Technische Universität Berlin

Materieller Konsum muss neu organisiert werden

Vera Susanne Rotter über wissenschaftliche Politikberatung, Konsequenzen von Kompromissen und warum das Thema Suffizienz existenziell ist

Frau Prof. Rotter, Sie waren vier Jahre Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. Nun endete turnusgemäß Ihre Mitgliedschaft. Was motivierte Sie, in dem Sachverständigenrat mitzuarbeiten?

Neben einer großen Passion für Umweltthemen, vor allem Neugier. Ich wollte wissen, wie so ein Gremium funktioniert. Ein anderes Motiv war, meine Forschungen auf dem Gebiet der Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie in einem neuen Kontext zu reflektieren und aufzuarbeiten. Und dann darf man nicht übersehen, dass das Umweltgutachten, das der Rat alle vier Jahre erstellt, in der Umweltpolitik und in den Umweltwissenschaften, großes Ansehen genießt. Den Sachverständigenrat für Umweltfragen gibt es seit 1972. Er ist eine der ältesten Institutionen der wissenschaftlichen Politikberatung und für die deutsche Umweltpolitik wegweisend. Also Ansehen und Tradition waren auch Anreiz, da mitzumachen.

Wie muss man sich die Politikberatung konkret vorstellen?

Der wichtigste Arbeitsauftrag des Sachverständigenrates im Rahmen seiner wissenschaftlichen Politikberatung besteht darin, ein Umweltgutachten zu schreiben, das den Stand der aktuellen Forschung verständlich aufbereitet und – ganz wesentlich – daraus Politikempfehlungen ableitet. Dieses Umweltgutachten wird der jeweils amtierenden Umweltministerin beziehungsweise dem amtierenden Umweltminister übergeben. In diesem Jahr war es das Umweltgutachten „Für eine entschlossene Umweltpolitik in Deutschland und Europa“. Daneben haben wir noch zwei Sondergutachten erarbeitet, zahlreiche Stellungnahmen abgegeben und sind in Anhörungen aufgetreten.

Wer ist „wir“?

Der Rat, der für vier Jahre vom Kabinett berufen wird, und damit das Mandat hat, die gesamte Bundesregierung zu beraten, besteht aus sieben Ratsmitgliedern. Zusammen mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Geschäftsstelle des Sachverständigenrates überlegen die sieben Ratsmitglieder, welche strategischen Themen relevant sind, für die dringend politische Weichen gestellt werden müssen. Im aktuellen Umweltgutachten sind das Klimapolitik, Kreislaufwirtschaft, Gewässerschutz, Lärmschutz, städtische Mobilität und nachhaltige Quartiersentwicklung.

Wie oft sind Sie denn mit Politikerinnen und Politikern des Bundesumweltministeriums und auch des Bundeswirtschaftsministeriums zusammengekommen? Plaudern Sie doch einmal ein wenig aus dem Nähkästchen?

Also, es ist nicht so, dass man permanent Seite an Seite mit Politikern sitzt. Ich bin in den vier Jahren vielleicht viermal mit der vormaligen beziehungsweise der amtierenden Umweltministerin zusammengekommen, treffen auf der Arbeitsebene sind da schon häufiger. Kontakte in andere Ministerien wie das Wirtschafts-, aber auch das Verkehrsministerium waren da eher verhaltener. Es ist ja nicht zu übersehen, dass es unterschiedliche Interessen gibt zwischen der Umweltpolitik auf der einen Seite und der Wirtschafts- und Verkehrspolitik auf der anderen Seite. Das mag auch darin begründet sein, dass es noch nicht ausreichend gelungen ist, Umweltpolitik als Querschnittsthema zu etablieren. Wir müssen davon wegkommen, Umweltpolitik als Gefährdung der Wirtschaftspolitik zu verstehen. Vielmehr muss sie als Chance für die Wirtschaftspolitik begriffen werden. Das im Denken und Handel zu verankern bleibt eine große Herausforderung für die wissenschaftliche Politikberatung.

Was nehmen Sie an Erfahrungen mit?

… dass es notwendig ist zu sagen, an welchen Stellen politisches Handeln kompromisslos ist, wenn es zum Beispiel darum geht, gesetzte Ziele einzuhalten. Wenn man das Pariser Klimaziel, also die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, beschließt, muss das ganz bestimmte politische Handlungen nach sich ziehen. Schaut man sich dann aber bestimmte Entscheidungen an, stellt man fest, dass diese mit dem politischen Ziel nicht kompatibel sind. Wer sich zu dem zwei-Grad-Ziel bekennt, muss auch seine Politik entsprechend langfristig ausrichten. Aus dem Ziel müssen sich also politische Handlungen ergeben, die folgerichtig sind. Und es ist dann wieder Aufgabe der Wissenschaft, Handlungskorridore aufzuzeigen.

… das heißt, nicht jeder Kompromiss ist akzeptabel?

Politik muss Kompromisse finden. Ich denke aber, dass es wichtig ist, die Konsequenzen der Kompromisse aufzuzeigen. Wissenschaftliche Politikberatung kann bei der Definition der Ziele unterstützen. Die Umsetzung der Ziele ist Aufgabe der Politik. Dabei braucht sie aber immer wieder auch eine Rückmeldung aus der Wissenschaft. So ist auch das aktuelle Umweltgutachten geschrieben. Es ist eine Bestandsaufnahme, formuliert klar all das, was nicht erreicht wurde und leitet daraus neue Ziele und Handlungsempfehlungen ab, um zum Beispiel zu einer wirklichen Kreislaufwirtschaft zu kommen – von der wir noch weit entfernt sind.

Noch einmal zurück zu meiner Frage nach Ihren Erfahrungen?

Eine positive Erfahrung war auch, dass es gelungen ist, Themen in den Fokus zu rücken und zu bearbeiten, die einer langfristigen Perspektive bedürfen, weil sie in einer Legislaturperiode von vier Jahren nicht zu bewältigen sind wie zum Beispiel das Thema Kreislaufwirtschaft. Gerade bei Umweltthemen ist es wichtig, eine Politik zu machen, die über vier Jahre hinausgeht. Mein Eindruck war, dass die Umweltministerin ein großes Interesse hat an langfristigen strategischen Fragen, um Umweltpolitik als etwas zu stärken, was die Wirtschaft fördert und Umweltpolitik eben als Querschnittsthema in allen Ministerien zu verankern. Beispiel: Um das Klimaziel zu erreichen, muss der Verkehr klimaneutral werden. Ohne diesen Zusammenhang im Blick zu haben, ist eine verantwortungsvolle Verkehrspolitik nicht möglich. Zum Thema Dekarbonisierung und Klimaneutralität im Verkehr hat der Sachverständigenrat übrigens auch ein Sondergutachten angefertigt.

In dem im Mai 2020 vorgelegten Umweltgutachten wird konstatiert, dass das auf unbegrenzten Konsum setzende Wirtschaftssystem dem Planeten nicht mehr länger zuzumuten ist, da es ihn zerstört. Es sei deshalb erforderlich, dass das Thema Suffizienz, also die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, in den Blickpunkt rückt. Wie könnte Suffizienz in unserem Wirtschaftssystem verankert werden?

… durch die Neuorganisation von materiellem Konsum. Das meint weg vom Verkauf von Produkten hin zum Verkauf von Dienstleistungen. Solche Vertriebsmodelle gibt es zum Beispiel für Fahrräder. Da besitzt man das Fahrrad nicht mehr, sondern abonniert es – mit einer Reparaturdienstleistung inklusive. Hersteller sollen sich also überlegen, wie sie ein Produktsystem entwickeln können, das dazu beiträgt, den materiellen Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Dafür müssen wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, Produkte wie eben auch elektrische Geräte reparieren zu lassen, anstatt sie mit einer begrenzten Lebensdauer zu versehen und sie regelmäßig auszutauschen. Übrigens: Suffizienz wird im Deutschen immer als Verzicht wahrgenommen. Der Ursprung des Wortes bedeutet aber „Es genügt, es ist ausreichend.“ Man sollte den Begriff endlich auch einmal positiv konnotieren.

Das Interview führte Sybille Nitsche.