Technische Universität Berlin

Medieninformation | 23. Juni 2021 | wrt

Green Deal: TU Berlin erhält zwei Millionen Euro von der EU

4 von 72 geförderten Projekten aus ganz Europa mit Beteiligung der TU Berlin

Es war die letzte und größte Förderrunde im Forschungsprogramm Horizont 2020 der Europäischen Union. Mit dem „Green Deal“ will die EU-Kommission auf die Klimakrise reagieren und Europas Erholung von der Corona-Pandemie beschleunigen. Nun haben zwei Projekte, die von der TU Berlin federführend betreut werden, und zwei Projekte mit maßgeblicher Beteiligung der TU Berlin eine Förderzusage erhalten. Die Forschenden arbeiten dabei mit insgesamt 88 Partnerinstitutionen und Firmen zusammen. Die anteilige Förderung, die die TU Berlin direkt erhält, beträgt über zwei Millionen Euro. Aus 1550 Projektanträgen hatten 800 externe Expert*innen für die EU-Kommission europaweit nur 72 Kooperationen für eine Förderung ausgewählt. Die gesamte Fördersumme des Green Deal beträgt eine Milliarde Euro.

„Dass die TU Berlin bei einer so großen Anzahl von Projektanträgen gleich viermal gefördert wird, ist ein schöner Erfolg“, sagt TU-Präsident Prof. Dr. Christian Thomsen. „Das stärkt nicht nur unser Engagement und unsere Expertise in der Bekämpfung der Klimakrise, sondern wird auch unser globales Netzwerk noch einmal erweitern.“ Regional sei dies durch den Aufbau des Climate Change Centers Berlin Brandenburg bereits gut etabliert worden. „Wichtig ist auch, dass es in den Projekten neben exzellenten ingenieurtechnischen Entwicklungen verstärkt um die Beteiligung der Bevölkerung und die Verbreitung von vorbildlichen Lösungen geht“, so Thomsen. Dass sich gleich zwei Projekte unter Führung der TU Berlin mit dem afrikanischen Kontinent beschäftigen, biete die Möglichkeit für enge Kooperationen auch innerhalb der Universität.

Die geförderten Projekte im Einzelnen

Konfliktpotential frühzeitig erkennen

ENERGICA: Diese Projektkooperation mit 28 Partnerinstitutionen wird koordiniert von Prof. Dr. Boris Heinz vom Fachgebiet Decarbonized Energy Systems der TU Berlin. Die EU-Kommission fördert es mit insgesamt zehn Millionen Euro über eine Laufzeit von vier Jahren. Der Förderanteil, der auf die TU Berlin entfällt, beträgt gut eine Million Euro. Drei Projektstandorte auf dem afrikanischen Kontinent stehen dabei im Fokus: In den Vororten von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, produzieren Solarzellen und Biogasanlagen nicht nur Strom, sondern sorgen integriert in eine Wasseraufbereitungsanlage auch für sauberes Trinkwasser und natürlichen Dünger. In Nairobi können Taxifahrer*innen mit Elektrorollern ihre Fahrzeuge an solarbetriebenen Tankstellen aufladen – und so zu saubererer Luft in Kenias Hauptstadt beitragen. In ländlichen Regionen von Madagaskar schließlich werden sogenannte „Nano-Grids“ aufgebaut. Das sind dezentrale Stromnetze, die nur etwa zehn Häuser umfassen und Solarstrom verteilen, der mit Hilfe von Wasserstoff und Brennstoffzellen auch zwischengespeichert werden kann.

„Neben einzelnen technischen Innovationen geht es uns bei diesem Projekt vor allem darum, die beteiligten Interessengruppen frühzeitig einzubeziehen und den Dialog über Betrieb und Nutzung der Anlagen mit lokalen Partnern zu moderieren“, sagt Boris Heinz. Denn wie überall gäbe es durch verschiedene Interessen auch Konfliktpotential: Wird der Solarstrom zum Betrieb von elektrischen landwirtschaftlichen Geräten, für die Kühlung der Obsternte oder für Wasserpumpen genutzt? Auf welchen Strecken können sich Nairobis Rollertaxis mit neuer Energie aufladen? Und wer darf sich durch die Nähe einer Wasseraufbereitungsanlage in Freetown über gesicherten Zugang zu Trinkwasser freuen? „Werden hier in einem transparenten Prozess die Weichen richtig gestellt, erhöht das auch die Identifikation mit dem Projekt und damit die Nachhaltigkeit“, erklärt Heinz. Er konnte bei der Planung auf Netzwerke zurückgreifen, die er durch ein gerade laufendes Projekt auf der französischen Insel Mayotte nahe Madagaskar geknüpft hat. Zudem arbeitet er seit langem mit dem Umweltprogramm der vereinten Nationen sowie mit der Nichtregierungsorganisation Hudara zusammen, die er mitgegründet hat. Sie hat sich auf das Community-Management in Regionen spezialisiert, die besonders von Armut, Konflikten oder dem Klimawandel betroffen sind.

Für die Arbeit an den drei weiteren Projekten erhält die TU Berlin insgesamt eine Million Euro

Leuchtturmprojekte schnell verbreiten

Smart Energy Solutions for Africa (SESA): Dieses Projekt wird administrativ koordiniert vom globalen Städtenetzwerk ICLEI, das seinen Hauptsitz in Bonn hat. Die technische Koordination der 30 Projektpartner liegt allerdings ebenfalls bei der TU Berlin; verantwortlich ist Dr. Oliver Lah, Leiter der Urban Change Maker Group am Lehrstuhl für internationale Urbanistik von Prof. Dr. Philipp Misselwitz in Kooperation mit dem Programm UN-Habitat der Vereinten Nationen und dem Wuppertal Institut. SESA verfolgt einen dreigeteilten Ansatz, um vorbildliche Projekte in afrikanischen Ländern schnell auf ihre Tauglichkeit für andere Regionen des Kontinents zu überprüfen und funktionierende Konzepte dann möglichst weit zu verbreiten. Die erste Phase startet in Kenia, wo zum Beispiel Wasserhyazinthen aus dem Viktoriasee zur Erzeugung von Biogas verwendet werden. Bauern entfernen sie dort großflächig, weil sie als invasive Spezies die Artenvielfalt gefährden. In anderen Teilprojekten geht es um die Wiederverwendung von gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien oder die Straßenbeleuchtung mit Solarlaternen. In dieser Phase steht die technische und ökonomische Optimierung im Vordergrund.

„Im zweiten Schritt überprüfen wir, ob diese Geschäftsmodelle auch in sozio-ökonomisch und geografisch unterschiedlichen Regionen funktionieren und damit Blaupausen für Energielösungen mit transformativem Charakter liefern“, erklärt Oliver Lah. Dazu wurden die Länder Ghana, Südafrika, Malawi und Marokko ausgewählt. Im Projekt wird ein Werkzeugkasten aus Trainingsunterlagen, Geschäftsmodellen und Ökobilanzen erstellt. Mit ihm soll dann in Namibia, Tansania, Ruanda und Nigeria in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern getestet werden, ob sich die Konzepte gut übertragen lassen.

Flexible Gasturbine für Wasserstoff und Biogas entwickeln

Bio-FlexGen: Das Projekt kombiniert die Umwandlung von grün erzeugtem Wasserstoff – etwa durch Solar- oder Windkraft – und Biomasse in elektrische Energie und Wärme. Grüner Wasserstoff wird als Schlüsseltechnologie zur Stabilisierung der elektrischen Netze und der Dekarbonisierung der Energieerzeugung angesehen. In Bio-FlexGen wird eine neue Gasturbinentechnologie entwickelt, die es erlaubt, sowohl Wasserstoff zum schnellen Ausgleich von Laständerungen im elektrischen Netz als auch Biomasse zu verwenden, die effizient und mit geringen Betriebskosten zu Gas umgesetzt werden kann. Die hohe Effizienz der Anlage verspricht bei der Verwendung von Biomasse eine dreifach höhere elektrische Leistung bei gleicher Wärmeabgabe als dies bisher in thermischen Kraftwerken realisiert wurde. Zudem erlaubt die Anlage auch den Betrieb mit bis zu 100% Wasserstoff bei deutlich höheren Wirkungsgraden als bisher. Das Fachgebiet Experimentelle Strömungsmechanik an der TU Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Christian Oliver Paschereit arbeitet am Herz der Gasturbine – der Brennkammer – die sowohl mit der wechselnden Zusammensetzung des Biogases als auch mit dem Wasserstoff zurechtkommen muss. Diese neue Anforderung kann bisher von keiner Gasturbine erfüllt werden. Projektkoordinator von Bio-FlexGen ist die schwedische Forschungsorganisation RISE.

Bürger*innen mit neuen Formaten beteiligen

Real_Deal: Hier geht es um die aktive Beteiligung der europäischen Bürger*innen am gesamten Prozess des Green Deal. Koordiniert wird das Projekt vom größten zivilgesellschaftlichen Umweltnetzwerk in Europa, dem „European Environmental Bureau“ in Brüssel. Projektpartner aus der TU Berlin ist das Fachgebiet Arbeitslehre/Technik und Partizipation (ArTe) unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Liudger Dienel. Sein Team hat die sogenannten Bürgerräte im Blick – das sind durch zufällige Auswahl zusammengesetzte Beteiligungsgremien von Bürger*innen. ArTe wird die verschiedenen Formate dieser Bürgerräte vergleichen und die für den Green Deal relevanten Interessensgruppen und ihre Beziehungen untereinander analysieren. Als Digital- und Präsenzveranstaltungen will Real_Deal Bürgerversammlungen in mindestens 13 europäischen Ländern ermöglichen und aus diesen Erfahrungen Empfehlungen für solche Veranstaltungen erarbeiten. Ziel ist es, den Green Deal durch Bürgerbeteiligung auf ein breites Fundament zu stellen. Geschlechtergerechtigkeit sowie die Beteiligung von Jugendlichen und marginalisierten Gruppen stehen dabei im besonderen Fokus.

Kontakt

ENERGICA

Prof. Dr. Boris Heinz
Fachgebiet Decarbonized Energy Systems
Technische Universität Berlin
Tel.: +49 (0)30 314 21710
E-Mail: b.heinz(at)tu-berlin.de

Smart Energy Solutions for Africa (SESA)

Dr. Oliver Lah
Urban Change Maker Group
Lehrstuhl für internationale Urbanistik
Technische Universität Berlin
Tel.: +49 (0)30 288 7458 16
E-Mail: oliver.lah(at)tu-berlin.de

Bio-FlexGen

Prof. Dr.-Ing. Christian Oliver Paschereit
FG Experimentelle Strömungsmechanik
Hermann-Föttinger-Institut (HFI)
Technische Universität Berlin
Tel.: +49 (0)30 314 79777
E-Mail: oliver.paschereit(at)tu-berlin.de

Real_Deal

Prof. Dr. Hans-Liudger Dienel
Fachgebiet Arbeitslehre/Technik und Partizipation (ArTe)
Zentrum Technik und Gesellschaft
Technische Universität Berlin
Tel.: +49 (0)30 314 21406
E-Mail: hans-liudger.dienel(at)tu-berlin.de