Technische Universität Berlin

Medieninformation | 26. November 2021 | pp

Paris: Kunst-Geschäfte während der deutschen Besatzungszeit

Recherche-Portal über die Akteure des Kunstmarktes in Frankreich 1940 – 1945 geht online

Der französische Kunstmarkt boomte während der deutschen Besatzung 1940 bis 1945. Kunstraub wurde legitimiert, Provenienzen wurden verschleiert, Geschäftsabschlüsse vertuscht. Museen wie Führungseliten des Nationalsozialismus bereicherten sich systematisch an hochwertigen Objekten, die zum Teil aus jüdischem Besitz stammten.  Am 3. Dezember 2021 veröffentlicht das Institut national d’histoire de l’art (INHA) ein digitales Open Access-Portal mit einem Repertorium von mehr als 150 biografischen Artikeln über die Akteure dieses Kunstmarktes. Es wurde von internationalen Expert*innen im Rahmen eines deutsch-französischen Forschungsprojekts erarbeitet, auf deutscher Seite geleitet von Dr. Elisabeth Furtwängler vom Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik, Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne, auf französischer Seite von Dr. Ines Rotermund-Reynard.

„Das Portal wird weltweit all denen helfen, die fast 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Wunsch haben, Licht in das Schicksal von Menschen und geraubten Kunstwerken zu bringen.“ Dieser Überzeugung sind Elisabeth Furtwängler und ihre Fachkollegin Ines
Rotermund-Reynard vom INHA. „Die Artikel sind von 70 internationalen Autor*innen verfasst und rekonstruieren den Werdegang von Personen, veranschaulichen die vielschichtigen Netzwerke, in denen sie sich bewegten und verweisen auf Werke, die durch ihre Hände gingen. Sie sollen Forscher*innen auf der ganzen Welt als Hilfsmittel für das Verständnis des Kunstmarkts dieser Zeit dienen.“

Der offizielle Launch der Webseite erfolgt im Rahmen einer Veranstaltung, die in Paris in Präsenz stattfindet und später online auf dem YouTube-Kanal des INHA abrufbar sein wird.

Zeit: 3. Dezember 2021, 18.30-20 Uhr
Ort: Institut national d’histoire de l’art, Galerie Colbert, Auditorium Jacqueline Lichtenstein, 75 002 Paris

YouTube-Kanal des INHA: www.youtube.com/channel/UCvWtEiy6IYIJLQhIWlohhkQ

Das Repertorium wird zunächst auf Französisch und Deutsch auf den Seiten des INHA zu finden sein, eine englische Übersetzung ist für das Frühjahr 2022 geplant. Es beinhaltet Porträts von Händler*innen, Gutachter*innen, Agent*innen und anderen, die auf dem Markt tätig waren und verweist auf Archivquellen, die Kunsthistoriker*innen, Provenienzforscher*innen sowie allen, die sich um Aufklärung bemühen, bei ihrer Arbeit weiterhelfen werden.

Nach Vertreibung und Ermordung bisheriger Protagonist*innen begünstigten neue Akteure einen florierenden Handel – auch geraubter Kunst

Dem Kunstraub der Nationalsozialisten widmen sich bereits zahlreiche Publikationen, Forschungsprojekte und Datenbanken. Ein umfassendes Forschungsprojekt zum französischen Kunstmarkt während der deutschen Besatzungszeit fehlte jedoch bislang. Die Kenntnis über die Objekttransfers, die von der deutschen Besatzung in Frankreich begünstigt wurden, über den illegalen Handel mit und den Raub von Kunstwerken, weist noch etliche Lücken auf. Denn neue Akteure veränderten die üblichen Handelswege, nachdem ein Teil der bisherigen Protagonist*innen ausgeschlossen, vertrieben oder ermordet worden waren. Eine umfassende Identifikation der damaligen Akteure, ihrer Operationen und der Werke, die durch ihre Hände gegangen sind, sei für die Recherche der Provenienzforscher*innen unabdingbar, so die Forscherinnen. Die Artikel des „Repertoriums der Akteure auf dem französischen Kunstmarkt während der deutschen Besatzung 1940–1945“ werden ergänzt durch 830 dokumentarische Einträge, die Fakten zu Privatpersonen und Körperschaften liefern. Das veranschaulicht die Diversität der Akteur*innen und deren vielschichtigen Netzwerke, innerhalb derer die Kunstwerke weitergegeben wurden: Kunsthändler*innen, Galerist*innen, Makler*innen, Gutachter*innen, Antiquitätenhändler*innen, Auktionator*innen, Transportunternehmen, Fotograf*innen, Kunsthistoriker*innen, Museumspersonal, Künstler*innen, Sammler*innen, Kunstliebhaber*innen und Vermittler*innen aller Art.

Öffnung von französischen Gerichtsakten, von Stadt- und Nationalarchiv

Intensiv konnten die Autorinnen, aufgrund der seit 2015 fortschreitenden Öffnung französischer Archivbestände zum Zweiten Weltkrieg auch diese nutzen. So konnten unter Leitung von Ines Rotermund-Reynard erstmals die Gerichtsakten des Pariser Stadtarchivs, des französischen Nationalarchivs sowie der Archive der Pariser Polizeipräfektur miteinander abgeglichen werden. Zudem wurden verstärkt Archivbestände deutscher Museen mit dem Fokus der französischen Erwerbungen und darin involvierter Personen gesichtet. 

Eine Publikation zu den Museen als Akteure des französischen Kunstmarkts während der deutschen Besatzung (1940-1945) bereitet Elisabeth Furtwängler gegenwärtig gemeinsam mit ihrem Forschungskollegen Mattes Lammert vor, die 2022 bei De Gruyter erscheint.

Die Partnerinstitutionen des Projekts

Das 2017 von den Hauptpartnern INHA und TU Berlin initiierte, seit 2018 von Elisabeth Furtwängler (TU Berlin) und Ines Rotermund-Reynard (INHA) durchgeführte Projekt wurde auf deutscher Seite vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg finanziert. Unterstützt wurde es zudem durch das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris. Weitere namhafte Partnerinstitutionen aus der Schweiz (Kunstmuseum Bern, Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne), aus den USA (Association of Art Museum Directors, Washington DC) und aus Österreich (Lexikon der österreichischen Provenienzforschung, Wien) beteiligten sich an dem Projekt. Die Datenbank ist zudem das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit den „Archives nationales“, den „Archives de Paris“ und den „Archives diplomatiques du ministère de l’Europe et des Affaires étrangères“ (MEAE).

Kontakt

Dr.

Elisabeth Furtwängler

Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne

e.furtwaengler@tu-berlin.de

+49 (0)30 314-25012

Einrichtung Technische Universität Berlin

Marie-Laure Moreau

Leiterin Kommunikation

marie-laure.moreau@inha.fr

+33 (0)1 47 03 89 50

Einrichtung Institut national d’histoire de l’art