Technische Universität Berlin

Nachhaltigkeit an der TU Berlin – partizipativ „von allen für alle“

Interview mit Dr. Jörg Romanski, Umweltbeauftragter der TU Berlin, über den neuen Nachhaltigkeitsbericht

Dr. Jörg Romanski leitete gemeinsam mit Dr.-Ing. André Baier, stellvertretender Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrats der TU Berlin, die interdisziplinäre Arbeitsgruppe des Nachhaltigkeitsrates, die die Redaktion des Nachhaltigkeitsberichts innehatte.

Im November 2020 ist der erste Nachhaltigkeitsbericht der TU Berlin erschienen. Was erwartet die Leser*innen?

Im September 2015 haben die Vereinten Nationen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 beschlossen. Orientiert an diesen 17 Nachhaltigkeitszielen, den Sustainable Development Goals, zeigen wir das gesamte Spektrum nachhaltiger Aktivitäten aus Forschung, Lehre und Betrieb an der TU Berlin. Wir berichten über Lehrveranstaltungen, Projektwerkstätten sowie zu nachhaltigem Planen, Bauen und Management. Wir erzählen von Energiesparprojekten und einem LEDLabor für Jugendliche, stellen Makerspaces für ökologische Produkte vor und erläutern ein Projekt zu umweltgerechtem Grundwassermanagement in Israel und Palästinensischen Autonomiegebieten. Außerdem informieren wir zu Bio-Textilien aus Algen, Bambus und Pilzen sowie zu grünen Kiez-Lieferketten.

Der Nachhaltigkeitsbericht löst die langjährigen Umweltberichte ab. Wie kam es dazu?

Seit 1995 gibt die TU Berlin die Umweltberichte heraus. Sie enthielten ab 2002 auch Nachhaltigkeitsaspekte. Anlass war die Einführung eines integrierten Managementsystems zu Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitsschutz. Es gab allerdings keinen betrieblichen Blick „von oben“, sondern wir haben Forschung und Lehre integriert und die Universitätsmitglieder eingeladen, dazu beizutragen. Dass wir den Bericht jetzt Nachhaltigkeitsbericht nennen, hängt damit zusammen, dass wir in den letzten vier, fünf Jahren eine unglaubliche Dynamik im Nachhaltigkeitsbereich an der TU Berlin erleben. Insbesondere durch den 2016 gegründeten Nachhaltigkeitsrat, der als beratendes Gremium direkt bei der Universitätsleitung angesiedelt ist. Dieses Gremium ist paritätisch besetzt mit Professor*innen, wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, Student*innen und sonstigen Beschäftigten, also mit allen Statusgruppen der TU Berlin. 2018 ist die TU Berlin dem deutschlandweiten Hochschul-Nachhaltigkeitsnetzwerk, abgekürzt „Hoch-N“, beigetreten. Im Laufe dieser Initiativen wurde der Wunsch stärker, Nägel mit Köpfen zu machen und den Umweltbericht zum Nachhaltigkeitsbericht weiterzuentwickeln.

Heißt der Bericht jetzt nur anders oder gibt es Unterschiede zum bisherigen Umweltbericht?

Bei der Weiterentwicklung des Umweltberichts haben wir uns vorgenommen, den Bericht auch paritätisch zu erstellen. Das ist der Unterschied zum Umweltbericht: Wir konnten eine Arbeitsgruppe zusammenstellen, die mit allen Statusgruppen besetzt war. Diese Personen haben nicht nur an Sitzungen teilgenommen, sondern auch konkrete Aufgaben bei der Erstellung des Berichts, zum Beispiel als ‚Kapitel-Pat*innen‘ übernommen. Außerdem sind die Themen Nachhaltigkeitspolitik, Governance, beziehungsweise Organisationsstruktur, Beteiligung und Transfer stärker in den Vordergrund getreten.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt, wie ist der Bericht gegliedert?

Der Aufruf an alle Statusgruppen, Beiträge für den Bericht einzubringen, ist so erfolgreich gewesen, dass der Bericht am Ende sehr umfangreich geworden ist. Wir wollten das Engagement würdigen und alle zu Wort kommen lassen. Daher haben wir keine Auswahl getroffen, sondern haben die Beiträge übersichtlich strukturiert nach den Handlungsoptionen „mitbestimmen und gestalten“, „lernen und lehren“, „erforschen und entwickeln“, „leben und arbeiten“, „planen und bauen“. Das ist auch ein Teil der Weiterentwicklung. In den Umweltberichten hatten wir nur zwei Bereiche: Lehre und Forschung auf der einen, sowie Betrieb und Infrastruktur auf der anderen Seite. Wir haben die Kernkompetenzen der Universität – Lehre und Forschung – nun bewusst ergänzt durch die Unterstützungsprozesse, weil es im Hochschulbereich oft so war, dass man zwar die wissenschaftliche Speerspitze in Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen war, aber der eigene Betrieb im Grunde eine kleine „Dreckschleuder“ war. Der wissenschaftliche Anspruch wurde lange von betrieblicher Seite nicht gedeckt. Auch bei der TU Berlin sind wir betrieblich noch nicht auf dem Stand, was wir von wissenschaftlicher Seite leisten könnten. Diese Diskrepanz wollten wir schon immer darstellen, um zu zeigen: Der Betrieb muss sich entwickeln.

Sehen Sie im Universitätsbetrieb auch Grenzen für Nachhaltigkeit?

Die Treibhausgas-Emissionen sind nicht durch weniger Energieverbrauch gesunken, sondern vor allem dadurch, dass Strom aus Erneuerbaren Energien bezogen wird. Das ist natürlich nur die zweitbeste Möglichkeit. Denn unser Ökostrombezug führt, vereinfacht gesagt, zu einer Verschlechterung des Strommix von anderen Konsument*innen. Aber Energiesparen um jeden Preis ist nicht möglich, da bei einer Wissenschaftseinrichtung die Betriebssicherheit immer Vorrang haben muss – und dazu gehört eine zuverlässige Stromversorgung.

Was hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Was immer wieder auffällt, ist der eher stagnierende Stromverbrauch an der TU Berlin – in einer Zeit, in der man einen sinkenden Stromverbrauch erwartet. Aber wir sind eben eine technische Universität, bei der die Forschung hochtechnisiert ist, was zu einer steigenden Anzahl von teilweise energieintensiven Verbrauchern führt. Wir haben durch den starken Anstieg an Drittmitteln für Forschungsprojekte viele halbindustrielle Anlagen, zum Beispiel die Miniplant-Anlage bei den Umwelttechniker*innen. Sie ermöglicht als im Maßstab verkleinerte Anlage die Entwicklung von Produktionsanlagen vom Labor zur Großanlage. Hinzu kommt unsere Rechnertechnik: Mit dem Back-up-Zentrum haben wir inzwischen zwei Rechnerzentren, die in energieintensive Kühlkreisläufe eingebunden sind. Vor diesem Hintergrund kann man es natürlich als Erfolg interpretieren, dass unser Stromverbrauch nahezu stagniert, statt weiter anzusteigen.

Was hat Sie besonders gefreut?

Ein „kleiner Durchbruch“ ist uns vor ein paar Jahren gelungen, dass der Berliner Senat uns zugestanden hat, unsere neuen Gebäude nach dem Nachhaltigkeitsstandard des Bundes bauen zu dürfen. Das Land Berlin strebt einen Silber-Standard im Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen an. Wir sind etwas enttäuscht, dass der Standard nicht höher ist, aber es ist ein erster Schritt.

In welchen Bereichen könnte es noch besser laufen?

Nach meiner Meinung im Bereich Infrastruktur und Bauen. Im Nachhaltigkeitsbericht beleuchtet zum Beispiel ein Beitrag zur Landschaftsökologie deutlich kritisch die Freiflächengestaltung des Campus. Markantes Merkmal eines Teils des Campus ist die Lage am sonnigen Landwehrkanalufer. Deren Grünzug-Funktion ist jedoch durch eine weitgehende Nutzung ufernaher Flächen für den fließenden und ruhenden Verkehr massiv eingeschränkt. Im Zuge der Transformation zum Campus Salzufer kann die Verknüpfung von Flussraum und urbanem Umfeld dazu beitragen, dass die Funktion als überregionaler Grünzug, die im Freiraumkonzept Charlottenburg-Wilmersdorf vorgesehen ist, voll wirksam werden kann. Außerdem hat Nicolas Kerz vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung und externes Mitglied in unserem Nachhaltigkeitsrat durchaus kritische Fragen aufgeworfen, die am Ende in der Feststellung zusammenlaufen, dass bei der Nachhaltigkeitsstrategie der TU Berlin für Außenstehende nicht deutlich wird, wohin die Reise beim nachhaltigen Bauen tatsächlich gehen soll.

Und gibt es auch ein „Sorgenkind“?

Schwierigkeiten durch starre Verwaltungsvorgänge sind gut an einem eher unauffälligen Thema zu erkennen: die Abfallvermeidung! Plakativ lässt sich das an einem Mosaikstein zeigen: dem Einbruch der Wiederverwendung von Mobiliar zwischen 2013 bis 2014. Als die für das Möbellager zuständige Person in den Ruhestand gegangen ist, dauerte es etliche Zeit, bis die Stelle wiederbesetzt werden konnte. In dieser Zeit lag das Möbellager still und wertvolle Möbel sind auf dem Sperrmüll gelandet. Seit 2018 scheitert diese Wiederverwendung daran, dass der Aufzug nicht saniert wird – und das Möbellager im zweiten Stock ist. Ein flächendeckendes Problem in wichtiger Größenordnung ist auch die Wertstofftrennung. Man müsste meinen, dass dieses „alte“ Thema inzwischen in allen Köpfen verankert ist. Doch wir stellen immer wieder fest, dass zum Beispiel in ganzen Fachgebieten blaue Abfallbehälter für den Papiermüll fehlen. Das Papier landet dann einfach in den schwarzen Behältern und geht als Wertstoff verloren. Die Verwertungsquote ist bislang allerdings auf recht gutem Niveau konstant geblieben mit leicht abfallender Tendenz – hier müssen wir immer wieder beratend und unterstützend eingreifen.

Wo findet man den Nachhaltigkeitsbericht?

Der Bericht ist auf den Webseiten des Nachhaltigkeitsrates zu finden. Außerdem spiegelt unser neues Nachhaltigkeitsportal www.nachhaltigkeit.tu-berlin.de den Bericht in Struktur und Inhalt wider. Zeitgleich mit der Veröffentlichung des Berichts haben wir das Nachhaltigkeitsportal der TU Berlin freigeschaltet. Es ist ein Gewinnerprojekt des Nachhaltigkeitswettbewerbs unserer Universität, das von André Baier federführend entwickelt wurde. Das Portal ist eine Drehscheibe für alle nachhaltigen Projekte und Maßnahmen. Es soll TU-Mitglieder, gesellschaftliche Akteur*innen und interessierte Bürger*innen informieren und zum Mitmachen motivieren. So ein Portal ist auch unglaublich wertvoll für die Vernetzung der Angebote, die bislang teilweise parallel laufen, zum Beispiel für Lastenräder oder zur Bienenhaltung.

Das Gespräch führte Christina Camier.

Über Jörg Romanski

Jörg Romanski promovierte – nach seinem Studium an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt Umweltverfahrenstechnik – 1999 an der TU Berlin bei Prof. Dr. Udo Wiesmann zu biologischer Abwasserreinigung. Bis 2010 war er in der Dienstleistungsbranche für Forschung und Klinik zu den Themen Abfall und Gefahrstoff tätig. Seit 2011 ist er stellvertretender Stabsstellenleiter und Umweltbeauftragter bei Sicherheitstechnische Dienste und Umweltschutz (SDU) an der TU Berlin. Er ist Initiator und im Leitungskreis des Netzwerks Umwelt für Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Region Ost. Seit 2016 ist er zudem stellvertretender Leiter der Geschäftsstelle des Nachhaltigkeitsrates der TU Berlin. Die Erklärung von Scientists for Future hat er ebenfalls unterzeichnet.