Krankheiten stummschalten

Das TU-Start-up PRAMOMOLECULAR entwickelt eine Technologie für verträgliche und zielgerichtete Wirkstoffe gegen Krebs- und Herzerkrankungen und wurde hierfür mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg 2023 ausgezeichnet

Es gibt komplexe, sehr komplexe und höchst komplexe Technologien, die die Grundlage für die Grünung eines eigenen Unternehmens sein können. Die TU-Ausgründung PRAMOMOLECULAR GmbH beschäftigt sich zweifellos mit einer Technologie der dritten Kategorie. Das Biopharma-Start-up hat eine innovative Methode entwickelt, um krankmachende Proteine in bislang schwer erreichbaren Zellen von Geweben zu regulieren. Einfacher: es geht um die Entwicklung von verträglichen und zielgerichteten Wirkstoffen gegen Krebs- und Herzerkrankungen. Für diese wegweisende Technologie wurde das Unternehmen im Dezember 2023 mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet.

Hinter PRAMOMOLECULAR stehen Dr. Merle Fuchs, Dr. Thomas Hiller und Ida Shaef. Ausgegründet haben sie aus dem Fachgebiet Angewandte Biochemie von Prof. Dr. Jens Kurreck. Den entscheidenden Anstoß gab die Molekularbiologin Merle Fuchs. Bevor die Biotechnologin den Schritt in die Selbstständigkeit mit PRAMOMOLECULAR wagte, war sie bereits an der Gründung verschiedener High-Tech-Start-ups beteiligt. Eines davon beschäftigt sich mit der arzneimittelkonformen Herstellung von sogenannten therapeutischen Oligonukleotiden, die innerhalb von Zellen gezielt die Synthese bestimmter Proteine regulieren können.

Idee rief nach Unternehmensgründung

„Aus dieser Erfahrung kannten wir das Problem des Einschleusens von siRNAs, sehr vielversprechenden Wirkstoffen, in die Zielzellen. ‚Gene Silencing‘ heißt es in der Fachsprache, wenn krankmachende Proteine‚ ‚stummgeschaltet‘ werden können. Jedoch funktioniert dies bisher nur in der Leber oder bei lokalen Applikationen, zum Beispiel im Auge richtig gut. Unsere Idee war, nach ‚Möglichkeiten‘ zu suchen, diese Wirkstoffe auch in andere Zellen einzuschleusen, um beispielsweise Krebserkrankungen, die bisher nur schwer therapierbar sind, wie z.B. das Lungen- oder Pankreaskarzinom, schonend und effizient zu behandeln“, sagt Merle Fuchs und erklärt weiter: „Wir haben zwei bestimmte Fettmoleküle, die sich zum Transport in bestimmte Zielzellen besonders gut eignen, wenn wir sie mit unserem patentgeschützten Linkermolekül direkt an die siRNAs koppeln. Erste Tierversuche zeigten vielversprechende Ergebnisse, mit denen eine EXIST-Forschungsförderung gewonnen werden konnte. Damit rief´ die Idee nach einer Unternehmensgründung. Aus diesem Grund suchte ich eine akademische Arbeitsgruppe, die auf diesem Gebiet bereits über viel Erfahrung verfügt. – Das war das Fachgebiet von Professor Kurreck.“ Hier traf Merle Fuchs auf Dr. Thomas Hiller und Ida Shaef, die beide bereits an der TU Berlin an siRNAs forschten und gegenüber der Gründungsidee sofort offen waren. Zwei Jahre konnten sie mithilfe eines EXIST-Forschungstranfers unter dem Dach der TU Berlin die neuartigen Transportmoleküle weiterentwickeln und ein erstes Patent anmelden, bevor sie 2021 die PRAMOMOLECULAR GmbH gründeten.

Riskantes Projekt

Im besonders aussagekräftigen, sogenannten PDX-Tiermodell wurden bereits erfolgreich die Reduktion des Wachstums menschlicher Tumoren und in Einzelfällen sogar Tumorschrumpfung sowie die gute Verträglichkeit demonstriert und inzwischen ein zweites Patent angemeldet. „Wirkstoffentwicklung gehört zu den riskantesten und langwierigsten FuE-Projekten überhaupt“, beschreibt Merle Fuchs. Daher stellt die Finanzierung von Biopharma-Start-ups eine große Herausforderung dar. Nach dem Auslaufen der Exist-Förderung war das Team im Einsammeln von Fördergeldern sowie in der Gewinnung von Business-Angeln bereits mehrfach erfolgreich und hat zudem einen internationalen Kooperationspartner für die gemeinsame Wirkstoffentwicklung gewonnen, benötigt jedoch auch künftig Investor*innen für die weiteren Entwicklungsschritte, um 2026 in die klinische Phase eintreten zu können.

Bevor tatsächlich Medikamente mit dieser Technologie auf dem Markt zugelassen werden können, vergehen noch viele Jahre. Für das Team lohnt sich die Anstrengung dennoch, „Wir haben die Chance, Wirkstoffe zu entwickeln gegen Krankheiten, die bisher nicht therapierbar waren. Wir möchten alles daransetzen will, dies zum Erfolg zu führen“, so Merle Fuchs. Ist das Team erfolgreich, wird es mit seiner höchst komplexen Technologie viele Menschenleben retten können.

siRNA-Moleküle

PRAMOMOLECULAR nutzt kleine RNA-Schnipsel, sogenannte small interfering RNAs (siRNAs), um die krankheitsverursachende mRNA in den erkrankten Zellen im Körper zu markieren und auszuschalten (´Gene Silencing´). Um die siRNA im lebenden Organismus besonders gut in die Zielzellen einzuschleusen, nutzt PRAMO eine patentierte Methode. Für diese Plattformtechnologie werden bestimmte Fettmoleküle über eine definierte chemische Bindung als Transportmoleküle direkt an die siRNAs gekoppelt. Damit können die siRNAs besonders gut in Zielzellen, z.B. in die Lungenkrebs- oder Herzzellen, eingeschleust werden (´self-delivering siRNA´).

Innovationspreis Berlin Brandenburg

Mit dem Innovationspreis würdigen die Länder Berlin und Brandenburg jährlich innovatives und herausragendes unternehmerisches Schaffen. Am 24. November 2023 fand die Preisverleihung zum Innovationspreis Berlin Brandenburg 2023 statt. Insgesamt fünf Unternehmen  wurden an diesem festlichen Abend für ihre herausragenden Innovationen mit einem Preisgeld von je 15.000 Euro ausgezeichnet.

Innovationspreis Berlin Brandenburg

Autorin: Bettina Klotz