Technische Universität Berlin
ENUnfortunately the webpage is not available in the language you have selected.

Alter Ort, neue Idee - das Haus der Materialisierung

Wissenschaftler*innen der TU Berlin engagieren sich im Haus der Materialisierung in Berlin-Mitte für zirkuläres Wirtschaften

Ein alter Auto Scooter, Hochbeete unter Diskokugeln, ein paar alte Sessel – direkt hinter der Ruine des Hauses der Statistik am Alexanderplatz liegt der Eingang zum „Haus der Materialisierung“. Was aussieht wie einer der derzeit geschlossenen Berliner Clubs ist ein Zusammenschluss verschiedener Initiativen, die sich alle der Idee einer abfallarmen, zirkulären und ressourcenschonenden Wirtschaft verschrieben haben.

Unter einem Dach befinden sich 26 Initiativen, die ein vielfältiges Angebot zur Verfügung stellen: Einen Gebrauchtmaterial-Markt, Werkstätten für Textil, Holz und Metall, ein Repair-Café, einen Leihladen sowie Raum für Aktivitäten und Veranstaltungen der Berliner Stadtgesellschaft. Darunter sind Künstler*innen, die alte Schränke zu Straßenküchen umfunktionieren, Akteur*innen wie die Berliner Stadtmission, bei der man hochwertige Second Hand-Möbel und Textilien erstehen kann – und Wissenschaftler*innen der TU Berlin. Im Rahmen des durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt geförderten Forschungsprojekts „Reallabor Zirkuläres Wirtschaften im urbanen Raum: Umweltkommunikation im Haus der Materialisierung" engagieren sich die Wissenschaftler*innen des Fachgebiets für Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologien gemeinsam mit Simone Kellerhoff von der Material Mafia dafür, Lösungen für die Weiternutzung von Gewerbeabfälle zu identifizieren und zu etablieren.

Ab in die Mülltonne? Nicht im Haus der Materialisierung: Hier werden Restprodukte sinnvoll weiterverarbeitet

Findet man den Eingang in das ehemalige Archiv, kommt man in eine Halle mit langen Gängen, in denen sich die verschiedensten Dinge stapeln – Regale liegen voller bunter Plastikplanen, alte Sessel, Schränke und Lampen bilden Sitzecken, grün-pink-schwarze Teppiche, aus Plastikresten gewebt, hängen leuchtend in den Gängen. Aus der Fahrradwerkstatt dröhnt ein Techno-Bass, eine lange Schlange unterschiedlichster Fahrradbesitzer*innen hat sich aufgereiht und steht bis nach draußen.

Die Lagerfläche der Material Mafia, Projektpartnerin der TU-Berlin, ist in der Mitte der Halle zu finden. Hier lagern verschiedene Stoffe, die eines gemeinsam haben: Es handelt sich um Restprodukte aus dem lokalem Gewerbe und der Industrie, die regelmäßig und in hohen Mengen anfallen und gleichzeitig ein nach wie vor hohes Nutzungspotential aufweisen.

Ein TU-Forschungsprojekt erarbeitet in Expert*innenworkshops potenzielle Nachnutzungskonzepte

Johannes Scholz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie erklärt: „Gewerbeabfälle, wie zum Beispiel industrielle Drucktücher aus dem Offsetdruckverfahren, die in großen Mengen in mittelständischen und großen Druckereien als nicht recycelbarer und regelmäßiger Abfallstrom anfallen, bringen auch nach der Ausmusterung noch sehr nützliche Materialeigenschaften mit sich: Sie sind flexibel, aber auch sehr reiß- und wasserfest. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden in Expert*innenworkshops potentielle Nachnutzungskonzepte, zum Beispiel als Baumaterialien oder zur Abdichtung, beispielsweise von LKW-Planen, erforscht.“ Auch Zuschnitte von Werbeflächen aus Aluminium Dibond sind bei der Material Mafia beliebt. Die Zuschnitte seien sehr leicht, stabil und lassen sich sehr gut formen. Sie könnten beispielsweise als Material für die Konstruktion von Fahrradanhängern oder im Autoausbau eingesetzt werden, erläutert Johannes Scholz.

Ein digitales Gebrauchtmaterial-Inventar-Tool soll die Abfallstoffe erfassen, kategorisieren und bilanzieren

Um solche Wiederverwertungen anzuregen und um die Wege der Gewerbeabfälle von der Annahme über die Lagerung bis zur Weiternutzung beim Kunden nachvollziehen zu können, entwickeln Wissenschaftler*innen des Fachgebiets in Zusammenarbeit mit der Material Mafia ein digitales Gebrauchtmaterial-Inventar-Tool, das die Abfallstoffe erfasst, kategorisiert und bilanziert. Teil des Prozesses ist die Berechnung einer Umweltbilanz, um zum Beispiel darzustellen, wie viele Tonnen CO2 durch den Einsatz der angebotenen Materialien im Vergleich zur Neuware eingespart werden. 

Ziel des Reallabors der TU Berlin ist es, die Wirksamkeit des Konzeptes des Hauses der Materialisierung zu erproben und dieses auch in andere Städte zu übertagen. Als Teil dieser Strategie wird im Sinne des Open-Source-Gedankens auch das fertige Inventartool allen Interessenten zur Verfügung gestellt werden. Die Aktivitäten der Initiativen im Haus der Materialisierung sollen wegweisend für eine nachhaltige Gesellschaft wirken und die Wertschätzung materieller Ressourcen fördern. Um diese Ergebnisse gezielt zu kommunizieren, startet das Fachgebiet für Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologien gemeinsam mit dem Stadtlabor for Multimodal Anthropology der Humboldt-Universität zu Berlin ab dem 1. Juli 2021 ein Experimentallabor für Wissenschaftskommunikation. In dem vom Exzellenzverbund Berlin University Alliance geförderten Projekt „Trash Games – Playing with the Circular Economy Transition at the HdM“ sollen mit dem Haus der Materialisierung als Experimentallabor verschiedene Stakeholder aus Abfallwirtschaft, Politik und Wissenschaft einen spielerischen Ansatz entwickeln, um die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft praktisch erfahrbar zu machen. So soll eine Wissenschaftskommunikation zum Mitmachen entstehen.