Technische Universität Berlin

Tegel, Tempelhof, BER – Berlin hat großen Gestaltungsspielraum

Forscher*innen der TU Berlin gestalten den Veränderungsprozess mit

Dr. Johanna Sonnenburg, Center for Metropolitan Studies, über Flughäfen als Motoren der Region

Der Großflughafen Berlin Brandenburg ist eröffnet, nach Tempelhof wurde mit Tegel der zweite innerstädtische Flughafen Berlins geschlossen. Darüber, wie es in der veränderten „aus drei mach eins“ Flughafenlandschaft Berlin-Brandenburgs weitergeht und wie sich Wissenschaftler*innen der Technischen Universität Berlin in das Geschehen einbringen, sprachen wir mit der Berlinerin Dr. Johanna Sonnenburg, Center for Metropolitan Studies. Sie moderierte die Veranstaltung „Flughäfen als Motoren der Metropolregionen“ („Metropolengespräche 18 - Flughäfen als Motoren der Metropolregionen" auf YouTube), des „Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg“ (AIV).

 

Frau Dr. Sonnenburg, was bedeutet die Konzentration des Flugverkehrs auf einen Ort außerhalb Berlins für die Region?

Dr. Sonnenburg: Der BER liegt im Land Brandenburg, wo auch die Steuern anfallen. Für Berlin war es wichtig, den Flughafen so nah wie möglich an der Stadtgrenze zu halten. Das Berliner Planwerk Südostraum kann so mit einem Flughafen-Korridor partizipieren, in dem sich Unternehmen ansiedeln, der vom BER über die Airport-City, Adlershof, Schöneweide, Obere Stadtspree bis hin zum Hauptbahnhof führt. Mit dem neuen Wirtschaftspol in der Region – Tesla – entsteht eine weitere Achse nach Osten, an der sich zwischen BER und Grünheide künftig u.a. Firmen der Mobilitätsbranche niederlassen werden. Und in Richtung Westen nach Potsdam haben sich in Blankenfelde-Mahlow und Ludwigsfelde bereits Konzerne mit Bezug zur Luftfahrt angesiedelt.

Und welche Auswirkungen hat die Pandemie?

Die aktuelle globale Pandemie bedeutet einen historischen Einbruch für die Luftfahrt weltweit. Die Branche hat bisher auf Wachstum gesetzt. Ich hatte in der Vergangenheit Alternativen angemahnt – doch in Zeiten des Wachstums will niemand solche Ideen hören. Klug wäre gewesen, sich breiter aufzustellen. Die Pandemie lehrt uns, dass man nicht mehr für jedes Meeting nach Frankfurt fliegen muss. Das geht inzwischen auch digital. Hinzu kommt ein gestiegenes Umwelt- und Konsumbewusstsein innerhalb der Gesellschaft. Mit dem anwachsenden Interesse an regionalen Produkten ergeben sich neue Transportwege für Konsumgüter. Vermutlich wird es drei bis fünf Jahre dauern, bis die Fluggastzahlen wieder auf dem Stand von 2019 sein werden. Ob sie dann stagnieren oder weiterwachsen, ist bislang nicht vorhersehbar. Die Branche sollte die Disruption unter anderem dafür nutzen, um über alternative – umweltfreundliche – Antriebe nachzudenken.

Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in den Plänen für die Nachnutzung der Flächen in TXL und THF?

Die Idee, in Tegel Zukunftstechnologien mit dem Schwerpunkt „Smart City“ anzusiedeln, parallel zum Schumacher-Quartier, einem Wohnquartier in nachhaltiger Holzbauweise, ist ein Blick in die Zukunft. Das betrifft das Wohnen und Leben als auch das Arbeiten, Produzieren und Forschen. Die Herausforderung ist jetzt, dieses kluge Konzept der „Urban Tech Republic“ umzusetzen und dabei die Stadtgesellschaft mitzunehmen. Es wäre außerdem wünschenswert, das Gelände besser mit dem schienengebundenen ÖPNV zu vernetzen.

Und für Tempelhof?

Für Tempelhof ist die Idee, ein Kunst-, Kultur-, Kreativquartier mit öffentlichen Nutzungen zu etablieren. Das sehe ich als große Chance für Berlin, weil es eine besondere Standortqualität birgt. Jede*r möchte dort leben, wo es brodelt, etwas passiert und eine weltoffene Atmosphäre herrscht. Tempelhof liegt sehr innerstädtisch und ist an die U-, S-Bahn und Stadtautobahn angebunden. Dort ist die Schwierigkeit, dass es nur um das riesige, denkmalgeschützte Gebäude und nicht um das Feld geht. Man muss sich wohl von dem Gedanken verabschieden, primär Geld zu erwirtschaften und den Standort eher als Arche Noah für die Kunst- und Kulturbranche zu begreifen, in der das Gemeinwohl im Vordergrund steht. Man muss auch die Randflächen zwischen dem Gebäude und der Stadt in den Blick nehmen, Zäune abbauen und Barrieren überwinden. Das Gebäude, an dem man die jüngere deutsche Geschichte ablesen kann, sollte kooperativ entwickelt werden. Ob der Wunsch des Denkmalschutzes, alles so zu belassen, dass man sich wie zur Erbauungszeit 1939 fühlt, der Weisheit letzter Schluss ist, bezweifle ich.

Wie sehen Sie die Rolle von Wissenschaftler*innen in der Metropolenregion?

In meinem Feld finde ich es unglaublich wichtig, nicht in einem Elfenbeinturm zu sitzen und dort Fachartikel für andere Wissenschaftler*innen in anderen Elfenbeintürmen zu verfassen, sondern in die Stadt, in die Stadtentwicklungspolitik rauszugehen und mitzumischen. Letztlich ist das die Verpflichtung einer öffentlich finanzierten Universität. Wir müssen der Gesellschaft etwas zurückgeben. Dort braucht es unser Wissen und unser Engagement. Ich habe schon meine Diplom-Arbeit über den Flughafen Schönefeld geschrieben. Es macht mir auch die  Sinnhaftigkeit meiner Arbeit bewusst, wenn ich mit meinem Fachwissen die Entwicklung ein Stück weit beeinflussen kann.

Welchen Anteil haben bzw. hatten Wissenschaftler*innen der TU Berlin für die Planung und Entwicklung der Flughafenregion Berlin-Brandenburg?

Es ist gut, wenn eine Universität intern interdisziplinär forscht, aber auch mit Forschenden vor Ort kooperiert. Es gab das „Kompetenzzentrum Stadt und Region“, das Prof. Dr. Rudolf Schäfer ins Leben gerufen hatte. Es war ein Berlin-Brandenburg übergreifendes Netzwerk an der TU Berlin. In der Modellprojektinitiative „fAIRleben“ mit verschiedenen Akteuren von der Universität, aber auch vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, dem Potsdamer Klimafolgenforschungsinstitut und dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung ging es darum, in der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow, die sehr stark vom Fluglärm betroffen ist, ein nachhaltiges Projekt für eine Gemeindeentwicklung aufzusetzen.

Was hatten sie konkret geplant?

Es ging unter anderem um die psychosozialen Auswirkungen von Lärm und um konkrete Modelle, wie Klima- und Lärmschutz zusammengehen können. Da waren damals die Professoren Klaus Zillich und Brigitte Schulte-Fortkamp dabei. Leider scheiterte die Umsetzung an behördlichen Auflagen, weshalb die bereit gestellten Mittel nicht abgerufen werden konnten. Darüber hinaus hat Prof. Raoul Bunschoten zum Beispiel viel zu Smart Cities und zur Nachnutzung von Tegel beigetragen. Aber auch in soziologischer und technischer Sicht gibt es viele Themen, in denen Forschende der TU Berlin involviert sind. Am Institut für Luft- und Raumfahrt wird zum Beispiel an alternativen Antrieben gearbeitet.

Wie bringen Sie sich in die Weiterentwicklung der regionalen Flughafenlandschaft ein?

Seit meiner Gastprofessur bin ich an der TU Berlin am Center for Metropolitan Studies assoziiert. Erst kürzlich habe ich einen Artikel zum Umgang der Flughäfen mit der Corona-Krise publiziert und engagiere mich ehrenamtlich in verschiedenen Initiativen und Vereinen. Auf vielen Veranstaltungen zum Thema repräsentiere ich unsere Universität. Ich finde es wichtig, die TU Berlin als Gestaltungsgeberin für die Zukunft im Gespräch zu halten. Ich empfinde da eine gewisse Loyalität gegenüber der Gesellschaft und meiner Hochschule. Ich hatte ein DFG-Stipendium – da möchte ich auch etwas zurückgeben. Ich bin freie Strategie- und Projektberaterin, arbeite aber auch für Tempelhof Projekt, die Entwicklungsgesellschaft für den Flughafen Tempelhof, und befasse mich dort mit strategischer Standortentwicklung.

Was ist ihre Vision als Architektin und Stadtforscherin – unabhängig bestehender Planungen – für die riesigen Flächen bzw. Gebäude in Tegel und Tempelhof?

Zunächst einmal Tegel und Tempelhof in der Nachnutzung mit der Stadt zu vernetzen und voranzubringen. Wichtig ist dabei, auch Impulse von außen aufzunehmen. In Tegel kann die Mischung von Industrie, Technologie und Wohnen – die Smart City – nicht allein mit einem Fokus auf Technologie gelingen. Die Bedürfnisse der Menschen müssen berücksichtigt werden. Für Tempelhof wünsche ich mir einen solidarischen Umgang, eine bunte, demokratische Mischung für das geschichtsträchtige Gebäude und, dass man mutig mit dem Denkmal umgeht. Man sollte auch darüber nachdenken, ob das Gebäude nicht das Zeug dazu hätte, UNESCO-Weltkulturerbe zu werden.

Die Ansiedlung von Tesla eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Visionen. Auch die Themen Space und Raumfahrt werden wichtiger für die Zukunft, und ich fände es schon spannend, wenn Berlin da mitmacht.

 

Das Gespräch führte Andrea Puppe.