Technische Universität Berlin
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Medieninformation | 15. November 2021 | sn

Befreit die Sexroboter!

Wie Fembots ein heteronormatives, binäres Geschlechterbild fortschreiben

Sie haben straffe Brüste, runde Pos, Wespentaillen, lange Beine, flache Bäuche, glänzendes Haar, volle Lippen, hohe Wangenknochen – kurzum sie sind schön. Und sie können sprechen und stöhnen und heißen Harmony, Tanya oder Solana. Harmony und Co. sind erste Sexroboter mit künstlicher Intelligenz und für Dr. Tanja Kubes Ausdruck eines in weiblichen Stereotypen verharrenden männlichen Blicks auf Frauen, Sexualität, Geschlecht und Begehren. „Diese Sexpuppen erinnern in ihrem Äußeren komplett an das Barbie-Schönheitsideal.“

Dr. Tanja Kubes beschäftigte sich in den vergangenen zwei Jahren in dem Forschungsprojekt „Leben und Lieben mit Robotern“ am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin mit Sexrobotern, untersuchte, was es für Sexroboter auf dem Markt gibt, betrachtete sie aus technischer, soziologischer und philosophischer Sicht und fragte, wie von Heteronormativität „entkleidete“, also queere Sexroboter aussähen und ob sie neue Formen des Begehrens aufzeigen könnten.

Konservatives Frauenbild: willig, folgsam, dienend

„Die aktuellen Sexrobotermodelle zeichnen sich jedoch nicht nur in ihrem Äußeren durch eine extreme Übersteigerung stereotyper Weiblichkeitsideale aus, auch die Eigenschaften und Funktionalitäten, zwischen denen der oder die Nutzende wählen kann, widerspiegeln ein konservatives Frauenbild“, sagt Dr. Tanja Kubes. Man könne die mit künstlicher Intelligenz ausgestatten Puppen mit typisch weiblich konnotierten negativen Eigenschaften wie eifersüchtig, unsicher, launisch oder positiven wie liebevoll, sinnlich, gesprächig, hilfsbereit personalisieren, wobei auch intelligent zur Verfügung stünde, und da sie sich in jede beliebige Position biegen lassen, transportierten diese Roboterfrauen das Bild der passiven, immer willigen, folgsamen, dienenden Partnerin. Damit würden sie, so Kubes, dazu einladen, Unterdrückungs- und Machtphantasien auszuleben. Nach der Nutzung sollte die Sexroboterfrau übrigens an einen Haken oder den mitgelieferten Ständer gehängt werden. So soll vermieden werden, dass der runde Silikonpo plattgedrückt wird.

Produkt der Mainstream-Pornografie

Für die Soziologin und Ethnologin sind diese Gynoiden oder Fembots, also diese weiblichen humanoiden Sexroboter, ein weiteres Produkt aus der heterosexuellen Mainstream-Pornografie und „ein Beleg dafür, dass neuartige Technikkonstruktionen auch im 21. Jahrhundert noch einem sexistischen und konservativen männlichen Kanon folgen“. Eine Ursache dafür sieht sie in der I-Methodology, von der die Entwicklungsteams ihrer Meinung nach geleitet sind. Diese Methode bezeichnet eine Herangehensweise bei der Technikentwicklung, bei der der Entwickelnde oder die Entwickelnde das Produkt nach den eigenen Vorstellungen, Bedürfnissen und damit auch einhergehenden Limitierungen designt. „Und bei den von mir untersuchten Fembots sind diese offensichtlich nach den stereotypen Vorstellungen des heterosexuellen weißen Mannes geformt“, erklärt Dr. Tanja Kubes. Eine andere Ursache sei die Orientierung der Entwicklungsteams an Genderskripten wie zum Beispiel „Mann verführt Frau“ oder „Männer sind aktiv, Frauen passiv“. Das Ergebnis aus der Kombination beider Methoden sei eine sprechende Sexpuppe mit einem hypernaturalistischen, weiblichen Körper, in die Geschlechterbinarität (Mann – Frau), Heteronormativität und eine auf den Vaginalverkehr fixierte Sexualität als Norm eingeschrieben sind, wodurch wiederum Konzepte wie Sexismus, Rassismus und Androzentrismus (der Mann ist die Norm) verfestigt würden.

Trotz integrierter künstlicher Intelligenz verspiele diese Art von Sexroboter laut Kubes deshalb das Potenzial, Sexualität, Begehren und Liebe „abseits gewohnter Normierungen zu erkunden und die Chance, leibliche Erfahrungen jenseits tradierter materieller und biologischer Grenzziehung zu machen“. Dieses Potenzial könnten sie jedoch haben, würden sie von einer queeren Position völlig neu gedacht und damit ganz anders gemacht werden. „Ein Grundanliegen von Queerness ist es, als natürlich empfundene Werte, Normen und Setzungen in ihrer Gemachtheit zu identifizieren und auf die ihnen innewohnenden Machtverhältnisse, Ungleichheits- und Ausgrenzungsmechanismen hinzuweisen“, sagt Dr. Tanja Kubes.

Robotische Modelle für diverse Formen von Begehren

Ausgehend von diesem queeren Ansatz hält sie es für problematisch, dass Entwicklungsteams ihren Ehrgeiz in einen Hyperrealismus legen, Sexroboter so menschenähnlich wie nur möglich erscheinen zu lassen. Vielmehr sollten die Sexroboter „ent-gendert“ werden. Das heißt, die Entwicklungsteams sollten robotische Modelle entwerfen, deren sexuelle Funktionalitäten zur Befriedigung vielfältiger Formen von Lust und Begehren dienen, um die menschliche Sexualität von ihren „androzentrischen Begrenzungen“ zu befreien. „Da muss deutlich über Öffnungen und/oder phallische Elemente hinausgedacht werden, vorstellbar wären Formen, die nicht statisch sind, Wärme- und Kälteelemente, Infrarotlicht, Flüssigkeiten und Öle. Körper könnten in nichthumanoiden Varianten gestaltet und somit fluide Geschlechts-Identitäten entworfen werden. Ein solcher Sexroboter ähnelte keinem Menschen mehr“, so Kubes. Die sexuelle Beziehung würde ganz bewusst mit einem technischen Artefakt eingegangen und nicht mehr mit einer hypersexualisierten Silikonfrauenpuppe. Dies, so Kubes, würde die heutigen Sexroboter, in denen derzeit eben noch ein zweigeschlechtliches, heteronormatives und androzentrisches Verständnis von Sex, Gender und Begehren fortgeschrieben wird, befreien.

Posthumanen Lust-Gefährt*innen: Technik, die Grenzen verschiebt

„Queere Sexroboter könnten dazu beitragen, sexuelle Befriedigung, emotionale Bindungen und Glück jenseits zwischenmenschlicher Beziehungen zu erlangen. Sie könnten zu Posthuman-Pleasure-Companions, also zu posthumanen Lust-Gefährt*innen werden. Und sie könnten auch die bedenklichen Tendenzen unterbrechen, dass Roboter, die im Servicebereich in Hotels, Supermärkten, Bahnhöfen eingesetzt werden, Frauen gleichen. Damit beflügelten queere Sexroboter die Diskussion darüber, Technik aus einer nicht-männlichen, sondern queeren Position zu entwickeln, einer Technik, die Grenzen verschiebt“, resümiert Dr. Tanja Kubes.

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Einrichtung Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin