Unterstützung für 62 afghanische IT-Fachkräfte

TU Berlin hilft mit größtem eigenfinanzierten Projekt einer deutschen Universität zur Unterstützung afghanischer Akademiker*innen und TU-Alumni

In Kürze jährt sich der Tag, den Zahra A., Huma Z., Ahmad Shoaib Joya und Mohammad Mustafa Naier* nicht vergessen werden. Am 15. August 2021 kam es zum Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban. Die vier Alumni des Informatik-Masterprogramms des Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation (ZiiK) der TU Berlin flohen an diesem Tag aus ihren Büros, hatten Angst um ihr Leben, versteckten sich teilweise und verloren von einem Tag auf den anderen nicht nur ihre Jobs, sondern auch die Hoffnung, mit der sie in ihr Land nach ihrem Studium in Berlin zurückgekehrt waren.

Seit Anfang dieses Jahres befinden sich die vier in Sicherheit in Berlin. Sie gehören zu einer Gruppe afghanischer Alumni, die mit Hilfe der TU Berlin nach Deutschland kommen konnten. Das TU-Präsidium hatte zügig Mittel für Not-Stipendien als Sofortmaßnahme bereitgestellt, um IT-Absolvent*innen der TU Berlin aus Afghanistan die Einreise als Gastwissenschaftler*innen nach Deutschland zu ermöglichen. Pro Stipendium vergibt die TU Berlin mehr als 1200 Euro pro Monat bei einer Laufzeit von sechs Monaten. „Bridge IT – Integrationsprogramm für afghanische IT Alumni at Risk an der TU Berlin“, so der Titel des Programms, ist damit das größte eigenfinanzierte Projekt einer deutschen Universität zur Unterstützung für afghanische Akademiker*innen.

Insgesamt konnten 62 Menschen in die Förderung aufgenommen werden. 43 von diesen sind bereits in Deutschland angekommen, sechs Alumni bereiten aktuell noch ihre Ausreise aus Afghanistan vor oder warten in einem Drittstaat auf ihre Weiterreise nach Deutschland. Mit Familienangehörigen werden mit der Unterstützung der TU Berlin rund 220 Personen aus Afghanistan nach Deutschland gebracht.

TU-Präsidentin über das Programm

„Unsere Unterstützung hört nicht bei der Ankunft der Alumni in Deutschland auf. Die Menschen, die durch das Programm Bridge IT nach Deutschland kommen konnten, benötigen weiterhin unsere Hilfe. Wichtig ist es, dass sie hier einen Einstieg in den Arbeitsmarkt finden oder auch eine akademische Laufbahn einschlagen können. In diesem Prozess wollen wir begleiten. Auch das macht Universität aus. Netzwerke zu bilden, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch in besonderen Lebenssituationen helfen und bereitstehen. Dieser Gemeinschafts- und Alumnigedanke wird bei uns gelebt“, sagt TU-Präsidentin Prof. Dr. Geraldine Rauch.

In Deutschland sollen die Stipendiat*innen nun die Möglichkeit haben, als IT-Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen

Das ZiiK der TU Berlin hat in den vergangenen 20 Jahren Entwicklungsarbeit im IT-Sektor im Hochschulbereich in Afghanistan geleistet und beispielsweise den Aufbau von diversen Rechenzentren koordiniert. Geleitet wurde das ZiiK durch Dr. Nazir Peroz, der sich nach dem Fall Kabuls gemeinsam mit seinen ehemaligen Mitarbeiter*innen unermüdlich dafür einsetzt, eine Brücke nach Deutschland zu bauen, um bei der Evakuierung von TU-Alumni zu helfen. Die Organisation der Unterstützungsmaßnahmen hat die Abteilung für Internationales übernommen.

In Deutschland sollen die Stipendiat*innen nun die Möglichkeit haben, als IT-Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen oder ihre wissenschaftliche Karriere fortzusetzen. Ihre Betreuung wird im neuen Referat „Transnationale Bildung und Internationaler Wissenstransfer“ im Bereich Internationales koordiniert. Neben allgemeinen Weiterbildungs- und Beratungsangeboten wie Sprachkursen oder Aufenthaltsfragen werden zudem zwei Programmschienen aufgebaut, in denen es um die Förderung der akademischen Laufbahn geht sowie um die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. „Wir konnten bereits erfolgreich Betreuer*innen für Promotionsstudien gewinnen und eine Stipendiatin erhielt darüber sogar ein PhD-Stipendium aus dem Hilde-Domin-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes“, sagt Dr. Ulrike Hillemann-Delaney, Leiterin Internationales. „Wir suchen jedoch noch weitere Gutachter*innen, die offiziell eine Betreuung übernehmen.“ Zur Finanzierung des Begleitprogramms konnten beim DAAD erfolgreich Mittel in Höhe von 146.400 Euro eingeworben werden und aufbauend auf der Erfahrung aus dem laufenden Afghanistan-Programm plant der TU-Bereich, weitere Integrationsmaßnahmen durch Nachqualifizierungs- und Weiterbildungsprogramme für Akademiker*innen in und aus Krisenregionen zu konzipieren und hierfür Fördermittel zu beantragen.

* Hinweis: Namen teilweise gekürzt.

Wie es Zahra A., Huma Z., Ahmad Shoaib Joya und Mohammad Mustafa Naier heute geht, schildern sie in den folgenden Berichten

Zahra A.:
„Als ich damals zum Studium nach Deutschland kam, lernte ich eine andere Welt kennen und mein Studium an der TU Berlin hat mich verändert. Vorher sah ich den Sinn im Lernen darin, meine persönliche Situation zu verbessern. In meinem Studium habe ich erkannt, dass es mir nur dann besser geht, wenn es den Menschen in unserer Gesellschaft besser geht. Und dies war mein großer Wunsch, als ich im Jahr 2021 nach Afghanistan zurückkehrte: Ich wollte etwas verändern in unserem Land.  Bis zu dem Tag als die Taliban Kabul stürmten, habe ich als IT-Spezialistin für rund sechs Monate im Präsidialbüro der Regierung in Kabul gearbeitet. Unsere Aufgabe bestand darin, eine Digitalisierungsstrategie für Afghanistan zu erarbeiten. Ich bin sehr dankbar, dass mir die TU Berlin und besonders Nazir Peroz geholfen haben, nach Deutschland zu kommen. Aber meine Familie fehlt mir sehr und es erfordert viel Kraft, gegen das Heimweh zu kämpfen. Zum Glück habe ich guten Kontakt zu den anderen Alumni aus Afghanistan. Der Austausch hilft mir sehr. Die Suche nach einem Arbeitsplatz in Deutschland ist nicht so leicht. Oft wird praktische Erfahrung verlangt und die fehlt mir leider. Aber ich suche weiter nach einem Job, denn ich muss von dem Geld, das ich hier verdiene, auch meine Familie zuhause unterstützen.“

 

 

Mohammad Mustafa Naier:
„Ich war zuletzt Director of Public Key Infrastructure im Ministerium für Telekommunikation und Informationstechnologie und unter anderem verantwortlich für den Aufbau einer IT-Infrastruktur für alle staatlichen Organisationen in Afghanistan. Zusätzlich habe ich als Assistant Professor für Informatik an der Kabul Polytechnic University gearbeitet. Mein großer Traum war es, ein nationales Daten-Center für Afghanistan aufzubauen. Und in meiner Position als Director of Public Key Infrastructure hatte ich bereits erste Erfolge in dieser Richtung. Diesen Traum konnte ich aufgrund der Situation in Afghanistan nicht umsetzen. Nun verfolge ich einen weiteren Traum, den ich ebenfalls immer hatte: wissenschaftlich zu arbeiten. Ich möchte gern promovieren. Wichtig ist es mir, die jungen Leute in Afghanistan zu unterstützen und für eine gute Ausbildung zu sorgen. Momentan fehlt ihnen jede Perspektive, sie sind sehr mutlos. Ich habe noch viel Kontakt zu meinen ehemaligen Studenten und unterstütze, wo ich kann. Außerdem engagiere ich mich bei dem Aufbau einer deutsch-afghanischen Online-Hochschulbildungs-Plattform, deren Ziel es ist, deutsche und afghanische Universitäten miteinander zu verbinden.“

Huma G.:
„Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit habe, hier in Sicherheit und Freiheit zu leben. Als ich dank des Stipendiums der TU Berlin nach Deutschland kommen konnte, war ich mir sicher, dass ich niemals nach Afghanistan zurückkehren möchte. Doch als ich hier ankam, habe ich mein Heimatland sofort vermisst. Ich möchte auf jeden Fall zurück, sobald sich die Situation verbessert. Ich habe Angst um meine Familie, um ihre Sicherheit. Besonders schlimm ist es für die Frauen. Sie dürfen nicht studieren und nicht arbeiten. Ihnen wurde die Freiheit genommen, sie leben in ständiger Gefahr. Zurzeit arbeite ich ehrenamtlich in einem Online-Programm, in dem ich Studenten aus ganz Deutschland das Programmieren beibringe.

Nach dem Abschluss meines Masterstudiums kehrte ich in mein Land zurück. Ich hatte eine berufliche Tätigkeit aufgenommen, aber leider konnte ich sie wegen des Regimewechsels nicht fortsetzen. Ich kann mir gut vorstellen, zu promovieren, aber vorher möchte ich praktische Erfahrungen in einem Unternehmen sammeln und mein akademisches Wissen in die Praxis umsetzen.“

Ahmad Shoaib Joya:
„Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal als Flüchtling nach Deutschland zurückkommen werde. Nach meinem Studienabschluss 2021 an der TU Berlin bin ich nach Afghanistan zurückgekehrt, um meinem Land zu helfen. Ich habe im Büro des Präsidenten in Kabul an verschiedenen IT-Projekten gearbeitet. Wir waren viele junge Leute im Team, die etwas bewegen wollten und Ideen und Motivation hatten. Wir glaubten an die Kraft in unserem Land und an die Demokratie. Das änderte sich am 15. August 2021 schlagartig. Alles, was wir aufgebaut hatten, ist innerhalb weniger Stunden zunichte gemacht worden. Wir verloren von einem Tag auf den anderen unseren Job. Afghanistan ist isoliert. Wenn dort etwas passiert, bekommt die Welt dies nicht mit und andererseits findet kein Austausch mehr mit anderen Ländern und Kulturen statt. Es ist die Aufgabe meiner Generation, dies zu ändern. Wir müssen helfen, dass die Jugend gute Bildung erhält, um die Demokratie nach Afghanistan zu bringen.“

 

 

 

Autorin: Bettina Klotz