebnisse zweier Pilotvorhaben, die einen Beitrag zur Berliner Integrationspolitik leisten können.

Fremde Sprache, fremde Kultur, fremde Menschen – die Flucht in ein anderes Land stellt Betroffene und ihre Familien vor große soziale und berufliche Herausforderungen. Besonders geflüchtete Frauen sind in der ersten Zeit, oftmals gebunden durch familiäre Pflichten, kaum in der Lage, sich mit der Wiederaufnahme eines Berufes zu befassen. Doch wie entwickelt sich ihr weiterer Werdegang? Welche Herausforderungen haben frühere Schneiderinnen, Ingenieurinnen oder Lehrerinnen zu meistern?

Diesen Fragen sind Teams aus Bologna, Parma, Ljubljana, Wien und Berlin im Zuge des Projekts „Integrating Refugees in Society and the Labour Market through Social Innovation“ (SIforREF) nachgegangen und haben in den vergangenen Monaten verschiedene innovative Ansätze in der Flüchtlingsarbeit entwickelt. Die beiden Pilotvorhaben in Berlin – „Selbständigkeit und ich“ der Initiative Selbständiger Immigrantinnen e.V. und „Work for Refugees“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes e.V. – begleiteten und untersuchten seit April 2019 die Beschäftigung und Existenzgründung von geflüchteten Frauen. Koordiniert wurden die beiden Piloten durch das Team von Hans-Liudger Dienel, Professor für Arbeitslehre an der TU Berlin. „Vorrangig geht es im SIforREF-Projekt um eine gute Flüchtlingspolitik in Europa. Aber natürlich können die Berliner Erfahrungen und Ergebnisse auch zur schnellen Integration geflüchteter Frauen aus Afghanistan dienen, die zurzeit in unsere Stadt kommen“, so Hans-Liudger Dienel. Bis April 2022 sollen daher Empfehlungen, basierend auf den Projektergebnissen, für die lokale und transeuropäische Integrationspolitik erarbeitet werden.

Unterstützung statt Hoffnungslosigkeit

In Deutschland waren 2019 nur rund drei Prozent der selbstständig Beschäftigten mit Fluchterfahrung Frauen, obwohl im Heimatland noch jede vierte Frau selbstständig gearbeitet hatte. In Berlin waren nur 17 Prozent der Frauen mit Fluchterfahrung überhaupt erwerbstätig.

Deshalb widmete sich das Berliner Pilotvorhaben „Selbständigkeit und ich“ der Unterstützung von zwei Dutzend geflüchteter Frauen bei der Realisierung einer (erneuten) beruflichen Selbstständigkeit. Gegenstand der wöchentlichen Workshops und individuellen Coachings in Muttersprache waren zunächst jedoch nicht Geschäftsideen und Arbeitsmarktzugang. „Es wurde sehr deutlich, dass die langjährige Ausgrenzung aus der Gesellschaft und dem Arbeitsmarkt bei vielen Frauen zu Depressionen und Hoffnungslosigkeit geführt haben,” erklärt Susan Hennessy vom Verein Initiative Selbständiger Immigrantinnen. „Die eigenen Fähigkeiten und Potenziale in einem geschützten Umfeld neu zu entdecken sowie der Zugang zu neuen sozialen Netzwerken verringern allerdings diese psychische Last.“

Ähnlich sind auch die Erfahrungen im Pilotvorhaben „Work for Refugees“. „Wichtig ist das Zuhören und Hoffnung machen, das gemeinsame Erarbeiten von Stärken, das Motivieren und das Begleiten auf dem Weg in die Arbeit”, beschreibt Reem Derhalli vom Paritätischen Wohlfahrtsverband LV Berlin e.V. die Situation vieler Frauen mit Fluchterfahrung. Nach rund 60 Erst-Beratungsgesprächen und fünf Workshops konnten bereits ein Viertel der teilnehmenden Frauen direkt in Qualifizierung oder Arbeit vermittelt werden.

Soziale Innovation in der Flüchtlingsarbeit notwendig

In beiden Pilotvorhaben gelang es, geflüchtete Frauen zu kontaktieren, die bislang nicht mit Orientierungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen erreicht worden waren, obwohl sie schon mehrere Jahre in Berlin lebten. Entscheidend war ein zweckmäßiges, niedrigschwelliges (Beratungs-) Angebot, dort wo sich die Frauen aufhielten, der Zugang zu Kinderbetreuung während Beratungen, Aus- und Weiterbildungen sowie die Anerkennung von Berufserfahrungen und Qualifikationen. Zudem wurde deutlich, dass bei zukünftigen Eingliederungs- und Fördermaßnahmen die individuellen Hintergründe, persönlichen Stärken und beruflichen Potenziale von Frauen mit Fluchthintergrund stärker berücksichtigt werden müssen.

„Ich halte es für eine wichtige Aufgabe der Sozialwissenschaften, die Politik im Interesse von Teilhabe und Integration von Flüchtlingen zu beraten. Die erfolgreiche Arbeit unserer beiden Piloten sollte verstetigt werden, damit auch andere Städte vor Ort praktischen Nutzen daraus ziehen können“, so TU-Professor Hans-Liudger Dienel.

 

Integrating Refugees in Society and the Labour Market through Social Innovation”(SIforREF) ist ein Projekt von etablierten Partnerorganisationen in vier mitteleuropäischen Regionen mit dem Ziel, die Integration von Geflüchteten in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt zu verbessern. Finanziert wird das Vorhaben für die Dauer von drei Jahren von der Europäischen Kommission über das Interreg-Programm. In den Jahren 2019 und 2020 wurden im Projekt sozial innovative Integrationsmaßnahmen untersucht, verglichen und bewertet. Darauf aufbauend wurden sieben Pilotvorhaben entwickelt und im Sommer 2021 praktisch umgesetzt. Das Berliner Team besteht aus Forschenden der TU Berlin, der Beauftragten des Berliner Senats für Integration und Migration sowie den Vereinen Initiative Selbständiger Immigrantinnen und Paritätischer Wohlfahrtsverband LV Berlin.

 

Weitere Informationen zum Projekt „SIforREF“ und den Pilotvorhaben

Videos über die verschiedenen Pilotvorhaben

 

Kontakt

Tobias Biehle

Wiss. Mitarbeiter_in

tobias.biehle@tu-berlin.de

+49 30 314-78844

Einrichtung Arbeitslehre/Technik und Partizipation