Technische Universität Berlin
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„Unser Lebensstil muss auf den Prüfstand“

Stefan Heiland, Mitinitiator des Aufrufs für eine klima- und naturverträgliche, sozial gerechte Lebens- und Wirtschaftsweise, über die Grenzen von Technologien, verdrängte gesellschaftliche Widersprüche und einen Jugendtraum

Der Aufruf „Für eine klima- und naturverträgliche, sozial gerechte Lebens- und Wirtschaftsweise“ liest sich als ein „Nicht weiter so!“. Die Initiator*innen, darunter Dr. Stefan Heiland, Professor für Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung, gehen mit der westlichen Lebens- und Wirtschaftsweise hart ins Gericht. Sie beruhe auf einem immensen Energie- und Ressourcenverbrauch und habe bislang nur einem Teil der Menschheit, vor allem im globalen Norden, qualifizierte Arbeit, Wohlstand, Bildung und Gesundheitsfürsorge gebracht. Die Konsequenzen dieses zum Teil verschwenderischen Lebensstils – Verlust biologischer Vielfalt, fruchtbarer Böden, Verschmutzung oder gar Vergiftung von Flüssen und Grundwasser und nicht zuletzt soziale Ausbeutung – hätten nicht nur wir und unsere Kinder, sondern vor allem Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu tragen.

Rund 1.500 Unterstützer*innen haben den Aufruf bisher unterzeichnet

Die 191 Erstunterzeichner*innen und die insgesamt bisher rund 1.500 Unterstützer*innen fordern deshalb eine drastische Reduzierung des Energie- und Rohstoffverbrauchs und sind der Meinung, dass ohne eine Änderung des westlichen Lebensstils wirksamer Klimaschutz und der Erhalt der biologischen Vielfalt nicht möglich sein werden. Am 31. August 2020 übergaben Stefan Heiland und Danny Püschel vom Naturschutzbund (NABU) den Aufruf an die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit des Deutschen Bundestags.

Bereit zum Wandel: Initiator Prof. Dr. Stefan Heiland im Interview

Herr Prof. Heiland, stellen die 191 Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner in dem Aufruf das westliche Wirtschaftssystem und damit das Wirtschaftssystem in Deutschland in Frage?

Wir stellen das künstliche Erzeugen immer neuer materieller Bedürfnisse, kurze Gebrauchszyklen von Gütern, die Mentalität stets das Neueste haben zu müssen und den Glauben an ein fortwährendes materielles Wachstum als Basis unserer Wirtschaftsordnung und unserer Gesellschaft in Frage. Wir denken, dass ein Wirtschaftssystem notwendig ist, das die ökologischen Grenzen der Erde und die Rechte von Menschen beachtet. Ob man das dann als sozial-ökologische Transformation des jetzigen Wirtschaftssystems oder als dessen prinzipielle Infragestellung bezeichnet, kann strategisch-kommunikativ wichtig sein, von der Sache her ist es meines Erachtens zweitrangig.

Der Aufruf spricht ein Thema an, das bislang tabuisiert wird, nämlich dass ohne eine fundamentale Veränderung unseres westlichen Lebensstils der Schutz des Planeten nicht zu haben ist. Die Unterzeichner*innen scheuen sich nicht, für den Verzicht zu plädieren. Warum?

Da haben Sie den Aufruf falsch verstanden. Wir plädieren nicht für den Verzicht, sondern benennen, worauf wir aufgrund unseres Lebensstils längst verzichten: auf soziale Gerechtigkeit auf lokaler, nationaler und globaler Ebene, auf saubere Luft und Artenvielfalt, auf eine sichere Nahrungs- und Wasserversorgung vieler Menschen, auf lärmfreie und verkehrssichere Städte und wir nehmen ein Klima in Kauf, in dem sintflutartige Regenfälle, Überschwemmungen, zerstörerische Stürme sowie Dürre- und Hitzeperioden zunehmend die Regel werden. Nur ein Beispiel aus der Region: Brandenburgs Landwirte erleben zum dritten Mal in Folge eine extreme Trockenheit und müssen gravierende Ernteeinbußen verkraften. De facto verzichten wir also bereits auf vieles, nur wir machen es uns nicht bewusst. Damit will ich nicht leugnen, dass wir natürlich lieb gewordene Annehmlichkeiten und Selbstverständlichkeiten in Frage stellen müssen und dass mancher Mensch den Verzicht auf das jeweils neueste iPhone, um ein beliebiges Beispiel zu nennen, auch als solchen empfinden wird. Wobei wir das so konkret natürlich weder vorschreiben können noch wollen.

"Die einzig wirklich absolut umweltfreundliche Energie ist die, die nicht verbraucht wird und daher nicht erzeugt werden muss."

Der Glaube, dass Klimakrise und Biodiversitätsverlust allein durch technologischen Fortschritt bei Bewahrung unserer derzeitigen material- und energieintensiven Lebensweise zu überwinden seien, wird im Aufruf unumwunden als Irrglaube bezeichnet. Warum sind innovative Technologien nicht die alleinige Lösung?

Das Wort „Irrglaube“ stammt von Ihnen. Wir wollen solche Wörter vermeiden, weil sie etwas Abwertendes haben und anderen Menschen unterschwellig Ignoranz oder gar mangelnde moralische Integrität unterstellen. Darum geht es aber nicht, sondern um eine breite, offene und ehrliche Diskussion. Zu Ihrer Frage: Das hängt mit dem sogenannten Rebound-Effekt zusammen. Ein Beispiel: Einerseits sinkt der Energieverbrauch der einzelnen PCs, Drucker, Smartphones – andererseits steigt der Gesamtenergiebedarf der IT-Geräte durch die Produktion stets neuer Geräte, ihre häufigere Nutzung sowie Suchanfragen, Cloud-Dienste und das Streaming von Filmen, was den Energiebedarf der Rechenzentren in die Höhe schnellen lässt. Die Augen öffnend ist auch das Ergebnis einer Studie der Universität Grenoble. So benötigt der Bau von Windkraft- oder Fotovoltaik-Anlagen bei gleicher Leistung deutlich mehr Zement, Aluminium, Eisen, Kupfer und Glas als ein fossiles Kraftwerk. Und die dafür benötigen Rohstoffe kommen häufig aus Entwicklungs- und Schwellenländern, wo ihr Abbau erhebliche Umweltschäden hinterlässt. Dieses Beispiel zeigt, dass auch erneuerbare Energien Rohstoffe benötigen, wiewohl sie gegenüber Atomkraft und fossilen Energiequellen natürlich zu bevorzugen sind. Die einzig wirklich absolut umweltfreundliche Energie ist die, die nicht verbraucht wird und daher nicht erzeugt werden muss. Deshalb reicht es nicht, allein auf technologischen Fortschritt zu setzen, wobei die Betonung auf ‚allein‘ liegt, denn dessen Notwendigkeit bestreiten wir keineswegs.

Als Schlussfolgerung daraus, dass es bei der Transformation unserer Lebens- und Wirtschaftsweise zu kurz greift, allein auf technologische Lösungen zu setzen, heißt es im Aufruf, dass dieser Wandel vielmehr eine soziale und kulturelle Herausforderung sei. Was ist damit gemeint?

Der Stichpunkt ‚soziale und kulturelle Herausforderung‘ ist bewusst gesetzt als Kontrapunkt zur weitverbreiteten Meinung, die Energiewende sei eine rein technologische Angelegenheit: Also es müsste nur von den fossilen Energieträgern und der Atomkraft auf erneuerbare Energien wie Wind, Wasser und Solar umgestiegen werden und alles wäre gut. Laut Bundesregierung soll der Primärenergieverbrauch bis 2050 um 50 Prozent gegenüber 2008 gesenkt werden. Aber wie das oben genannte Beispiel zeigt, werden Einsparungen durch Rebound-Effekte wieder zunichte gemacht. Wir kommen deshalb nicht umhin, unseren energie- und ressourcenintensiven Lebensstil auf den Prüfstand zu stellen, was natürlich soziale und kulturelle Aspekte betrifft. Denn dadurch werden sich gesellschaftliche Werte, soziale Statussymbole, Erwartungshaltungen, Alltagspraktiken und so weiter verändern. Uns ist es wichtig, dass dieser Wandel nicht neue soziale Ungerechtigkeiten erzeugt und einkommensschwache Schichten ausschließt oder zusätzlich belastet.

"Wir müssen darüber diskutieren, worauf wir verzichten müssen, worauf wir verzichten können, worauf nicht – und vor allem was wir dadurch gewinnen."

Sie und Ihre Mitstreiter*innen sind sich ja der ungeheuren Schwierigkeit eines solchen Wandels bewusst, indem sie auf Zielkonflikte zwischen gesellschaftlichen und individuellen Interessen verweisen? Was ist ein solcher konkreter Zielkonflikt?

Ein Ausgangspunkt dieses Aufrufes war die Beobachtung, dass unsere Gesellschaft im Zusammenhang mit der Energiewende, zugespitzt ausgedrückt, alles auf einmal will: Ausstieg aus der Atomkraft und den fossilen Energieträgern hin zu den erneuerbaren Energien, aber ohne Veränderung gewohnter Landschaften. Windräder und Freiland-Fotovoltaik-Anlagen stoßen dann vor Ort auf erheblichen Widerstand. Und unseren Lebensstil und damit unseren Energie- und Ressourcenverbrauch wollen wir natürlich schon gar nicht ändern.

Sich von Lebensgewohnheiten zu trennen ist schwierig …

Natürlich. All dies ist nachvollziehbar, aber es geht nicht alles zusammen, und das wird verdrängt. Wenn uns zum Beispiel die Erhaltung der Artenvielfalt wichtig ist, und das Volksbegehren in Bayern hat das ja eindrucksvoll gezeigt, dann können wir mit der Ressource Fläche nicht weiterhin so umgehen wie bisher. Denn der immense Flächenverbrauch für Wohnen, Straßen oder in Südamerika auch den Soja-Anbau als Futtermittel für unsere Rinder führt zwangsläufig zu Lebensraumverlust vieler Arten. Wenn wir das vermeiden wollen, dann wird das unweigerlich Auswirkungen auf unseren Konsum und unsere Lebensweise haben. Hier müssen wir ehrlich sein – und jetzt komme ich doch auf den Begriff des Verzichts zurück: Wir müssen darüber diskutieren, worauf wir verzichten müssen, worauf wir verzichten können, worauf nicht – und vor allem was wir dadurch gewinnen. Daran kommen wir nicht vorbei, wenn wir unseren Kindern und Enkelkindern eine noch einigermaßen bewohnbare Erde hinterlassen und unserer globalen ethischen Verantwortung gerecht werden wollen. Und das sollten wir schnell tun – weil Klimawandel, Bodendegradation, Verlust der biologischen Vielfalt uns sonst Veränderungen von außen aufzwingen, denen wir uns nicht einfach werden entziehen können.

Herr Prof. Heiland, worauf sind Sie der Umwelt zuliebe bereit zu verzichten, auch wenn es Sie richtig schmerzen würde?

Ich habe einen Jugendtraum – einmal Neuseeland zu besuchen. Das werde ich mir natürlich jetzt sehr stark überlegen. Aber oft geht es gar nicht darum, etwas nicht zu tun, sondern etwas anders zu tun. Zum Bäcker oder zur Arbeit also nicht mit dem Auto zu fahren, sondern mit dem Fahrrad; sich bewusster und fleischärmer zu ernähren oder Kleidungsstücke länger zu tragen und nicht mit der nächsten Modewelle wieder zu entsorgen. Oder beim Einkauf umwelt- und sozialverträgliche Produkte zu wählen. Und hier ist die Politik gefordert, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen und nicht alle Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen: Fahrradwege anzulegen und Unfallrisiken zu reduzieren oder Produkte klar und deutlich zu kennzeichnen. Denn kein Mensch ist in der Lage, die ökologischen und sozialen Auswirkungen aller im Alltag existenten Produkte und Handlungen zu überblicken. Es geht daher nur zusammen: Strukturelle Änderungen durch die Politik einerseits, Forderung und Unterstützung dieser Änderungen und eigenes nachhaltiges Alltagsverhalten durch jede Einzelne und jeden Einzelnen andererseits.

Das Interview führte Sybille Nitsche.

Der Aufruf

Unterstützer*innen können den Aufruf auch weiterhin unterzeichnen.
Bereit zum Wandel - für eine klima- und naturverträgliche, sozial gerechte Lebens- und Wirtschaftsweise

Kontakt

Prof. Dr.

Stefan Heiland

Professor für Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung

stefan.heiland@tu-berlin.de

+49 (0)30 314-79094

Einrichtung Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung