Technische Universität Berlin

Nachhaltig unterwegs im Wrangelkiez

Der Berliner Wrangelkiez liegt in Kreuzberg, ist dicht besiedelt und zeichnet sich auf den ersten Blick durch seine grüne Lage zwischen Görlitzer Park, Spree und Landwehrkanal aus. Beim genauen Hinsehen fällt jedoch auf, dass das Kiezleben vom Auto beeinträchtigt wird. Nur etwa 17 Prozent der Einwohner*innen besitzen ein Pkw, diese nehmen aber fast die Hälfte des öffentlichen Straßenraums ein. Hinzu kommt Lieferverkehr für die zahlreichen Gewerbetreibenden. Radfahrer*innen und Fußgänger*innen konkurrieren um die Gehsteige: Es gibt kaum Radwege, Radfahrer*innen müssen auf den oft zugeparkten Straßen fahren, die Straßenbeläge sind schlecht befahrbar, so dass der Bürgersteig häufig die sicherste Ausweichmöglichkeit bietet. Engagierte Bewohner*innen entwickeln gemeinsam mit dem Straßen- und Grünflächenamt, den Ingenieurbüros Gruppe Planwerk und Hoffmann Leichter sowie seit November 2020 auch mit Forscher*innen der Technischen Universität (TU) Berlin ein Konzept für eine nachhaltige Nahmobilität.

 

Die bestehende Infrastruktur entspricht dem Kiezalltag nicht mehr, es knirscht an vielen Stellen.In dem Forschungsvorhaben „Nahmobilitätskonzept Wrangelkiez“ möchten Prof. Dr. Oliver Schwedes, vom Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung am Institut für Land- und Seeverkehr der TU Berlin, und seine Mitarbeiter*innen Martha Vobruba, Johannes Roderer und Till Uppenkamp partizipativ eine Infrastruktur mitgestalten, die Fußgänger*innen, spielenden Kindern und Radfahrer*innen mehr Platz verschafft und die gemeinsame Nutzung der verfügbaren Flächen verbessert. „Es müssen Angebote entwickelt werden, die dazu beitragen, den Pkw-Besitz zu reduzieren“, beschreibt Martha Vobruba.

Autos nehmen am meisten Fläche ein

Die tatsächliche Mobilität steht im Kontrast zu dem Raum, den Autos einnehmen: „Eine Berechnung der Flächenverteilung im Wrangelkiez hat ergeben, dass dem Pkw 44 Prozent des öffentlichen Straßenraums zur Verfügung steht. Dabei liegt der Anteil der Wege, die mit dem Pkw zurückgelegt werden, nur bei 14 Prozent. Die Fläche, die explizit für den Radverkehr zur Verfügung steht, beläuft sich im Wrangelkiez auf 4 Prozent. Der Anteil der Wege, die mit dem Rad zurückgelegt werden, ist mit 28 Prozent um ein Vielfaches höher. Die Verkehrsinfrastruktur muss an die aktuellen Mobilitätsbedarfe der Menschen im Kiez angepasst werden“, fasst Martha Vobruba die aktuelle Lage zusammen.

Verkehr aus dem Blickwinkel von Kindern

In Ergänzung zu einer Machbarkeitsstudie, die die Ingenieurbüros durchführen, befassen sich die TU-Forscher*innen mit Bevölkerungsgruppen, die selten befragt werden: Kinder und Jugendliche, Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen. Sie haben zum Beispiel Fünftklässler mit Einwegkameras ausgestattet und mit ihnen Streifzüge durch den Kiez unternommen, auf denen die Schüler*innen die Verkehrssituation aus Ihrer Perspektive fotografierten. Die Kinder erhielten außerdem großformatige Emojis, mit denen sie während der Exkursionen die Verkehrssituation bewerten konnten, indem sie sie sich zum Beispiel vor das Gesicht hielten. „Die Fotos sind beeindruckend! Kinder sind in besonderer Weise vom Pkw-Verkehr betroffen. Insbesondere das Falschparken und der ständige Regelbruch im Straßenverkehr behindert sie dabei, ein eigenständiges Mobilitätsverhalten zu erlernen. Aufgrund der bestehenden Verkehrssituation nutzen Kinder sowohl für das Radfahren als auch für das sehr beliebte Tretrollerfahren fast ausschließlich Gehwege, obwohl wir es fast ausschließlich mit verkehrsberuhigten Bereichen zu tun haben. Ein Kind war von einer stark befahrenen Straßen entsetzt; mit Straßenkreide schrieb es auf den Gehweg: ‚viel zu laut‘“, berichtet Martha Vobruba.

Soziale Inklusion und gendergerechte Verkehrsplanung

Neben einer sozialen Inklusion bei der Prozessgestaltung geht es auch um eine gendergerechte Verkehrsplanung: „Neben Kindern und Jugendlichen interessiert uns besonders die Perspektive von Personen mit Migrationshintergrund. Im Wrangelkiez sind das etwa die Hälfte der Einwohner*innen. Bei Beteiligungsprozessen sind sie aber stark unterrepräsentiert, was unter anderem auf sprachliche Barrieren zurückzuführen ist. Dabei gehen wir vor allem auf die Perspektive und die besonderen Mobilitätsbedarfe von Frauen ein“, erzählt Martha Vobruba.

Wrangelkiez als Reallabor

Im Mittelpunkt der integrierten Verkehrsgestaltung stehen die Menschen und ihre Bedarfe. Das Wissen aller Beteiligten wird zusammengeführt, um belastbare Ergebnisse für die Praxis zu erzielen. Die Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg ermöglicht es, Einzelmaßnahmen, die sich auf die Menschen im Kiez direkt auswirken, in der echten Welt zu erproben – ganz im Sinne eines Reallabors.

„Ob Mobilität Spaß macht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ziel ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Mutter von drei Kindern am liebsten mit dem Lastenrad ihre Erledigungen macht, das Kind auf sicheren Straßen alleine den Schulweg antreten kann, der Ladenbesitzer mit kleinen, stadtverträglichen Fahrzeugen zu bestimmten Uhrzeiten beliefert wird und die Geschäftsfrau den täglichen Arbeitsweg mit der U-Bahn zurücklegt“, wirft Martha Vobruba einen Blick in die Zukunft.

Klassisches Berliner Gründerzeitquartier

Die Verkehrssituation im Wrangelkiez ist typisch für Stadtteile, die in der Gründerzeit entstanden sind: Starke Verdichtung trifft auf hohe Nutzungsintensität, öffentlicher Raum und Straßen sind nicht auf intensiven Kfz-Verkehr angelegt. Vergleichbare Probleme können folglich in Quartieren mit einer ähnlichen Struktur auftreten. Die Erkenntnisse aus dem Umgestaltungsprozess sollen am Ende der Projektlaufzeit in einen Leitfaden als kommunalen Ratgeber überführt werden, um vergleichbare Prozesse erfolgreich zu gestalten. „Was den Wrangelkiez vielleicht von manch anderen Kiezen unterscheidet ist eine sehr aktive Einwohner*innenschaft, die sich mit dem Kiez identifiziert und ihm seinen einzigartigen und vielschichtigen Charakter verleiht“, stellt Martha Vobruba anerkennend fest.

Weitere Informationen:

 

Christina Camier

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Einrichtung Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung
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