Technische Universität Berlin

In Rinde gewandet

Neue Werkstoffe aus dem Abfall der Holzindustrie

Die Models tragen Rinde. Sie eine Jacke aus Kieferrinde verwebt, er eine aus einem ganzen Stück Kieferrinde genäht. Die Schöpferinnen dieser Modeneuheit sind Charlett Wenig und Johanna Hehemeyer Cürten. Und die Jacken sind nicht die einzigen Teile, die die Designerinnen aus Baumrinde bereits entworfen und hergestellt haben. Es gibt einen Rock und Highheels, Sandalen und einen knöchelhohen Schuh, die mit Robinienrinde besohlt wurden.

Immer nur Kunststoff

Charlett Wenig war es während ihres Industriedesignstudiums leid geworden, immer wieder mit den gleichen industriell hergestellten Werkstoffen zu arbeiten, meistens war es Kunststoff. In Johanna Hehemeyer Cürten von der Berliner Kunsthochschule Weißensee fand sie eine Verbündete. „Angefangen zu experimentieren hatte ich mit Knochen“, erzählt Wenig, die am Fachgebiet Werkstofftechnik der TU Berlin und dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam arbeitet und die Rinde als Material zum Thema ihrer Doktorarbeit gemacht hat. „Ich wollte mit Material arbeiten, was nicht neu hergestellt werden muss, am besten mit einem Abfallprodukt, um so nachhaltig wie möglich zu sein.“ Sie stieß auf Rinde – ein Abfallprodukt der Holzwirtschaft, das in riesigen Mengen anfällt und entweder verbrannt wird oder bestenfalls als Mulch in den Gartencentern landet.

Als Farbstoff in Glasuren

Dass Charlett Wenig und Johanna Hehemeyer Cürten als erstes Kleidung entwarfen, lag für beide nah. Da die Rinde die Haut des Baumes ist, wollten sie wissen, ob sie auch zu einer Art Haut für den Menschen werden könnte und wie es sich anfühlt, Rinde zu tragen. Der erste Versuch schlug fehl. Die Jacke war wie eine Rüstung, stocksteif. Deshalb ist ein zentraler Punkt ihrer Forschungen, die Ei-genschaften der Rinde zu untersuchen, um daraus Verarbeitungsweisen und Anwendungen abzuleiten. Und Rinde ist nicht gleich Rinde. Im Labor analysiert sie nun die Dichte, Struktur, Wärmeleitfähigkeit, Druck- und Bruchfestigkeit sowie die Reaktion der Rinden auf Wasser von gleich fünf Baumarten: der Fichte, Kiefer, Eiche, Lärche und Birke. Erste Ergebnisse zeigen, dass Kiefer sehr flexibel ist und sich verweben lässt, alle fünf Rindenarten sich gut zu Platten verdichten lassen ohne zusätzlichen Kleber nur mit Hitze und Druck aufgrund ihres Harzgehaltes und Birke sich als Farbstoff in Glasuren eignen könnte.

Mordsschwere Arbeit

Was Charlett Wenig an Rinde benötigt, muss sie sich selbst beschaffen. Dazu zieht sie in den Wald. Die einzige Zeit, die Rinde zu schälen, ist im Frühjahr, wenn die Bäume „im Saft stehen“, sagt sie, also ihre ersten Blätter austreiben. Und sie muss sich zuvor mit dem Förster verständigt haben, wann wieder Bäume gefällt worden sind. „Es ist verboten, einem noch lebenden Baum die Rinde abzuziehen, denn dann stirbt er. Das darf man nur beigefällten Bäumen tun.“ Und warum holt sie sich die Rinde nicht aus dem Sägewerk? „Weil sie dort für meine Zwecke falsch geschält wird. Sie schaben die Rinde von oben nach unten vom Stamm. Ich aber schäle sie um den Stamm herum ab. Eine mordsschwere Arbeit“, erzählt sie.

Ausgetretene Pfade verlassen

In ihrer Promotion will sie zum einen Aussagen darüber treffen, welche Anwendungen aufgrund welcher Materialeigenschaften denkbar sind, zum anderen begründen, warum im Designstudium eine naturwissenschaftliche Ausbildung stärker verankert werden müsste. Es sei nicht verwunderlich, dass Plastik so dominant sei, wenn Designerinnen und Designer von Naturmaterialien kaum etwas wüssten. „Als Designerinnen benötigen wir ein tiefergehendes Verständnis über Struktur und Eigenschaften der Naturmaterialien, das nur die Naturwissenschaften liefern können“, so Charlett Wenig. Mit diesem Wissen könnten im Design ausgetretene Pfade verlassen werden.

Originalpublikation

Der Text ist am 29. November 2020 in der Sonderbeilage der TU Berlin im Der Tagesspiegel erschienen.

Autorin: Sybille Nitsche