Ein starkes Netzwerk für Europa

Um Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit auf europäischer Ebene zu begegnen, haben sich im Rahmen der European Universities Initiative diverse Hochschulen zu Allianzen zusammengeschlossen

Ökologischer und digitaler Wandel sind wichtige Voraussetzungen für eine nachhaltigere und klimafreundlichere Gesellschaft und Wirtschaft. Doch dazu werden in allen Bereichen kompetente und gut ausgebildete Expert*innen benötigt. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften ist nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Hochschulen als Orte der Forschung und der Lehre sind wichtige Akteure der Kompetenzvermittlung und stehen vor der Aufgabe, ihre Lehre immer wieder neu zu gestalten und Herausforderungen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit, die Folgen der Corona-Pandemie, Internationalisierung und eben auch den Fachkräftemangel zu adressieren. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, haben sich im Rahmen der European Universities Initiative diverse Hochschulen zu Allianzen zusammengeschlossen. So auch die Technische Universität Berlin. Sie gründete im Jahr 2020 gemeinsam mit sechs innovations- und forschungsstarken europäischen Technischen Universitäten die ENHANCE-Allianz. Heute besteht das Bündnis aus insgesamt zehn Universitäten. Ziel von ENHANCE ist es, einen gemeinsamen europäischen Hochschulcampus frei von physischen, administrativen oder akademischen Barrieren zu schaffen.

Im März 2023 wurde Prof. Dr. Geraldine Rauch zur Vorsitzenden des ENHANCE Board of Directors gewählt. Die Koordination der ENHANCE-Allianz liegt an TU Berlin. Angesiedelt ist es in der Abteilung Internationales. Was können Hochschulen tun, um Europa fit für die Zukunft zu machen? Wo liegen Chancen, wo Herausforderungen? Diese und weitere Fragen haben wir Dr. Ulrike Hillemann-Delany, Leiterin der Abteilung Internationales an der TU Berlin, anlässlich des Europatages am 9. Mai 2023 gestellt.

Welchen Beitrag können deutsche Hochschulen leisten, um Europa weiterzuentwickeln?

Europäische Kooperationen sowohl in der Lehre als auch in der Forschung werden immer wichtiger. Unsere Aufgabe besteht darin, unseren Studierenden Kompetenzen zu vermitteln, in einem europäischen Kontext zu arbeiten. Mit den europäischen Universitäts-Allianzen haben wir daher einen starken Fokus darauf gesetzt, Studierenden die Möglichkeit zu bieten, im Ausland zu studieren und den bürokratischen Aufwand dafür gering zu halten. Wer nicht ins Ausland gehen kann, soll die Möglichkeit erhalten, europäische Inhalte vor Ort vermittelt zu bekommen. Natürlich gibt es in Europa eine Vielzahl unterschiedlicher Regularien. Die Allianzen, die die Hochschulen gegründet haben, sind wichtig, um beim Abbau der Bürokratie, sei es im Bereich der Lehre, aber auch in der Wissenschaftskooperation, Fortschritte zu erzielen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie dabei?

Auf der praktischen Ebene besteht die größte Herausforderung in den unterschiedlichen Semester-Zeiten, daran werden wir wenig ändern können. Momentan arbeiten wir daran, dass Studienperioden im Ausland unkompliziert anerkannt werden und innerhalb von ENHANCE der Bewerbungsprozess auf einen Studienplatz vereinfacht wird. Die Grundidee ist, dass man sich zukünftig innerhalb der ENHANCE-Universitäten so bewegen kann, wie innerhalb der TU Berlin. Hierfür müssen wir zahlreiche Prozesse anpassen. Es ist in ENHANCE schon einiges passiert. Neben einem vielfältigen Summer School-Angebot haben wir die Micro-Credentials auf den Weg gebracht. Diese beruhen auf einem Zertifikatssystem, das in jeder Partner-Hochschule teils gänzlich neu eingeführt oder zumindest angepasst und überarbeitet werden musste. Allein die Frage, auf welche Lernplattform man Inhalte anbietet, ist nicht so einfach zu lösen. Momentan befinden wir uns in einer Zwischenphase, wo jede Hochschule noch mit dem eigenen System arbeitet, aber wir konnten auch schon eine eigene ENHANCE Lernplatform ins Leben rufen.

Wir haben außerdem die ‚European Education Pathways‘ auf den Weg gebracht. Grundgedanke ist, dass ein*e Student*in im ersten Semester einen ‚ENHANCE-Weg‘ einschlägt, für den er/sie sich einen Pfad zusammenstellen, das Netzwerk nutzen und verschiedene Bausteine wählen kann. Es ist möglich, ein Auslandssemester einzulegen, später vielleicht eine virtuelle Mobilität zu absolvieren oder eines der Zertifikatsprogramme zu belegen. Das ist ein großes Stück Arbeit, denn hierfür müssen die Studiengangsleiter*innen die Kurse in den Partner-Universitäten prüfen und vorab anerkennen. Dies läuft momentan in fünf Pilotstudiengängen. Die Studiengangsverantwortlichen müssen jedes Semester neu hinzugekommene Kurse erneut prüfen, das ist ein riesiger Aufwand. Viele Professor*innen engagieren sich hier bereits, aber es hängt momentan noch sehr von den Personen ab. Wir möchten langfristig ein System entwickeln, das die Verwaltung vereinfacht.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit den ENHANCE-Partnern?

Ich bin glücklich über die Partner, die wir in der Allianz haben. Wir haben sehr starke Forschungskooperationen und es sind die besten Technischen Unis Europas, mit denen wir hier zusammenarbeiten. Es entwickelt sich eine enorme Vertrauensbasis und wir tauschen uns zu den unterschiedlichsten Themen aus. Zum Beispiel gibt es demnächst ein gemeinsames Seminar zu ChatGPT und auch während der Corona-Pandemie gab es engen Austausch über Fragen zur Umsetzung der virtuellen Lehre. Es ist eine gute Arbeitsatmosphäre und man hat das Gefühl, dass man wirklich gemeinsam etwas voranbringt. Und unser Ziel ist es, dass Studierende und auch die Wissenschaftler*innen davon profitieren.

Und wie geht es weiter? Was wünschen Sie sich seitens der Politik?

Wir haben gerade einen Folgeantrag eingereicht. Wir möchten erarbeiten, wie die Lehre der Zukunft aussehen soll, welche Kompetenzen wir vermitteln wollen, wie wir gemeinsam an Themen, wie beispielsweise dem Fachkräftemangel, herangehen wollen. Das wird ein sehr spannender Austausch. Und wenn wir es tatsächlich schaffen, die administrativen Hürden signifikant zu reduzieren, wird es den Studierenden das Feld öffnen, an den Partner-Universitäten Zeit zu verbringen. Es handelt sich um Regularien, um administrative Themen und hierbei benötigen wir insbesondere die Unterstützung der Landespolitik. Ich wünsche mir, dass die Landespolitik in Berlin erkennt, welche Chance darin liegt, dass wir hier an vier Universitäten - der Freien Universität Berlin, der Hertie School, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Technischen Universität Berlin - diese Allianzen haben und Netzwerke aufbauen und pflegen. Hierbei entsteht innerhalb Europas eine Dynamik, von der Berlin profitieren kann. Ich denke, hieraus können sich interessante Impulse für die geplante Europastrategie der Landesregierung ergeben.

Das Interview führte Bettina Klotz.

ENHANCE - Erfolge der Zusammenarbeit

In den vergangenen Jahren konnten trotz Corona-Pandemie viele Ziele der Zusammenarbeit erreicht werden: über 2200 Personen haben an mehr als 30 internationalen Angeboten und Aktivitäten der Allianz teilgenommen. Die ENHANCE Partneruniversitäten haben eine Vereinbarung zu gemeinsamen Bildungsangeboten entwickelt.

Lehrangebote aus allen Mitgliedsuniversitäten wurden dazu zu sogenannten Micro-Credentials zusammengefasst, mit denen Studierende einen ergänzenden Schwerpunkt innerhalb ihres Curriculums setzen können und dafür auch eine entsprechende Bescheinigung erhalten. ENHANCE Micro-Credentials ergänzen normale Studiengänge um zertifizierte Lehrinhalte rund um die ENHANCE Pilotthemen (Digitalisierung und AI, Smart und Sustainable Cities, Climate Action, Sustainable Entrepreneurship, Gender & Diversity).

European Education Pathways – Unkomplizierte Anerkennung von Kursen

Die zweite Säule der Mobilitätsförderung in ENAHNCE sind die European Education Pathways (EEP). Die EEP sind ein neues und innovatives Studienangebot der ENHANCE Alliance. Sie ermöglichen es Studierenden der beteiligten TU-Pilotstudiengänge, ein oder zwei Auslandssemester, gefördert über das Erasmus-Programm, bei den ENHANCE-Partnern zu verbringen und dabei ihren individuellen Studienplan aus einem umfangreichen Angebot an online- und Präsenzkursen zusammenzustellen. Alle angebotenen Kurse sind dabei bereits für das Studium an der TU Berlin vorgeprüft und anerkannt. Für die Studierenden entfällt damit der sonst nach dem Auslandsaufenthalt notwendige „Antrag auf Anerkennung von Studienleistungen“ und sie können sich bereits während der Vorbereitung des Aufenthalts sicher sein, erworbene Credits in ihrem Studium anrechnen zu können. Aktuell werden die EEP in Computer Science (M.Sc.), Energy Engineering (M.Sc.), Mechanical Engineering (B.Sc. und M.Sc.) und Urban Planning (M.Sc.) angeboten.

Aspekt Gender & Diversity als besondere Aufgabe technischer Universitäten

Als technische Universitäten ist es den ENHANCE Universitäten ein wichtiges Anliegen, naturwissenschaftlich-technische Lehre und Forschung sensibler gegenüber Gender und Diversity Fragestellungen zu gestalten und einen möglichst inklusiven Zugang zu universitären Angeboten für alle Menschen zu ermöglichen. Gender und Diversity bezogene Aktivitäten der Partneruniversitäten werden dazu in einem jährlichen Bericht erfasst und ausgewertet. Um das Bewusstsein der Universitätsgemeinschaft in diesen Bereichen weiter zu stärken, werden regelmäßige Workshops und Seminare angeboten. Eine Ombudsperson organisiert die Angebote, die zum einen alle Studierende, unabhängig von Geschlecht und Herkunft dazu ermutigen sollen, ein Studium in einem naturwissenschaftlich technischen Bereich aufzunehmen und zum anderen in den Fachdisziplinen und der Univerwaltung ein besseres Bewusstsein für Stereotype und unbewusste Vorurteile gegenüber Gruppen in der Universitätsgemeinschaft und Gesellschaft zu schaffen.

Per Tandem erfolgreich zum Ziel

Die ENHANCE Language Tandems bilden eine Plattform, die alle Statusgruppen dabei unterstützen soll, Kontakte innerhalb von ENHANCE weiter zu pflegen und zu vertiefen. Im Zentrum steht dabei die Idee, kulturellen Austausch über das gemeinsame Erlernen einer Sprache zu fördern. In Tandempaaren können hier die Landessprachen der Mitgliedsuniversitäten neu erlernt oder aufgefrischt werden. Seit dem Angriff auf die Ukraine sind außerdem zwei ukrainische Universitäten assoziierte Partner der ENHANCE Allianz, so dass auch Ukrainisch Tandems angeboten werden.

Studentische Perspektiven auf ENHANCE

Jasmin, studentische Vertreterin in ENHANCE, erzählt im Video mehr über studentische Angebote

Jasmin © TU Berlin

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Ingunn, Studentin im Masterstudiengang Informatik an der TU Berlin

„Im Frühjahr 2023 habe ich im Rahmen des ENHANCE-Programms den Kurs „Experts in Teamwork“ an der NTNU in Trondheim belegt und werde im kommenden Wintersemester im Rahmen eines anderen ENHANCE-Programms einen Austausch an die UP Valencia machen. Ich habe ENHANCE entdeckt, als ich per E-Mail Informationen über das Kursangebot erhielt. Ich fand das interessant, weil es oft etwas kompliziert sein kann, Kurse an anderen Universitäten zu belegen. ENHANCE versucht, das Ganze etwas reibungsloser zu gestalten, indem es sicherstellt, dass die Kurse, die man im Ausland belegt, vorab anerkannt werden, so dass man weiß, dass sie in seinem eigenen Studiengang angerechnet werden, wenn man nach Hause zurückkehrt. Meiner Meinung nach sollten die europäischen Universitäten eine engere Zusammenarbeit fördern, denn jede Einrichtung beherbergt unterschiedliche Forschungsgruppen, die hoch innovative Arbeit leisten. Wenn die Hürden für einen Austausch gesenkt werden, haben die Studierenden die Möglichkeit, an Seminaren teilzunehmen, die von erfahrenen Professoren anderer Universitäten geleitet werden, und neue Perspektiven in ihrem Studienfach zu gewinnen.“