Technische Universität Berlin

Medieninformation | 12. Juli 2021 | pp

Eine Nacht im Pilzhaus

Das Wissenschafts- und Kunst-Kollektiv MY-CO-X hat eine ressourcenschonende und recycelbare Skulptur aus Pilzen gebaut

Monatelang haben Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen daran gearbeitet: Jetzt steht MY-CO SPACE, eine bewohnbare Skulptur aus Pilzen, im Frankfurter Metzlerpark. Es ist ein Beitrag zu Utopien über nachhaltiges, ressourcenschonendes Leben. Tagsüber ist die Pilzskulptur öffentlich zugänglich – man kann sogar eine Nacht darin verbringen. Die bewohnbare Skulptur ist ein Projekt des SciArt-Kollektivs MY-CO-X, das von der Biotechnologie-Professorin Vera Meyer (Technische Universität Berlin) und dem Architektur-Professor Sven Pfeiffer (Hochschule Bochum) gegründet wurde.

Das Team nimmt mit seiner Skulptur an der Ausstellungsreihe „tinyBE“ teil, die in Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden im öffentlichen Raum noch bis zum 26. September 2021 neun bewohnbare Skulpturen von internationalen und nationalen Künstler*innen zeigt. Am 19. Juli 2021 findet in Frankfurt ein digitales Panelgespräch mit Vera Meyer und Sven Pfeiffer statt.

Mutationen in der Stadtentwicklung: Der Pilz als gesellschaftlicher Akteur und Ideengeber
Ein Panelgespräch

Zeit:    Montag, 19. Juli 2021, 19.00 bis 21.00 Uhr
Ort:     Panelgespräch Villa 102, Frankfurt (digital)
 

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Die Skulptur

MY-CO SPACE, ein pflanzlicher Ort geschaffen aus Holz, Stroh und Pilzen, ist inspiriert von einer Raumfahrtkapsel und besteht aus einer tragenden Holzkonstruktion, die mit Pilzpaneelen bedeckt ist. Sie bietet etwa 20 m² Innenraum. Die Außenschale besteht aus biologisch gewachsenen Pilz-Stroh-Verbundstoffen und ist somit komplett biologisch abbaubar. Für Vera Meyer steht das skulpturale Habitat für die Frage zu den heutigen Herausforderungen der Menschheit: „Wie lassen sich biologisch-technische Strukturen und essenzielle Wohnfunktionen auf kleinstem Raum so integrieren, dass Menschen unter Bedingungen begrenzter Ressourcen trotzdem unbeschwert leben und arbeiten können?“ Dabei bezieht es sich auf die Arbeit der Architektin Galina Balaschowa (geb. 1931), die für die Innengestaltung des bemannten Raumschiffes Sojus und der Raumstation Mir verantwortlich sowie am Apollo-Sojus-Programm beteiligt war. Die gemeinnützige Gesellschaft tinyBE, die die Ausstellung  „tinyBE – living in a sculpture“ organisiert hat, bringt Kunst, Wissenschaft und Architektur zusammen und will als Plattform verschiedenen Akteur*innen ermöglichen, öffentlich über neue, alternative und nachhaltige Wege des Wohnens und Lebens zu spekulieren und Ergebnisse für Zuschauer*innen greifbar machen.

 

Die Akteur*innen und ihre Idee

Vor allem der interdisziplinäre Austausch zwischen Wissenschaftler*innen, Designer*innen, Architekt*innen und Künstler*innen, hat die Akteur*innen an dem Gemeinschaftsprojekt MY-CO SPACE gereizt. Beteiligt sind Professor*innen, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, Studierende und Bürgerwissenschaftler*innen. Sie wollen zeigen, wie man mit Biomaterial neue, zirkuläre Wirtschaftskreisläufe initiieren und damit der planetaren Ressourcenknappheit entgegenwirken kann; sei es in der Verpackungs-, in der Textil- oder eben in der Baustoffindustrie mit Bau-, Isolier- oder Dämmmaterial. Denn das Pilzmaterial ist nicht nur eine erneuerbare Ressource, sondern auch vollständig biologisch abbaubar.

„Als Wissenschaftler*innen in der Mikrobiologie arbeiten wir sonst ja nur im kleinen Maßstab. Plötzlich 20 bis 30 Quadratmeter Pilzmaterial zu produzieren, war eine große Aufgabe.“ sagt zum Beispiel Lisa Stelzer, Studentin am TU-Fachgebiet Angewandte und Molekulare Mikrobiologie von Prof. Dr.-Ing. Vera Meyer und Mitbegründerin des TU Start-ups „fungtion“, welches an Fahrradhelmen aus Pilzmaterialien forscht. Das MY-CO-X Kollektiv hofft, mit seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Forschung zu einer besseren, nachhaltigeren Zukunft beizutragen, gemeinsam neue Pilzmaterialien zu entwickeln und Einsatzgebiete für diese zu identifizieren. „Die Natur macht es uns täglich vor“, so Kustrim Cerimi, PhD Student der Biotechnologie. „Symbiotische Systeme zwischen Pflanzen, Tieren, Bakterien und Pilzen sind die Grundlage für das größte zirkuläre System auf der Welt. Keine Biomasse wird verschwendet und alles findet wieder seinen Weg zurück in die Natur.“

Biotechnologin und Mikrobiologin Prof. Dr. Vera Meyer, die als Künstlerin auch unter dem Namen „V.meer“ bekannt ist, sagt: „Es geht um nichts weniger als komplett neu zu denken: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie ist das, mit begrenzten Ressourcen zu leben, zu wohnen? Geht das unbeschwert? Und können wir uns vorstellen, in Pilzen zu leben, in diesem Material aus nachwachsenden und recycelbaren Rohstoffen?“ Denn aus Pilzen könne man fast alles machen: Medikamente, Enzyme, Biokraftstoffe, Textilien, Verpackungsmaterialien, Möbel bis hin zu Häusern der Zukunft.

Und der Co-Gründer Kollektivs MY-CO-X, der Architekt Prof. Dipl.-Ing. Sven Pfeiffer, der an der Hochschule Bochum Digitales Entwerfen, Planen und Bauen unterrichtet, ergänzt: „Wir müssen dringend über neue Materialien nachdenken, aus denen wir bauen, vor allem über solche, die nach Gebrauch in einen Kreislauf zurückgeführt werden können. Pilze als natürliche Biomaterialien haben ein sehr großes Potenzial für die Kreislaufwirtschaft.“ Es sei faszinierend, dass man aus Pilzen fast alles machen könne: von Medikamenten, Textilien und Verpackungsmaterialien, Fahrradhelmen und Möbeln bis hin zu ganzen Häusern.

Die Pilzbiotechnologie und ihr Potenzial

Pilze sind überall. Pilze sind in der Nahrung, in Wein und Käse, sie arbeiten auf unserer Haut, im Inneren unseres Körpers, sind auf der ganzen Welt verteilt, in Böden und Pflanzen. Die Biotechnologie nutzt sie schon lange als Zellfabriken. Antibiotika, Cholesterinsenker, Insulin, Vitamine, Enzyme, Biokraftstoffe und vieles mehr stellen sie für uns her. „Pilze sind zwar Mikroorganismen, aber manche Pilzarten gehören zu den größten Lebewesen auf unserer Erde“, sagt die Biotechnologin und Künstlerin Vera Meyer. Im Wissenschaftsjahr der Bioökonomie wurde sie zu einem der „Köpfe des Wandels“ gewählt. „Ohne Pilze würden viele Kreisläufe einfach nicht funktionieren, sie besitzen einzigartige Fähigkeiten.“ Pilze seien eine Art Müllabfuhr in der Natur, Meister der Zersetzung von Biomasse, und könnten komplexe nachwachsende pflanzliche Rohstoffe durch aktive Enzyme in ihre Bestandteile zerlegen, insbesondere diejenigen aus der Agrar- und Forstwirtschaft. Aber gleichzeitig seien sie auch Meister der Synthese, sie könnten diese Bestandteile für vielfältigste Produkte neu kombinieren und zusammensetzen. „Sie bieten uns damit nicht nur die einmalige Chance, eine neuartige, vollständig biobasierte Wirtschaftsweise nach den Prinzipien von Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit aufzubauen, sondern sie haben sogar das Potenzial, uns etwas über Symbiosen zu lehren, über das Funktionieren von Gesellschaften.“

Kontakt

Prof. Dr.

Vera Meyer

Fachgebiet Angewandte und Molekulare Mikrobiologie

vera.meyer@tu-berlin.de

+49 30 314-72750