Technische Universität Berlin
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Mathematik im digitalen Lernraum

Die Vermittlung dem Medium anpassen

An der TU Berlin steht Mathematik in den Natur- und Ingenieurwissenschaften fest im Lehrplan. An den Mathematik-Veranstaltungen für die Ingenieure nehmen in jedem Semester viele Tausend Studierende teil. In Vor-Corona-Zeiten wurden manche Vorlesungen mehrfach hintereinander im großen Audimax mit 1200 Sitzplätzen gehalten. Seit dem Sommersemester 2020 läuft die Lehre digital. Prof. Dr. Jörg Liesen vom Institut für Mathematik berichtet über seine Erfahrungen.

Welchen Umfang hat Ihre digitale Lehre?

In diesem Semester gebe ich unter anderem eine Mathematik-Grundlagenveranstaltung für Studienanfänger*innen, die Lineare Algebra I. Der Stoff ist in Wochenthemen gegliedert, die ich in Videos diskutiere. Mein Team erstellt dazu Übungsvideos und ein wöchentliches Quiz. All dies ist asynchron und jederzeit verfügbar. Montags bis mittwochs bieten wir von 10 bis 18 Uhr einen von Tutor*innen betreuten digitalen Lernraum an, den die Studierenden beliebig oft besuchen können. Donnerstags und freitags finden Online- Tutorien in festen Gruppen statt, in denen man sich gut vernetzen kann. Über 300 Studierende sind angemeldet. Im Mathematik-Service für andere Fakultäten, den ich koordiniere, sind die Studierendenzahlen wesentlich größer. Allein in den Erstsemester-Veranstaltungen Analysis I und Lineare Algebra für Ingenieure stellen wir für fast 4000 Teilnehmer* innen digitale Angebote bereit. Auch hier gibt es Videos und interaktive Online-Tutorien. Dafür arbeiten vier Dozent* innen, fünf Assistent*innen und über 50 Tutor*innen sehr engagiert.

Was sind die Herausforderungen?

Die größte ist, die Motivation der Studierenden im Semesterverlauf hoch zu halten, denn trotz aller interaktiver Komponenten sitzen die meisten eben alleine zu Hause. Ein regulärer Präsenz-Stundenplan ist von Montag bis Freitag voll mit 90-minütigen Vorlesungen, Übungen und Tutorien. Niemand hält so viele Stunden mit Videos oder in Zoom-Meetings aus. Die Vermittlung des Stoffs muss dem Medium angepasst werden und wir Lehrenden müssen dabei von den Studierenden aus denken. Der Stoff muss anders aufbereitet, portioniert und verfügbar gemacht werden. Wenn das passiert, wird es von den Studierenden auch wahrgenommen und sehr geschätzt.

Welche Vorteile sehen Sie?

Die asynchrone Verfügbarkeit der digitalen Materialien ist sicherlich von Vorteil. Sie ermöglicht individualisiertes und flexibles Lernen. Räumliche, zeitliche oder gesundheitliche Einschränkungen, die das Studium im reinen Präsenzbetrieb erschwerten, spielen bei der Online-Lehre eine geringere Rolle. An unseren Veranstaltungen nehmen derzeit auch Studierende teil, die gar nicht in Berlin sind. Ich habe auch schon Studierende in Indien oder Spanien online mündlich geprüft.

Wie würden Sie gern künftig unterrichten?

Wir erleben einen Innovationsschub, der sich positiv in der Lehre auswirken kann. Viele Einsichten und neu erlernte Tools werde ich sicherlich weiter nutzen. Ich freue mich aber auf mehr persönlichen Kontakt mit den Studierenden. Gute Lehre lebt von guten Inhalten, die man natürlich digital anbieten kann, aber sie lebt auch ganz wesentlich von Kreativität, Spontanität und Humor in der unmittelbaren Interaktion von Lehrenden mit Studierenden und der Studierenden untereinander.

Originalpublikation

Der Text ist am 29. November 2020 in der Sonderbeilage der TU Berlin im Der Tagesspiegel erschienen.

Das Gespräch führte Stefanie Terp.