Technische Universität Berlin

Franz Reuleaux stellte die Maschinenbaukunde auf mathematisch-naturwissenschaftliche Grundlagen

In Expertenkreisen gilt Franz Reuleaux (1829-1905) als bedeutender Technikwissenschaftler seiner Zeit. Er befreite die Maschinenbaukunde vom handwerklichen Experimentieren und stellte sie auf mathematisch-naturwissenschaftliche Grundlagen. Stadtbekannt im alten Berlin wurde Reuleaux durch seine scharfe und wortgewaltige Kritikfreudigkeit, die sich weder von Autoritäten, Lobbyisten noch von öffentlichen Vorurteilen beeindrucken ließ. Wenn die Technikwissenschaft sein Beruf war, so war Zivilcourage seine Passion.

 

Professor und Rektor an der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin

Franz Reuleaux wurde am 30. September 1829 als Sohn eines Maschinenfabrikanten in Eschweiler bei Aachen geboren, studierte Maschinenbau am Polytechnikum Karlsruhe und ergänzte sein technisches Wissen an den Universitäten Bonn und Berlin durch philosophische und naturwissenschaftliche Studien. Als Fünfundzwanzigjähriger veröffentlichte er mit einem Kommilitonen eine „Konstruktionslehre für den Maschinenbau“, die ihm einige Schwierigkeiten einbrachte, weil sie auf Vorlesungsmitschriften basierte. Seinen ersten Ruf erteilte ihm 1856 das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich. Von dort wechselte er 1864 auf den Lehrstuhl für Maschinenbaukunde am Gewerbeinstitut zu Berlin. Nur vier Jahre später wurde er Direktor der aus jenem Institut hervorgegangenen Gewerbeakademie. Diese fusionierte mit der Bauakademie 1879 zur Königlich Technischen Hochschule zu Berlin, der Reuleaux bis 1896 angehörte und 1890/91 als Rektor vorstand.

Qualitätsprodukte statt Billigramsch

Aber es war nicht Reuleaux' Maschinenlehre, die ihn in Berlin bekannt machte, sondern seine „Briefe aus Philadelphia“. Er berichtete darin über die Weltausstellung von 1876. Besonders kritisierte er die schlechte Qualität der ausgestellten deutschen Industrieprodukte. Als Quintessenz notierte er: „Deutschlands Industrie hat das Grundprinzip billig und schlecht“. Das schlug in der Heimat wie eine Bombe ein. Von Vaterlandsverrat wurde gesprochen. Die Empörung nahm kein Ende. Das Diktum „billig und schlecht“ wurde ein Negativmarkenzeichen für deutsche Produkte. „Made in Germany“, von den Briten eingeführt, hieß damals: „Vorsicht! Deutsche Produkte sind billig und schlecht“. Nur wenige standen Reuleaux bei. Einer davon war der damalige Spitzentechnologieproduzent Werner von Siemens. Er bemerkte cool: „Wer das Beste liefert, bleibt schließlich oben, und ich ziehe immer die Reklame durch Leistung der durch Worte vor.“ Reuleaux bewirkte durch seine Kritik eine Neuorientierung auf Qualitätsprodukte statt Billigramsch und auf Klasse statt Masse als Maßstab für die deutsche und Berliner Industrie.

Technikwissenschaftliche Denkkultur statt Praxisorientierung

Einen „siebenjährigen Krieg“ der Worte führte Reuleaux mit seinem Kollegen Professor Riedler um die neue alte Frage: Mehr Praxis oder mehr Theorie in der Technikerausbildung? 1890 hieß das: Maschinenlaboratorium oder Mathematik? Reuleaux wollte der Praxisorientierung nicht die technikwissenschaftliche Denkkultur opfern. Riedler bekam jedoch sein Laboratorium, Reuleaux protestierte und verließ die Königlich Technische Hochschule zu Berlin. Franz Reuleaux starb am 20. Mai 1905 in Berlin. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Alten Zwölfapostelfriedhof in Berlin-Schöneberg.