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Die Hauptstadt als Experimentierfeld widersprüchlicher Wohnungspolitik

Groß-Berlin war von Anfang an ein Experimentierfeld widersprüchlicher Wohnungspolitik, eine Bühne vor allem des Kampfes gegen die „größte Mietskasernenstadt der Welt“. Zwei völlig unterschiedliche Wohnlandschaften zeugen von dieser einzigartigen Geschichte: die sozial schroff zerklüfteten Quartiere der Kaiserzeit und eine soziale Siedlungslandschaft, Ergebnis einer langen Periode öffentlich regulierten Wohnungsbaus, die sich mit erheblichen Brüchen von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die Nachkriegszeit in Ost- wie West-Berlin erstreckte. Im Wohnungsbau offenbart sich Groß-Berlin in besonderer Weise.

Mietskasernen und Stadtviertel von hoher Qualität – für Privilegierte

Zwischen 1871 und 1914 entstanden die dicht bebauten Arbeiterviertel vor allem im Norden und Südosten, in Moabit, Wedding und Neukölln, aber auch die aufgelockerten herrschaftlichen Stadtgebiete im Südwesten und schließlich die vielen sozial gemischten Viertel in Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Gebaut wurden also nicht nur „Mietskasernen“, sondern auch Stadtviertel von außerordentlicher städtebaulicher Qualität, die aber lediglich Privilegierten offen standen – etwa das Rheinische Viertel um den Rüdesheimer Platz oder die Gartenstadt Frohnau. Aber selbst in Arbeiterquartieren finden sich großartige städtebauliche Platzfolgen, so entlang der Swinemünder Straße. Das Wachstum Berlins vollzog sich damals in einer komplexen Konkurrenz mächtiger Akteure: der vielen Städte und Gemeinden der Großstadtregion, aber auch der privaten Verkehrsunternehmen, der einflussreichen Terraingesellschaften und der Großbanken im Hintergrund. Diese Akteure gingen ständig wechselnde Koalitionen ein.

Groß-Berlin erzwang einen Umsturz im Wohnungsbau

Als Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 geboren wurde, war die Wohnungsnot dramatisch. Sie erzwang einen Umsturz im Wohnungsbau. Nicht mehr private Terraingesellschaften, sondern gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften prägten den neuen Siedlungsbau, der von der öffentlichen Hand subventioniert und hinsichtlich der Standards kontrolliert wurde. Dieser radikale Kurswechsel war aber nicht, wie viele heute glauben, ein Produkt der Revolution von 1918, er wurde bereits in der Endphase des Kaiserreiches eingeleitet, um einen Umsturz zu verhindern – ohne Erfolg, wie wir wissen.

Der neue Wohnungsbau Groß-Berlins konnte sich sehen lassen. Einige der damals geschaffenen suburbanen Siedlungen sind heute Teil des Weltkulturerbes, so die Hufeisensiedlung und die Großsiedlung Siemensstadt. Aber auch urbane Quartiere wurden geschaffen, die zu Unrecht im Schatten der Aufmerksamkeit blieben: zum Beispiel die Gartenstadt Atlantic am Bahnhof Gesundbrunnen und das neue Viertel um den Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz). All diese Anlagen wurden außerhalb von Alt-Berlin errichtet, denn nur dort gab es Platz und nur dort erlaubten die Bodenpreise eine niedriggeschossige Bebauung. Das größte Projekt, die Bebauung des Schöneberger Südgeländes, scheiterte jedoch.

„Es genügt nicht, Wohnungen zu bauen; die Wohnungen müssen auch bezahlbar sein.“ Gustav Böß, Oberbürgermeister von Berlin, 1929

Nach 1920 entstand erst, was wir heute als sozialen Wohnungsbau verstehen – allerdings von Anfang an mit einer Schieflage: In die neuen Wohnungen zogen die neuen Mittelschichten, während für die wirklich Bedürftigen, die Masse der ungelernten Arbeiter, die neuen Wohnungen trotz Subventionen immer noch zu teuer waren. Aber auch sie profitierten von den neuen Verhältnissen, insbesondere von Mietpreisbindung und Kündigungsschutz. Eine Voraussetzung des neuen Wohnungsbaus war – neben der öffentlichen Förderung, die durch eine besondere Steuer gewährleistet wurde – eine offensive und erfolgreiche Bodenvorratspolitik.

Wohnungsbau für die deutsche Volksgemeinschaft

In der NS-Zeit wurde der öffentlich geförderte und kontrollierte Wohnungsbau nicht aufgegeben, sondern neuen – staatlichen – Zielen untergeordnet. Auch während der Diktatur wurden viele Wohnviertel gebaut, so das Quartier am Grazer Damm und die Telefunkensiedlung in Zehlendorf. Neue Wohnbauten wurden auch im Umland errichtet, nicht nur in Potsdam und Oranienburg. Diese Wohnungen dienten unterschiedlichen Zwecken, nicht zuletzt der Unterbringung von Facharbeitern für die Rüstungsproduktion. Zielgruppe war jetzt die deutsche Volksgemeinschaft, die jüdische Bevölkerung wurde aus ihren Wohnungen systematisch vertrieben. Für den Großraum Berlin plante der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Albert Speer, neue Wohnquartiere für 1,5 Millionen deutsche Menschen, darunter das größte Wohnungsbauprojekt der Geschichte Berlins, die so genannte Südstadt für 350 000 Einwohner. All diese Quartiere wurden nicht realisiert.

Kalter Krieg im Wohnungsbau

Nach der Spaltung Berlins brach – auch dies ist eine Besonderheit der Geschichte unserer Stadt – ein Kalter Krieg im Wohnungsbau aus, der mit dem Bau der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) begann und mit dem Bau des Hansaviertels den Höhepunkt erreichte. Beides waren Projekte der öffentlichen Hand. Beide Projekte sollten zeigen, wie die vernichtend kritisierte Mietskasernenstadt überwunden und ersetzt werden konnte. 1963 ging West-Berlin noch einen Schritt weiter: Im Rahmen des Ersten Stadterneuerungsprogramms sollten 56 000 Altbauwohnungen saniert, das heißt abgerissen werden. Im Umfeld der Weddinger Brunnenstraße oder am Kreuzberger Wassertorplatz lassen sich die Folgen besichtigen. Ersatzwohnungen für verdrängte Mieter gab es in den Großsiedlungen am Stadtrand, zum Beispiel im Märkischen Viertel. Dort war freilich der Quadratmeter zwei- bis dreimal so teuer wie der einer Mietskasernenwohnung mit Ofenheizung. Erst nach einem Jahrzehnt harter Stadtteilkämpfe vor allem in Kreuzberg und Charlottenburg wechselte der Senat seinen Kurs, die „behutsame Stadterneuerung“ wurde 1983 durch das Abgeordnetenhaus zustimmend zur Kenntnis genommen.

Wendezeit: Leerstand und Wohnungsknappheit wechseln sich ab

Nach dem Fall der Mauer gewann der private Wohnungsbau wieder an Gewicht – erstmalig seit der Kaiserzeit. Der durch Steuersubventionen stimulierte Wohnungsbau der 1990er Jahre führte zu einem erheblichen Leerstand um das Jahr 2000, dem im letzten Jahrzehnt eine Wohnungsknappheit folgte. Zugleich wurden die über Jahrzehnte verteufelten Altbauwohnungen immer beliebter. Und es zeigte sich ein Grundfehler des sozialen Wohnungsbaus: die zeitliche Befristung von Sozialmieten. Heute gilt es, vor dem Hintergrund einzigartiger Erfahrungen eine Wohnungspolitik zu entwickeln, die auf städtebauliche Qualität achtet, dauerhaft preiswerten Wohnraum sichert und an den Grenzen Berlins nicht haltmacht.

Der Autor – die Ausstellung

Prof. Dr. Harald Bodenschatz, assoziierter Professor am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin, ist Kurator der Ausstellung „Unvollendete Metropole. 100 Jahre Städtebau für Groß-Berlin“, die seit dem 1. Oktober 2020 im Kronprinzenpalais Unter den Linden gezeigt wird. Verkehrs-, Wohnungs- und Grünfrage sind Themen der Ausstellung, ebenso wie Planungskultur und der Blick nach Europa, die auch in „Metropolengesprächen“ diskutiert werden. Die Ausstellung wird getragen vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin-Brandenburg e. V. Zentrale Partnerin ist die TU Berlin, unter anderem mit ihrem Center for Metropolitan Studies (CMS), ihrem Historischen Archiv zum Tourismus (HAT), sowie ihrem Architekturmuseum, einer der bedeutendsten Leihgeber der Ausstellung. Schirmherr ist der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller.

Zur Ausstellung erschien ein zweibändiger Katalog. Der erste Band beleuchtet die städtebaulichen Leistungen Berlins seit mehr als 100 Jahren, aber auch die aktuellen Potenziale und Probleme der Metropolregion Berlin-Brandenburg von heute. Der zweite Band beschäftigt sich mit dem „Internationalen Wettbewerb Berlin-Brandenburg 2070“ und mit dem Blick nach Europa: Unvollendete Metropole, Hrsg. Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin-Brandenburg, Verlag Dom Publishers, 2020, ISBN: 978-3-86922-241-7 (Englisch: ISBN 978-3-86922-249-3)

http://bb2020.de

https://harald.bodenschatz.berlin

 

Dieser Text ist Teil der „TU intern“-Serie „100 Jahre Groß-Berlin“.

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