Die Kunst der Energiewende

Der Kulturwissenschaftler Ingo Uhlig über sein etwas außergewöhnliches Seminar „Neue Energiesysteme und Energiekulturen – Narrative, Szenarien, Perspektiven“ im Rahmen einer „50Hertz Gastdozentur“ an der TU Berlin

Herr Prof. Uhlig, Sie bieten in diesem Wintersemester und im kommenden Sommersemester das Seminar „Neue Energiesysteme und Energiekulturen – Narrative, Szenarien, Perspektiven“ am Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte an. Warum dieses Seminar?

Mir geht es darum, eines der drängendsten Probleme der Gegenwart, die Transformation unseres auf fossilen Rohstoffen beruhenden Energiesystems, was vermeintlich ein primär technisches Vorhaben zu sein scheint, mit Studierenden der Kulturwissenschaften zu analysieren, auszuleuchten und zu beschreiben. Ziel ist es, sichtbar zu machen, dass die Energiewende eben nicht nur ein rein technisches Unterfangen ist, sondern eine kulturelle Dimension hat. Zugegeben, es ist eine recht außergewöhnliche Kombination, ein neuer Ansatz, das vielleicht etwas spröde Thema Energietransformation mit Studierenden der Kulturwissenschaften zu behandeln. Philosophie, Literatur – sind ja nicht Fächer, die sich hauptsächlich mit Energie und ihren Infrastrukturen beschäftigen, oft noch nicht einmal in der Nebensache.

Warum interessieren Sie sich als Kulturwissenschaftler für die Energiewende und forschen unter anderem am Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität, dem IKEM?

Romane, Filme, Werke der bildenden Kunst fassen Zeichen ihrer Zeit ausdrucksstark in Bildern, Gedanken und Erzählungen auf. Insofern diese künstlerischen Zeugnisse sich mit Klimaschutz und der Energiewende auseinandersetzen, erfahren wir viel über die kulturelle Verortung dieses technischen Vorhabens Energiewende. Sie geben zu erkennen, warum die Transformation des Energiesektors im Moment da steht, wo sie steht. Sie machen kulturelle und gesellschaftliche Hemmnisse sichtbar, die sie ausbremsen. Windparks verursachen Flächenbedarf und der kann dörfliche Eigentumsverhältnisse durcheinanderbringen, zu einem neuen Eigentumsgefälle führen, neue Gewinner und Verlierer hervorbringen. Im Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh, aber auch in vielen Krimis wird dieser zähe Konflikt zwischen Land- und Energiewirtschaft, in den die Energiewende gerät, sichtbar. In der bildenden Kunst wiederum gibt es mittlerweile viele Arbeiten, die die Energiewende mitgestalten, kreativ mit ihr umgehen, sie zu beflügeln versuchen. Zusammen mit den Studierenden möchte ich herausarbeiten, wie man beide Zugänge – sowohl die Offenlegung von Konfliktlinien als auch der gestalterische, produktive Zugriff – dafür nutzen kann, die Transformation voranzubringen.

Basiert das Seminar auf Ihrem jüngst erschienenen Essayband „Energiewende erzählen. Literatur. Kunst. Ressourcen“?

In Teilen, ja. Der Essayband spannt einen historischen Bogen und verhandelt die Energiewenden der letzten 250 Jahre. Im Seminar jedoch wird die aktuelle Energiewende im Fokus stehen und die Frage, wie sich die Kulturwissenschaften konkret einbringen können.

Was erwartet die Studierenden in Ihrem Seminar?

Im Wintersemester werden wir zwar erst einmal literarische und theoretische Texte lesen, uns Kunstwerke und Filme anschauen wie zum Beispiel „Niemand ist bei den Kälbern“ oder „Just friends“, um die kulturellen Phänomene der Energiewende zu analysieren. Da bleiben wir, um es so zu formulieren, noch in der Nähe des universitären Elfenbeinturms. Im Sommersemester stehen dann aber viele Exkursionen an: zum Beispiel eine Trassenbegehung mit 50Hertz, also ein Vorort-Besuch bei denen, die die erneuerbaren Infrastrukturen bauen. Bei anderen Exkursionen geht es darum zu verstehen, wie erneuerbare Energien technisch gemanagt werden. Wir schauen uns an, wie man mit der schwankenden, volatilen Natur der erneuerbaren Energien umgeht: Stichworte Digitalisierung, Flexibilisierung, Speicherung oder Sektorkopplung. Es sollen also nicht nur die klassischen, philologischen Fertigkeiten, Texte zu analysieren, ausgeprägt werden, sondern die Studierenden werden ins Gespräch kommen mit Praktikerinnen und Praktikern, Ingenieurinnen und Ingenieuren, Politikerinnen und Politikern, die im Feld die Energiewende bewerkstelligen müssen. Das findet im Rahmen meiner Gastdozentur in Kooperation mit dem Unternehmen 50Hertz statt. Das Unternehmen betreibt das Stromübertragungsnetz im Nordosten Deutschlands.

Die Notwendigkeit der Energiewende ist das Resultat des schieren Raubbaus des Menschen an den Ressourcen der Erde. Für Windräder und die Batterien der E-Autos werden Seltene Erden wie Lithium gebraucht. Ohne, dass der Mensch wiederum Natur zerstört, sind die nicht zu haben. Im Norden Portugals zum Beispiel wehren sich Menschen gegen den Abbau des dort gefundenen Lithiums. Der würde 150 Meter tiefe Tagebaue zur Folge haben. Sie fürchten die Zerstörung ihrer Region, die erst 2019 von der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen zum landwirtschaftlichen Weltkulturerbe erklärt wurde. Inwiefern wird die Thematik, dass auch diese Energiewende ein Eingriff in die Natur ist, im Seminar eine Rolle spielen?

Ob wir mit der Energiewende die Ausbeutung der Ressourcen lediglich verschieben, ist eine wichtige Frage, mit der wir uns beschäftigen müssen. Meine Antwort ist, dass zu einer nachhaltigen Transformation nicht nur Technologien und Effizienz gehören, sondern auch ein anderes Verständnis unserer Konsumexistenz – Stichwort Suffizienz. Die Abkehr von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien und die damit einhergehende technische Transformation unserer Energieversorgung muss verknüpft werden mit einem Diskurs über einen die Ressourcen schonenden Zugriff, über weniger Verbrauch und darüber, dass der technische Umbau die Pflege des Planeten in den Mittelpunkt stellt. Das meint, dass wir uns wandeln sollten von einer Gesellschaft, die extrahiert, ausbeutet zu einer Gesellschaft, die die Umwelt bewahrt und repariert. Das stellt unseren jetzigen Lebensstil grundsätzlich in Frage. Auch diese Infragestellung prägt heutige Energiekulturen. Womit wir also wieder bei den kulturellen Dimensionen der Energiewende wären und beim Titel des Seminars ‚Neue Energiesysteme und Energiekulturen – Narrative, Szenarien, Perspektiven‘. 

Das Interview führte Sybille Nitsche.

Weiterführende Informationen

Ingo Uhlig, Energiewende erzählen. Literatur, Kunst, Ressourcen, Verlag Spector Books Leipzig 2023, 200 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-95905-582-6