Brücken bauen statt Brain-Drain

Drei Wissenschaftler*innen aus dem globalen Süden erzählen von ihren Bemühungen für eine echte internationale Zusammenarbeit

„Es war tatsächlich ziemlich mutig, gleich nach meinem Bachelor in Indien nach Deutschland zu gehen“, sagt Neha Yadav. Zumal sie überhaupt die erste in ihrer Familie war, die ihr Land verlassen hat. Nach ihrem Master an der Hochschule Aalen ist die zielstrebige Wissenschaftler*in nun Doktorandin an der TU Berlin. Ob sie einmal wieder in Indien leben wird, weiß sie noch nicht – gerade hat sie einen Deutschen geheiratet.

In ihrer Strategie zur globalen Verantwortung bekennt sich die TU Berlin zum Abbau des gefürchteten „Brain-Drain“, der Abwanderung von besonders fähigem wissenschaftlichem Nachwuchs aus den Heimatländern, speziell des sogenannten globalen Südens. Besonders wichtig ist ihr dabei die Brückenfunktion der Wissenschaftler*innen aus diesen Teilen der Erde. Wir haben drei solcher Forschenden gefragt, welche Empfehlungen sie geben können. Kennengelernt haben sie sich auf einem Workshop der Abteilung Internationales zu diesem Thema.

Früher zu gehen ist besser

Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, wäre ihr sicherlich leichter gefallen – wenn sie sie noch früher getroffen hätte, sagt Neha Yadav. „Ein dreimonatiger Aufenthalt zum Beispiel schon während des Bachelorstudiums wäre ideal gewesen, um Kontakte zu knüpfen und zu sehen, wie Deutschland funktioniert.“ Gleichzeitig hätte die Hemmschwelle für solch einen kurzen Aufenthalt viel niedriger gelegen. „Natürlich, die Reisekosten für solche Praktika in Europa könnten sicherlich nicht von den Familien allein aufgebracht und müssten bezuschusst werden.“

Die TU Berlin unterstützt nun Yadav bei ihren Bemühungen, neben ihrer wissenschaftlichen Karriere auch als Brückenbauerin zu wirken. Das Fachgebiet „Stabilität und Versagen funktionsoptimierter Strukturen“, an dem sie promoviert, erhält von der Abteilung Internationales eine Anschubfinanzierung, die speziell für die Anbahnung von Kooperationen mit Partner*innen aus dem globalen Süden gedacht ist. Damit wird ein Besuch am „L. D. College of Engineering“ in Indien finanziert sowie wechselseitige Online-Vorlesungen zum Aufbau der Kooperation.

Unsichere Zeitverträge und Aufenthaltsregelungen

„Ich kann die Einschätzung von Neha Yadav nur bestätigen“, sagt Daniel Gallego. „Ich bin noch als Bachelorstudent für ein dreimonatiges Praktikum von Kolumbien an die Universität Lissabon gekommen. Das hat mir meine späteren Forschungsaufenthalte in Europa wesentlich erleichtert.“ Gallego machte nach seinem Bachelor in Chemie an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá seinen Master an den Universitäten Lille und Leipzig und kam als Doktorand an die TU Berlin. Seine Erfahrungen waren gemischt. „Ich bin an meinem Fachgebiet wirklich sehr freundlich aufgenommen worden, aber letztlich haben sich zwei Gruppen gebildet, die Deutschen auf der einen, und die Internationalen auf der anderen Seite.“ Jeder sei so fokussiert gewesen auf seine oder ihre Arbeit, dass die Sprachbarriere letztlich auch für eine soziale Trennung sorgte.

Auch der 20-seitige Fragebogen auf Deutsch, mit dem in einer Leipziger Amtsstube überprüft werden sollte, ob Gallego nicht etwa ein Terrorist sei, ist ihm noch in lebhafter Erinnerung. Den Ausschlag, von seiner Postdoc-Stelle in Spanien wieder nach Kolumbien zurückzukehren, gab nicht nur das Angebot einer Professorenstelle an der Universidad Pedagógica y Tecnológica de Colombia. Seine spätere Frau und er waren in demselben Institut und mussten beide erleben, was die Kombination aus unsicheren Zeitverträgen und Aufenthaltsregelungen an Stress erzeugen kann. „Man wartet auf die Vertragsverlängerung und weiß: Kommt sie nicht, dann muss man am nächsten Tag das Land verlassen.“ Als Professor würde sich Gallego heute freuen, wenn es mehr Forschungsförderung gäbe, die dezidiert die Kooperation mit Ländern des globalen Südens zur Bedingung macht. „Nur in Spanien habe ich einmal solch ein Förderprogramm gesehen“, erklärt er.

Menschen sind immer an neuen Erfahrungen interessiert

Prof. Dr. Daniel Gallego baut Brücken, indem er seine Netzwerke in Deutschland pflegt und seine oft aus ländlichen Regionen stammenden Studierenden ermutigt, Englisch zu lernen und nach Förderungen für Auslandsaufenthalte zu suchen. Dr. Daniel Opoku baut quasi an einer Luftbrücke – gerade ist er wieder aus Ghana in Berlin gelandet. „Natürlich nutzen wir auch alle Online-Werkzeuge, aber der persönliche Kontakt ist ungemein wichtig“, sagt er. Der habe ihm auch geholfen, die Forschenden seines Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin zu überzeugen, während eines vierjährigen DAAD-Projekts einen Masterstudiengang Gesundheitsmanagement an der Kwame Nkrumah University of Science & Technology (KNUST) gemeinsam mit den ghanaischen Kolleg*innen aufzubauen. Die Integration in seine Arbeitsgruppe fand vor allem beim Mittagessen statt: „Ich habe mitbekommen, dass man montags immer über den Tatort redet, also habe ich auch angefangen, Tatort zu schauen“, erzählt er lachend. Nebenbei ein gutes Deutschtraining.

Während der vierjährigen Laufzeit waren immerhin zehn Wissenschaftler*innen des Fachgebiets mindestens einmal für jeweils zwei Wochen in Ghana. „Die Menschen sind eigentlich immer an neuen Erfahrungen interessiert, für viele war es auch der erste Aufenthalt in Afrika überhaupt und das erste Mal, dass sie zwei Wochen durchgehend auf Englisch gelehrt haben“, sagt Opoku. Der Masterstudiengang ist jetzt etabliert – für den Fachgebietsleiter Prof. Dr. med. Reinhard Busse und den wissenschaftlichen Mitarbeiter PD Dr. med. Wilm Quentin sei es dennoch gute Tradition, mindestens einmal jährlich nach Ghana zu reisen. Dort werden inzwischen auch 19 Doktorand*innen in weiterführenden Forschungsprojekten betreut.

Über Dr. Daniel Opoku

Wie können ghanaische Wissenschaftler*innen dazu beitragen, dass sich die Staaten Westafrikas besser auf Pandemien und andere gesundheitliche Krisen vorbereiten können? Wie kann man afrikanischen Startups im Bereich Gesundheitstechnik unter die Arme greifen, wenn es darum geht, ihre Produkte zu lizensieren und im Markt zu bestehen? Mit diesen Fragen wird sich Daniel Opoku bei der Betreuung von sieben Doktorand*innen an der Universität KNUST in Ghana beschäftigen. Er selbst hat an der TU Berlin im Bereich Gesundheitsmanagement promoviert, nachdem er seinen Master an der Charité im internationalen Studiengang Public Health absolviert hatte. „Wichtig für das Brückenbauen ist, dass man gute persönliche Beziehungen hat nicht nur zu seiner Arbeitsgruppe in Deutschland, sondern auch ins Heimatland“, sagt er. So habe er auch während seines jahrelangen Aufenthalts in Deutschland weiter Kontakt zu seinem Professor an der KNUST gehalten, bei dem er seinen Bachelor gemacht hatte. Bei seiner Rückkehr hilft ihm ein Projekt der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), das „Diaspora Expert Program“. „Das habe ich gleich zweimal absolviert“, erzählt er, die Entscheidung sei ihm nicht leichtgefallen. „Deutschland hat mich kulturell geprägt, die Menschen in Ghana sehen mich einerseits als Vorbild, andererseits aber auch schon als Außenstehenden.“

Mehr zum Projekt: https://www.tu.berlin/mig/forschung/projekte/aktuelle-projekte/capacity-building-in-ghana

Über Prof. Dr. Daniel Gallego

Natürliche Farbstoffe aus Pflanzen in Kolumbien für Solarzellen einzusetzen – daran arbeitet Daniel Gallego an der an der Universidad Pedagógica y Tecnológica de Colombia. Diese umweltfreundlichen Farbstoffsolarzellen versuchen, den Prozess der Photosynthese in der Natur nachzuahmen, um Sonnenlicht in Strom zu verwandeln. Gallegos Spezialgebiet sind aber Katalysatoren aus häufig in der Erdkruste vorkommenden Metallen, die die Erneuerbaren Energien in Zukunft auch aus Materialgesichtspunkten nachhaltiger machen könnten. Nach dem Bachelor in Kolumbien machte Gallego seinen Master im französischen Lille und in Leipzig, um dann für die Doktorarbeit an das Exzellenzcluster UniCat der TU Berlin zu wechseln. Über eine Postdoc-Stelle am Institut Català d’Investigació Química (ICIQ) in Spanien kam er zurück in sein Heimatland. „Brücken zu bauen wird oft sehr erschwert von der Bürokratie, nicht nur in Deutschland, sondern auch bei uns“, erzählt Gallego. „Hier den Papierkram zu vereinfachen, würde sicherlich den internationalen wissenschaftlichen Austausch fördern. Und bis es so weit ist, müssen bessere Beratungsangebote die Studierenden durch den Dschungel der Visaanträge und Fördermöglichkeiten lotsen.“ Dass die Sprachkenntnisse ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen, schärft Gallego seinen Nachwuchswissenschaftler*innen ein. Das gelte nicht nur fürs Englische, sondern auch die jeweilige Sprache des Gastlandes, sagt er. „Ich habe mir immer extra ein paar deutsche Sätze aufgeschrieben, wenn ich die Techniker*innen im Labor instruieren musste. Das hat meinen Draht zu ihnen wesentlich verbessert.“

Über Neha Yadav

Neha Yadav hat ihren Bachelor in Kunststofftechnik am L. D. College of Engineering in der Millionenstadt Ahmedabad im westlichsten Bundesstaat Indiens, Gujarat, absolviert. Von dort wechselte sie an die Hochschule Aalen in Baden-Württemberg, um ihren Master zu machen. „Viele indische Student*innen gehen ja in die USA oder nach Kanada für einen Auslandsaufenthalt, an den entsprechenden Universitäten gibt es auch schon richtige indische Communities“, erzählt sie. Yadav aber war vom deutschen Know-how bei Kunststoffen begeistert, auch durch die großen Chemieunternehmen, die hier auf diesem Gebiet arbeiten. „Die Hochschule in Aalen bot einen speziellen Studiengang ‚Polymer Technology‘ an. Also bin ich in die deutsche Provinz, obwohl mir klar war, dass ich da völlig auf mich allein gestellt sein werde.“ In ihrer Promotion an der TU Berlin beschäftigt sie sich nun mit 3D-Druckverfahren für Biopolymere, mit denen Werkzeuge und Ersatzteile für Kleinbauern in Entwicklungsländern hergestellt werden sollen – kostengünstig und als „Open Source“-Lösung. Für die Tätigkeit von „Brückenbauer*innen“ aus dem globalen Süden würde sich Yadav wünschen, dass Förderpläne und Arbeitsverträge die dafür benötigte Zeit von vornherein einplanen. „Dann gibt es nämlich gar kein ‚Brain-Drain‘ mehr, sondern die Student*innen im Ausland knüpfen für ihre Heimatuniversitäten wertvolle Kontakte. So wie ich das nun für das L. D. College tue.“ Das Ergebnis wäre eine echte Zusammenarbeit, bei der Forschende gemeinsam Vorträge hören, Fachwissen austauschen und zusammen veröffentlichen.

Mehr zum Projekt: https://www.tu.berlin/svfs/forschung/projekte/pla2-farming/ 

Autor: Wolfgang Richter

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