Technische Universität Berlin

Kaum wissen wir die Antworten, ändern sich die Fragen

Jahreskonferenz zur Stadtplanung: Wie kann man in einer Welt der Unsicherheit planen?

Wie bereitet man sich auf das Unvorhersehbare vor? Wie dieser Widerspruch aufzulösen ist, war die zentrale Frage auf der Jahreskonferenz der Network-Association of European Researchers on Urbanisation in the South (N-AERUS), die im Februar 2021 in Kooperation mit der Habitat Unit am Institut für Architektur der TU Berlin digital durchgeführt wurde. Dr. Ximena de la Barra, Human Settlements Advisor und Latin America Public Policy Advisor für UNICEF, beschrieb in ihrer Eröffnungsrede, was Unsicherheit ist: „Wenn wir die Antworten wissen, ändern sich die Fragen.“ Die Corona-Maßnahmen gegen ein Virus mit unvorhersehbaren Mutationen machen für jeden spürbar, was es bedeutet, in unsicheren Situationen zu planen.

Mit Modellierungen auf unsichere Situationen reagieren

„Die Pandemie hat uns verdeutlicht, dass wir im Städtebau und in der Stadtplanung flexible Modellierungen und Simulationsprozesse benötigen, um auf Krisen zu reagieren. Gemeindenahe Planungsmethoden, sogenannte Community-driven planning methodologies, bei denen lokale Akteur*innen und Bewohner*innen verantwortlich eingebunden werden, bewähren sich im Kontext des Katastrophenmanagements“, betont Dr.-Ing. Paola Alfaro d’Alençon, Mitorganisatorin der Konferenz. Sie ist Research Fellow der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Habitat Unit an der TU Berlin und Professorin für Städtebau an der Pontificia Universidad Catolica de Chile. „Wir müssen beispielsweise mit klimarelevanten Daten Stadtentwicklungspläne entwickeln können: Wo sind klimatische Hitzepunkte? Wo kann es zu Dürren, wo zu Überschwemmungen kommen? Wir brauchen urbane Flächen die auf Starkwetter-Ereignisse wie Überflutungen reagieren können. Flächen, die Wasser aufsaugen können, verhalten sich ähnlich einem Schwamm und sollen das Stadtklima als klimatische Schutzzone entlasten.“

Covid-19 verändert das Stadtbild

Wie sich der einzuhaltende Abstand von 1,5 Meter und weitere Covid-19-Schutzmaßnahmen bereits auf die Stadtentwicklung auswirken, beschreibt Paola Alfaro d’Alençon an Veränderungen in Berlin. Auf der Berliner Museumsinsel und an anderen öffentlichen Plätzen kommt eine vergessen geglaubte Flaneur-Mentalität auf, da sich die Menschen kaum noch in geschlossenen Räumen treffen.

Begünstigende Regelungen zum Homeoffice und die zunehmende Digitalisierung werden in Deutschland die Bürolandschaft langfristig beeinflussen. „Monocluster, also reine Bürobauten, werden nicht mehr attraktiv sein“, ist sich Paola Alfaro d’Alençon sicher. „Co-Working, Co-Housing, Co-Creation verbinden sich. Ein Gebäude wird mehrere Funktionen haben müssen.“ Die Pandemie zeigt auch, dass Risikogruppen, zu denen ältere Menschen gehören, bei Bedarf besser geschützt werden müssen. „Wir müssen uns fragen: Wie gestaltet man die Mehrgenerationen-Gesellschaft sinnvoll? Wohngemeinschaften, genossenschaftliches Wohnen, integrative Wohnprojekte, bei denen Gleichaltrige gegenseitig füreinander sorgen, bieten mehr Flexibilität“, fasst Paola Alfaro d’Alençon die Covid-19-Erfahrungen zusammen.

Ein Blick über den europäischen Tellerrand kann helfen. Paola Alfaro d’Alençon führt aus: „Wir können viel von den tradierten Stadtgesellschaften in ländlichen Räumen im Amazonas oder den ecuadorianischen Anden lernen. Kooperative, sogenannte Mingas, die Gemeinschaftsbeziehungen und territoriale Bindungen fördern, arbeiten mit der Natur. Die lokal angepasste Landwirtschaft ist geprägt davon, Rohstoffe als wertvolle Ressourcen für die Reproduktion des Gemeinwohls zu respektieren.“

Global vernetzte Forschung zu Urbanisierungsprozessen

In bevölkerungsreichen Städten in Entwicklungsländern konzentriert sich ein soziales und wirtschaftliches Potenzial. Um diese Energie für den Auf- und Ausbau demokratischer Strukturen zu nutzen, sind Planungspraktiken gefragt, die direkt wirken, in fächerübergreifender Zusammenarbeit, also kollaborativ, entwickelt werden, über das Nord-Süd-Gefälle hinausgehen und innovativ auf unvorhersehbare Situationen reagieren. 1996 gründeten europäische Forscher*innen das Netzwerk N-AERUS, um beim städtischen Wachstum im Globalen Süden mögliche negative Effekte zu vermeiden. Anfang Februar 2021 trafen sich die Expert*innen zu der N-AERUS-Jahreskonferenz und berieten die sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen der Stadtentwicklung.

Benutzerorientierte Stadtentwicklung

Auf der Konferenz beleuchteten Projektbeispiele Strategien und Praxis der Stadtgestaltung, um die Kluft zwischen Solidarität, Wissen und Produktion zu überbrücken. Leonora Pechardo Gonzales, freie Beraterin, und Dina Cartagena Magnaye, von der University of the Philippines, wiesen anhand der Gestaltung urbaner Grünflächen in der philippinischen Hauptstadt Manila auf bestehende Schwachstellen hin: Für den Unterhalt von Grünanlagen gibt es kaum Geld. Plastikmüll und die Art der Vegetation in den Parks verhindern, dass Wasser in den Boden einsickern und als Grundwasser gespeichert werden kann.

Laura von Puttkammer, Beraterin für partizipatorische Planung, erläuterte wie UN-Habitat, ein Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen, die Kompetenz und Akzeptanz von digitaler Beteiligung, die im Zuge der Corona-Maßnahmen gestiegen sind, für den sogenannten Gamification-Ansatz nutzt. Das Online-Videospiel „Minecraft“, bei dem mit digitalen Bauklötzen eine 3D-Welt konstruiert wird, wird für Ko-Kreation eingesetzt: Bürger*innen planen im virtuellen Raum gemeinsam mit kommunalen Verwaltungsangestellten nachhaltige Städte und Gemeinden.

Bereit sein für Unerwartetes

Wie Akteur*innen auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren können, zeigte Beatrice Galimberti vom Polytechnikum Mailand: Covid-19 stoppte auf der philippinischen Insel Mindoro eine Installation öffentlicher Toiletten für Schulen. Die an der Installation Beteiligten erkannten den Bedarf an Mund-Nasen-Schutz, nutzten die aufgebaute Logistik für den Transport von Textilien, nähten und verteilten Alltagsmasken. Bereitschaft, oder Preparedness, erfordert ein Netzwerk der Fähigkeiten, um sich flexibel anzupassen, wenn sich Lebensumstände unerwartet ändern.

Prof. Dr. Philipp Misselwitz, Vorsitzender der Habitat Unit am Institut für Architektur der TU Berlin, betonte am Ende der Konferenz, dass der Unsicherheit als kritischer Faktor mehr Bedeutung beigemessen werden sollte. Die Erfahrungen mit Covid-19 könnten ein Anstoß sein, um die Beziehungen zwischen öffentlicher Gesundheit, sozialen und natürlichen Katastrophen sowie der Stadt noch stärker interdisziplinär zu erforschen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse können den Regierungen helfen, sich besser auf unerwartete Ereignisse vorzubereiten.

 

Autorin: Christina Camier

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