Technische Universität Berlin
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Mit der Natur kann man nicht verhandeln

Lebhafter öffentlicher Austausch mit Umweltministerin Svenja Schulze zur Bedeutung der Wissenschaft für die Klimapolitik

„Mir ist bewusst, wie hart die Pandemie gerade für Studierende ist: Neu in der Stadt, geschlossene Bibliotheken, kaum Jobs und Praktika, kaum Chancen, die Kommiliton*innen kennenzulernen. Halten Sie durch! Sie leisten einen wichtigen Beitrag, die Situation zu überwinden!“ Mit diesem Aufruf begrüßte Bundesumweltministerin Svenja Schulze insbesondere die Studierenden, die ihrem virtuellen Vortrag Mitte Februar 2021 an der TU Berlin folgten. Die öffentliche Veranstaltung mit Podiumsdiskussion via Zoom markierte den Abschluss der Ringvorlesung zum Klimaschutz der TU Berlin im Wintersemester 2020/21. Diskutiert wurde das Thema „Die Bedeutung von Wissenschaft für Klimapolitik“. Über rund eineinhalb Stunden verfolgten rund 330 Teilnehmende live auf Zoom und mehr als 800 Teilnehmende über den angebotenen Youtube-Stream ihren regen Austausch mit den weiteren Podiumsgästen (siehe unten). Per „Tweedback“, einer Chat-Funktion, konnte sich auch das Publikum interaktiv mit Fragen und Kommentaren einschalten.

In der Pandemie zeigte sich die herausragende Rolle, die Wissenschaftler*innen für politische Entscheidungen spielen

Wie können wir klimafreundlich leben, unseren Kleidungskonsum nachhaltig gestalten oder sogar die Außer-Haus-Verpflegung? Wie können der globale Norden und der globale Süden zusammen an diesem Ziel arbeiten? Können wir die „grüne Null“ erreichen? Um diesen Themenkreis war es in den vergangenen Vorlesungen gegangen. Jetzt befasste sich die Veranstaltung vor allem mit der Rolle, die die Wissenschaft in der polarisierten Debatte über Klimaschutz und Klimapolitik spielen muss und kann, um sich mit ihrer Expertise mehr Gehör zu verschaffen.

„In der aktuellen Pandemiesituation sind die Wissenschaftler*innen ganz zentrale Berater*innen geworden. Es wurde sehr deutlich, welch herausragende Rolle ihre Expertise für die Politik spielt“, so Svenja Schulze, in deren politisches Ressort auch Themen wie nachhaltige Digitalisierung, Ressourcenwirtschaft, biologische Vielfalt, Wasser, Verkehr und viele weitere fallen. „Die derzeit kursierenden und ungeprüft veröffentlichten, wilden Behauptungen zeigen ganz klar, wie dringend unabhängige, glaubwürdige Experten benötigt werden.“ Der Weg zur Klimaneutralität erfordere tiefgreifende Veränderungen, zum Beispiel beim Kohleausstieg, bei der Energiegewinnung, bei einem Konjunkturprogramm, das die Begrenzung der Erderwärmung berücksichtigt. Und dabei werde es nicht nur Gewinner geben. Die wissenschaftliche Expertise mit ihrer Seriosität helfe dabei, eine Akzeptanz in der Gesellschaft für Lösungen zu schaffen, die für manche schmerzlich sind. „Politiker*innen müssen handeln, Entscheidungen treffen, um Mehrheiten dafür werben und zum Schluss Verantwortung übernehmen. Dafür brauchen wir dringend den Rat von Expert*innen.“

TU-Präsident Christian Thomsen konkretisierte die Aufgabe der Wissenschaft dahingehend, dass sie große Anstrengungen unternehmen müsse, ihre forschungsbasierte Expertise zu Gehör zu bringen, um gemeinsam mit der Weltgemeinschaft einen Wandel herbeizuführen. „Ich begrüße es sehr, dass so viele Menschen für das Klima auf die Straße gehen. Das ist sehr ungewöhnlich“, sagte er, der persönlich an den beiden zentralen Klimademonstrationen in Berlin teilgenommen und auch dort gesprochen hatte. Die Wissenschaft hätte viel früher so öffentlich aktiv werden müssen. Er wies auch auf seinen Vorschlag zur Einrichtung eines Zentrums für die Erforschung des Klimawandels hin, der dem Senat bereits vorliegt und möglichst noch dieses Jahr umgesetzt werden soll. „Berlin und Brandenburg haben hohe Kompetenzen in diesem Feld, mehrere hochrangige universitäre und außeruniversitäre Institutionen und eine große, auch räumliche Nähe zur Politik. So könne man gemeinsam nach faktenbasierten Lösungen suchen, Hürden und Ängste abbauen, zum Beispiel vor der konsequenten Einführung eines CO2-Preises.

Klimaschutz ist die bedeutsamste kollektive Aufgabe der Gesellschaft – Wissenschaft muss sich verständlicher präsentieren

„Für uns ist der Transformationsprozess hin zu einer klimaneutralen, nachhaltigen Wirtschaft die bedeutsamste kollektive Aufgabe der Gesellschaft“, erklärte Paul Prochaska von „Fridays for Future“. „Wir steuern auf eine katastrophale Grenzüberschreitung unserer planetaren Ressourcen zu. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, den Menschen die Konsequenzen deutlich aufzuzeigen.“ Das sei kein Alarmismus, sondern solle als Appell an Wissenschaft und Politik verstanden werden, mehr in Bewegung zu setzen.

Tatsächlich brauche es auch in der Wissenschaft neue Formate der Wissensvermittlung, denn der Transfer sei nach wie vor mangelhaft. Das strich Martina Schäfer vom ZTG heraus. „Wir müssen unsere Erkenntnisse griffiger, allgemeinverständlicher formulieren, nicht mehr ‚500-Seiten-Berichte‘ anbieten und es dabei bewenden lassen. Das können wir uns nicht mehr leisten!“ Ignoranz und Ablehnung, die sie leider häufig beobachte, seien damit unvermeidbar. Kürzere Zusammenfassungen, Erklärvideos und Podcasts könnten helfen, die vorliegenden Ergebnisse besser zu bündeln.

Missionen für die gesamte Gesellschaft

Die Tweedbacks aus dem Publikum zeigten, wie sehr auch die Fragen um den Einfluss von Wirtschaft und Lobbyismus auf die Klimapolitik, von Interessen der Kohlelobby, der Landwirtschaft, der Chemie, des Bergbaus oder der Kraftfahrzeugindustrie die Menschen bewegen. Warum, so wurde Svenja Schulze gefragt, sei die Klimaneutralität erst für 2050 angestrebt, wenn doch die Wissenschaft darstelle, dass ein viel früherer Zeitpunkt notwendig wäre?  Debatten, das Abwägen von Für und Wider müssten in einer Demokratie allerdings sein, gab Moderator Ulf Schrader vom Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre zunächst zu bedenken, und die Ministerin erklärte, dass sie bereits über das Pariser Klimaschutzabkommen sehr froh sei. Und auch das Klimaschutzgesetz mache ihr Mut für die Klimapolitik der Zukunft. „Immerhin müssen wir die gesamte Gesellschaft umbauen: Verkehr, Wirtschaft, Industrie, Bau, Landwirtschaft, Energie. Da liegt eine gewisse Behäbigkeit im System. Mein Wunsch ist es daher, dass wir stärker in Missionen denken.“ Die ‚Klimaneutralität‘ sei so eine Mission für die gesamte Gesellschaft. „Denn jedem muss klar sein: Mit der Natur kann man nicht verhandeln.“  

Gemeinschaftliche Verantwortung – bei Corona und beim Klima

„Wie können wir besser werden, Alternativen wie E-Mobility oder Mobiles Arbeiten und Homeoffice stärker darstellen, und wie finden wir dafür Akzeptanz?“, stellte Christian Thomsen die entscheidende Frage für die Wissenschaft. Vorbildfunktion und Vorreiterrolle seien dafür grundlegend. Die TU Berlin versuche, diesen gerecht zu werden. Die Selbstverpflichtung, einen klimaneutralen Campus bis 2030 zu entwickeln sei dafür ein Beispiel. „Das ist immer noch ein bisschen früher als der Plan der Bundesregierung für 2050.“  

Einig war man sich schließlich, dass die Erkenntnisse, die in der Corona-Krise gewonnen wurden auch auf andere Krisen wie die Klimasituation angewendet und politisch umgesetzt werden müssen. Eine ähnlich schnelle Reaktion, einen Schnelllauf von Maßnahmen gegen Covid-19, von Austausch und Entscheidungen habe es beim Klima bisher nicht gegeben. In der Corona-Krise habe sich klar gezeigt, dass alle in der Verantwortung sind. Die gesellschaftliche Akzeptanz – sogar von möglichen Fehlern – sei dabei gewachsen, auch die Akzeptanz der Tatsache, dass Wissenschaft keineswegs immer endgültige Antworten geben könne … und dass diese auch unter den Experten umstritten sein können.  

„Dass das Abwarten und Aushalten der Diskussionsprozesse besonders der Jugend schwerfällt, ist mehr als nachvollziehbar“, so Umweltministerin Svenja Schulze zum Abschluss. Wir müssen, und dass ist eine wichtige Aufgabe auch für Bewegungen wie ‚Fridays for Future‘, mit denen reden, die Angst und Sorgen haben und die noch keine überzeugten Klima-Aktivisten sind.“    

Autorin: Patricia Pätzold

Blick in einen vollbesetzten Hörsaal, Ringvorlesung zum Klimaschutz © Paul Prochaska

Bitte beachten Sie: Sobald Sie sich das Video ansehen, werden Informationen darüber an Youtube/Google übermittelt. Weitere Informationen dazu finden Sie unter Google Privacy .

Weiterführende Informationen

Die Aufzeichnung der gesamten Zoom-Podiumsdiskussion ist auf dem Youtube-Kanal der TU Berlin verfügbar. 

Über die Online-Abschlussveranstaltung der Klima-Ringvorlesung

Die Veranstalter*innen

  • Zentrum für Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin
  • Fachgebiet Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltiger Konsum (AOENK), Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
  • Student*innen von „Fridays for Future an der TU Berlin“

Die Podiumsgäste

  • Svenja Schulze (SPD), Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
  • Prof. Dr. Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin
  • Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums Technik und Gesellschaft (ZTG), Mitinitiatorin der Bewegung „Scientists for Future“
  • Paul Prochaska, „Fridays for Future“, Student des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Berlin

Moderation

  • Prof. Dr. Ulf Schrader, TU-Fachgebiet Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltiger Konsum, Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
  • Dr. Viola Muster, TU-Fachgebiet Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltiger Konsum