Technische Universität Berlin

Medieninformation | 20. Juli 2021 | pp

Transnationale Forschung in Afrika und Europa

Unterbrochene Wissensketten in musealen Sammlungen sollen wiederverknüpft werden – Doppelausstellung in Oxford und Dakar geplant – 1,5 Millionen Euro von der VolkswagenStiftung

Die koloniale Geschichte sogenannter ethnologischer Museen in Europa und ihre fortbestehenden Formen werden derzeit intensiv diskutiert. Die mittlerweile global entflammte Debatte um die Herkunft musealer Objekte zeigt: Es braucht neue Konzepte und Praxen, die über die europäische Idee des Museums hinausgehen. Im Rahmen ihrer gemeinsamen Ausschreibung „Globale Herausforderungen – Integration unterschiedlicher Perspektiven zu Erbe und Wandel“ haben die VolkswagenStiftung, die Fondazione Compagnia di San Paolo (Italien) und der Riksbankens Jubileumsfond (Schweden) insgesamt rund elf Millionen Euro für acht neue Projekte bewilligt. Dazu gehört das Projekt „Re-connecting 'Objects': Epistemic Plurality and Transformative Practices in and beyond Museums“. In ihm will die TU-Kunsthistorikerin Prof. Dr. Bénédicte Savoy zusammen mit Partnern aus Großbritannien, dem Senegal, Kamerun und Südafrika kollaborative Strukturen und Forschung im Dialog mit afrikanischen Universitäten entwickeln.

Auf der Basis eines internationalen Peer-Review-Verfahrens wurden die interdisziplinären Forschungsprojekte ausgewählt, um Perspektiven von Forschenden und Beteiligten aus verschiedenen Ländern zusammenzuführen. Neben einem/einer Hauptantragstellenden aus Deutschland, Italien oder Schweden sind an jedem Projekt mindestens zwei Partner*innen aus Ländern des Globalen Südens beteiligt.

Forscher*innen aus Deutschland, Großbritannien, Kamerun, Senegal und Südafrika entwickeln digitale Forschungsplattform zur interkontinentalen Zusammenarbeit

Das Projekt „Re-connecting ‚Objects’”, deren Hauptantragstellerin Bénédicte Savoy aus der TU Berlin ist, erhält insgesamt knapp 1,5 Millionen Euro über dreieinhalb Jahre. Beteiligt sind darüber hinaus führende Forscher*innen aus vier weiteren Ländern: Dr. El Hadji Malick Ndiaye, University Cheikh Anta Diop de Dakar, Institut Fondamental d'Afrique Noire, Théodore Monod Museum of African Art, Dakar, Senegal, Prof. Dr. Dan Hicks, University of Oxford, Pitt Rivers Museum, Oxford, Großbritannien, Prof. Dr. Ciraj Rassool, University of the Western Cape, Department of History, Kapstadt, Südafrika sowie Prof. Dr. Albert Gouaffo, University of Dschang, Faculté des Lettres et Sciences Humaines, Dschang, Kamerun.

„Wir untersuchen die An- und Abwesenheit des materiellen Kulturerbes Afrikas dort, wo es heute fehlt, und wo es in europäischen Museen zusammengetragen wurde. Dabei geht es uns um Wissen, das die Museen vernachlässigt oder verunmöglicht haben. Wir suchen in der praktischen Museumsarbeit nach neuen Formen der Aufbewahrung, des Umgangs mit Objekten und ihrer Ausstellung in afrikanischen und europäischen Museen“, erklärt Professorin Bénédicte Savoy, die sich seit Jahren stark für intensive Provenienzforschung einsetzt und deutschland- wie europaweit eine der wichtigsten Expertinnen rund um die Restitutionsdebatte ist.

Europäische Wissensordnung reflektieren – Doppelausstellung zur „Dak’art Biennale 2024“

Das internationale Forschungsteam arbeitet in engem Dialog mit Künstler*innen, Museumsfachleuten, Studierenden und verschiedenen Akteur*innen auf beiden Kontinenten. An den fünf Partnerinstitutionen werden Postdoktorand*innen individuelle Forschungsarbeiten durchführen und so zu einem übergreifenden Vorhaben beitragen: zwei aufeinander abgestimmte, doch ortsspezifisch entwickelte Forschungsausstellungen, die während der „Dak’art Biennale 2024“ gleichzeitig in Oxford und Dakar stattfinden sollen. 

„Die Doppelausstellung wird Themen wie die Rekontextualisierung von Objekten aufgreifen und hat unter anderem das Ziel, europäische Wissensordnungen zu reflektieren und in Frage zu stellen“, so Bénédicte Savoy. Alle Komponenten des Projekts seien aufeinander abgestimmt und zielten darauf, die festzementierten Bedeutungen von Objekten zu öffnen, die sich oft erst jenseits von musealen Präsentationen entfalteten.

Ein Team von Grafiker*innen und Entwickler*innen wird eine digitale Forschungsplattform entwickeln, die alle Wissenschaftler*innen über Kontinente hinweg nutzen können und die auf diese Weise eine nachhaltige Zusammenarbeit über große Distanzen hinweg ermöglicht. Nicht zuletzt wird das Projekt bestehende Netzwerke von Akademiker*innen und Kulturschaffenden nutzen sowie Studierende und interessiertes Publikum aktiv einbeziehen – epistemische Pluralität zielt hier auch auf Wissensformen jenseits der Universität.

Kontakt

Prof. Dr.

Bénédicte Savoy

Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne

e.goulko@tu-berlin.de

+49 30 314-25014