Technische Universität Berlin
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Ambivalente Solidarität?

Solo-Selbstständige und die Soforthilfemaßnahmen während der Corona-Pandemie - ein Interview mit Dr. Isabell Stamm und Dr. Lena Schürmann

Solo-Selbstständige wurden in den wirtschaftlichen Soforthilfemaßnahmen der Bundesregierung während der Corona-Pandemie im Besonderen bedacht. Wie sich die Maßnahmen auf gesellschaftliche Solidarität und auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Solo-Selbstständigkeit auswirken, untersuchen die Soziologinnen Dr. Isabell Stamm von der TU Berlin und Dr. Lena Schürmann von der HU Berlin im Forschungsprojekt „Solidarität mit Solo-Selbstständigen - die Ambivalenzen der Soforthilfe“.  Das Forschungsprojekt wird von der Berlin University Alliance innerhalb der Sonderausschreibung: Pandemie der Grand Challenge Inititatives gefördert.

Interview

Sie beschäftigen sich in ihrer Forschung mit der Gruppe der Solo-Selbstständigen, die in den wirtschaftlichen Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung während der Corona-Pandemie im Besonderen gefördert werden. Was sind Merkmale der Solo-Selbstständigkeit und wieso eignet sich diese Gruppe als Forschungsobjekt?

Isabell Stamm & Lena Schürmann:

Solo-Selbstständige sind Personen, die ihr Einkommen nicht über eine Anstellung, sondern auf dem Markt generieren. Diese Personen arbeiten dabei zumeist im „Alleinbetrieb“, haben also keine Mitarbeiter*innen, und bewegen sich zwischen Lohnarbeit und Unternehmertum. Ihre Zahl hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, 2018 waren es ca. 2,2 Mio Personen.  Das sind mehr als die Hälfte aller Selbstständigen insgesamt.

Die Arbeit der Solo-Selbstständigen macht auf typische soziale Problemlagen aufmerksam: So birgt sie das Risiko der Prekarisierung, nämlich immer dann, wenn Solo-Selbstständige mit ihrer Tätigkeit nicht genügend Einkommen erwirtschaften können, um für die Risiken des Lebenslaufes wie etwa Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter vorsorgen zu können. Eine Ursache dafür ist, dass es für die Einbindung von Solo-Selbstständigen in das Sozialversicherungssystem keine einheitlichen Regelungen gibt –je nach Branche unterscheiden sie sich stark, etwa im Handwerk oder bei Kulturschaffenden.

Solo-Selbstständige weisen auch auf strukturelle Veränderungen im Arbeitsmarkt hin, der in den letzten Jahren eine immer höhere Flexibilität erfordert hat. So macht sich nur ein Teil dieser Gruppe selbstständig, um selbstbestimmt arbeiten zu können. Ein großer Teil arbeitet unter selbstständigen Bedingungen, um den Anforderungen des Arbeitsmarktes zu begegnen und beispielsweise einer Arbeitslosigkeit zu entgehen.

Corona-Pandemie, Lockdown und die damit einhergehenden Einschränkungen belasten viele Arbeitnehmer*innen, Selbstständige und Unternehmer*innen in der Ausübung ihrer Tätigkeit mit teils schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen. Die Bundesregierung hat hier mit einem Set an Maßnahmen reagiert und versucht, gegenzusteuern. Innerhalb dieser Maßnahmen werden Solo-Selbstständige als besondere soziale Gruppe explizit als hilfsbedürftig bedacht. Das ist insofern erstaunlich, als sie im wohlfahrtstaatlichen Solidarsystem ansonsten einen uneindeutigen Status einnehmen.

Durch die Soforthilfe wurden nicht nur Maßnahmen für Arbeitnehmer*innen oder Unternehmer*innen angeboten, sondern auch für die sehr heterogene Gruppe der Solo-Selbstständigen, die bislang uneindeutigen Regelungen und Strukturen gegenübersteht. Durch die Soforthilfen werden Solo-Selbstständige nun pauschal als besonders schutzbedürftige Gruppe ausgewiesen.

Dabei bringt die Auflage dieses Programms und vor allem seine Inanspruchnahme eine Reihe von Ambivalenzen mit sich. Offene Fragen sind etwa: Steht Solo-Selbstständigen als Alleinerwerbstätigen eine Hilfeleistung zu? Oder sollten Solo-Selbstständige als unternehmerisch agierende Personen nicht selbst für solche Risiken vorsorgen? Beinhaltet die Inanspruchnahme gesellschaftlicher Fürsorge in Form der Soforthilfe auch ein Moment der gesellschaftlichen Ausgrenzung?

Eben diesen Fragen gehen wir in unserem Forschungsprojekt nach. Dabei betrachten wir die Ambivalenzen der Soforthilfe aus der Perspektive der Solo-Selbstständigen wie auch aus der Perspektive der Gesellschaft.

Sie wollen erforschen, inwiefern die Soforthilfemaßnahmen sozial akzeptiert sind und wie sich auf diese Weise Solidarität zeigt. Wie gehen Sie in ihrer Studie vor?

Isabell Stamm & Lena Schürmann:

In unserer Studie rücken wir die Ambivalenzen der Soforthilfe in den Fokus. Es geht also darum, die Vielschichtigkeit und zum Teil auch Widersprüchlichkeit in der Wahrnehmung dieser Maßnahmen zu untersuchen. Dabei muss man für verschiedene Nuancen und Untertöne sensibel sein. Aus diesem Grund haben wir uns für eine qualitative Herangehensweise entschieden, die es erlaubt, möglichst offen die Erfahrungen und Meinungen von Solo-Selbstständigen ebenso wie von Vertreter*innen aus Medien und Politik zu erfassen und in ihrer Komplexität auszuwerten.

Aktuell führen wir problemzentrierte Interviews mit Solo-Selbstständigen sowie mit Vertreter*innen aus Medien und Politik. In den Gesprächen geben wir unseren Interviewpartner*innen viel Raum, ihre Erfahrungen und Meinungen zum Ausdruck zu bringen. Die Interviews werden anschließend verschriftlicht und dienen dann in anonymisierter Form als Grundlage für unsere Auswertung. Dabei gehen wir in mehreren Durchgängen durch das Material und arbeiten die unterschiedlichen Themen, die im Zusammenhang mit der Soforthilfe aufgemacht werden, heraus, verdichten diese zu Kategorien und bestimmen den Zusammenhang dieser Kategorien untereinander. Wir gehen dabei, wie für die Grounded Theory üblich, fallweise vor, wobei es besonders wichtig ist, immer wieder zwischen den Fällen zu vergleichen. Im Laufe dieser Auswertung können wir dann die Ambivalenzen der Soforthilfe benennen und empirisch fundierte Thesen darüber formulieren, welche Aspekte die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Maßnahmen eher befördern oder behindern. Unsere Ergebnisse sind also nicht nur wissenschaftlich wertvoll, sondern erlauben es im Falle zukünftiger Krisen schneller, effektiver und sozial verträglicher über die Auswahl und Konsequenzen von Maßnahmen zu urteilen.

 

Wo stehen Sie gerade in Ihrer Forschung? Können Sie schon etwas zur Akzeptanz der Maßnahmen und zur Solidarität innerhalb der Gesellschaft sagen?

Isabell Stamm & Lena Schürmann:

Wir haben die Arbeit in unserem Projekt zum 1. Juli aufgenommen und stehen also noch ziemlich am Anfang unseres Forschungsprozesses, kommen aber rasch voran. Bislang haben wir knapp zwei  Dutzend Interviews geführt und sind aktiv dabei, weitere Interviewpartner*innen zu rekrutieren. Insbesondere suchen wir noch Solo-Selbstständige in Berlin und Bayern in den Bereichen wissensbasierte Dienstleistungen, insbesondere Beratung und Coaches sowie im Handwerk, im Bau. Auch Personen mit Sorgeverpflichtungen interessieren uns.

Um eine fundierte Aussage über Solidarität mit Solo-Selbstständigen und die Ambivalenzen der Soforthilfe treffen zu können, ist es noch zu früh. Wir planen Ende August die erste Welle der Befragung abzuschließen und im Herbst eine zweite Welle an Interviews durchzuführen. Durch diese zweite Befragung wollen wir gezielt auch den Veränderungen der Einstellungen und Meinungen Raum geben. Anfang Dezember ist eine (Online-)Tagung gemeinsam mit dem Haus der Selbstständigen in Leipzig zur Situation der Solo-Selbstständigen in Zeiten der Corona-Pandemie geplant, zu der wir erste Einblicke in unsere Forschung vorstellen werden.

Dr.

Isabell Stamm

Forschungsgruppenleiterin

isabell.stamm@tu-berlin.de

Einrichtung Projekt Entrepreneurial Group Dynamics an der TU Berlin

Dr.

Lena Schürmann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

lena.schuermann@hu-berlin.de

Einrichtung Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin