Technische Universität Berlin
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Medieninformation | 18. Dezember 2020 | sn

Wohnhaft im Verborgenen

Wie durch die Unterbringung von Geflüchteten in privaten Beherbergungsbetrieben prekäres Wohnen entsteht

Keine Klingel, zugezogene Vorhänge, keine Namensschilder. Auch kein Firmenschild, das einen Rückschluss darauf zuließe, was sich in dem Gebäude befindet. Emily Kelling jedoch kann diese „Codes“ mittlerweile entschlüsseln. „Sich nicht erkennen zu geben, ist ein typisches Merkmal für privatwirtschaftliche Beherbergungsbetriebe, in denen wohnungslose Menschen, darunter viele mit einer Aufenthaltsgenehmigung, untergebracht sind“, sagt die Soziologin. Zusammen mit ihrer Kollegin, der Architektin Dagmar Pelger, und Master-Studierenden des Urban Design der TU Berlin haben sie soeben die Publikation „Wohnhaft im Verborgenen“ vorgelegt. Darin beschreiben sie auch mithilfe einer großformatigen Karte, wie die Beherbergungswirtschaft mit wohnungslosen Menschen mit einer Aufenthaltsgenehmigung in Berlin funktioniert und wie durch diese Art der Unterbringung prekäre Wohnsituationen entstehen. In der Hauptstadt waren im Untersuchungszeitraum 2018 circa 30.000 Menschen betroffen – die meisten davon Flüchtlinge.

Ausgelagertes Wohnen

Die prekären Wohnsituationen sind unter anderem dadurch charakterisiert, dass die wohnungslosen Menschen überwiegend nicht in einer eigenen Wohnung untergebracht sind, sondern in privatwirtschaftlichen Beherbergungsbetrieben auf Gutscheinbasis. Einer Familie steht dort meist nur ein Zimmer zur Verfügung, Alleinstehende – nach Geschlecht getrennt – sind mit anderen ebenfalls in einem Zimmer untergebracht. Sanitäranlagen und Küche müssen sich alle teilen. Die Enge, eine kaum vorhandene Privatsphäre, kaum Ruhe sowie Regeln und Einschränkungen führen zu Konflikten. In manchen Beherbergungsbetrieben gibt es am Tag nur für eine Stunde warmes Wasser, die Küchenbenutzung ist zeitlich begrenzt und Anweisungen der Beherbergungsbetreiber untersagen es, sich vor dem Gebäude in Gruppen aufzuhalten. „Die Konflikte offen auszutragen, versuchen die Bewohner jedoch zu vermeiden, indem sie Ausweichstrategien entwickeln“, erzählt Emily Kelling. So wird beim Onkel geduscht, der Park zum Rückzugsort für das Lernen und Entspannen, der Imbiss um die Ecke zur Küche, die Kleiderkammer eines Vereins zum Ort, um soziale Kontakte zu knüpfen und sich auch einmal aufgehoben zu fühlen. „Fast alle Handlungen also, die das Wohnen betreffen, werden ausgelagert und finden nicht an dem Ort statt, der dafür eigentlich vorgesehen ist. Das heißt, dass die Unterkünfte ihre Aufgabe, Wohnort für die Menschen zu sein, nicht erfüllen. Es entsteht eine paradoxe Situation: Die Menschen entfliehen den Orten, die zumindest zeitweise so etwas wie ein Zuhause für sie sein sollten. Die Unterkünfte werden zu bloßen Aufenthaltsstätten“, resümiert Emily Kelling.

Das System lebt von der Unsichtbarkeit

Dadurch, dass essenzielle Wohntätigkeiten wie essen, duschen, lernen, entspannen aus den Unterkünften an andere Orte ausgelagert werden, um Konflikte zu vermeiden, bleiben die Konflikte im Verborgenen. So wird das Verborgensein ein konstitutives Element der Beherbergungswirtschaft und sie kann mit all ihren Unzulänglichkeiten und belastenden Auswirkungen auf die Menschen ungestört weiter funktionieren. Auch in der Öffentlichkeit ist dieses Problem kaum bekannt. Oftmals wüsste die Bevölkerung nicht einmal, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft sich solche prekären Unterkünfte befinden. „Das Verborgensein erzeugt weder Handlungsdruck auf die Beherbergungsbetreiber noch auf die Politik und Verwaltung. Damit verfestigt sich die eigentlich nur als Übergangslösung gedachte Unterbringung von wohnungslosen Menschen in diesen privatwirtschaftlichen Beherbergungsbetrieben. Das Provisorium wird dauerhaft. Die Wissenschaft nennt es permanente Temporalität“, sagt Emily Kelling. Die Unterbringung in privatwirtschaftlich betriebenen Unterkünften ist der Tatsache geschuldet, dass es in Berlin generell an bezahlbaren Wohnungen fehlt.

Organisiertes Nichtwissen

Sobald Asylsuchende eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, wechselt die Verantwortung für ihre Unterbringung vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten an die Berliner Bezirksämter. Die Bezirke haben die Pflicht, die Menschen vor Straßenobdachlosigkeit zu bewahren. „Das“, so Emily Kelling, „nehmen alle Berliner Bezirke außerordentlich ernst.“ Da aber die Bezirke für solche Fälle über keine „Wohnreserven“ verfügen und Wohnraum in Berlin – wie gesagt – generell knapp ist, mieten die Bezirke privatwirtschaftlich betriebene Unterkünfte an und zahlen circa 25 Euro pro Person pro Nacht. Wie die Menschen dann dort untergebracht werden, das können die Bezirksämter kaum kontrollieren, weil es eben private Räume sind, zu denen Wohnungsaufsicht oder Gesundheitsamt nicht ohne Weiteres Zutritt haben, solange keine Anzeige vorliegt. Und von den dort Wohnenden ist mit einer Anzeige kaum zu rechnen und Sozialarbeit findet ebenfalls kaum statt, so ein Ergebnis der Untersuchung. Diese Nichtzugriffsmöglichkeit sowie ungeklärte Zuständigkeiten auf der Verwaltungsebene produzieren ein organisiertes Nichtwissen in der Verwaltung und zementieren das Wohnen im Verborgenen ebenfalls.

Die Unterbringung der Menschen mit einer Aufenthaltsgenehmigung in Beherbergungsbetrieben schützt die Menschen zwar vor Obdachlosigkeit, bietet ihnen aber keinen geschützten Ort zum Wohnen. Vielmehr werden Räume prekären Wohnens erschaffen, so das Fazit der Forschungsarbeit der Wissenschaftlerinnen und Studierenden.

Die Publikation „Wohnhaft im Verborgenen“ entstand im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes an der TU Berlin als Kooperation der Fachgebiete Planungs- und Architektursoziologie von Prof. Dr. Martina Löw, sowie Städtebau und Urbanisierung von Prof. Jörg Stollmann. Die Publikation wurde gefördert mit Mitteln des DFG-Sonderforschungsbereiches „Re-Figuration von Räumen“, dessen Sprecherin Prof. Dr. Martina Löw ist.

Wohnhaft im Verborgenen. Die Hostelwirtschaft mit Wohnungslosen in Berlin, Hg. Emily, Kelling, Dagmar, Pelger, Martina Löw, Jörg Stollmann, Universitätsverlag der TU Berlin, 2020, 273 Seiten, ISBN 978-3-7983-3151-8 (print), ISBN 978-3-7983-3152-5 (online)

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