Technische Universität Berlin

Wir sind nicht allein

Die Psyche beim Studium in den immer gleichen vier Wänden

Als nach dem ersten Lockdown 2020 der Sommer einzog, wurden die Berliner Seen zu Partyorten. Unübersehbar zeigte sich: Die Generation Z, die mit dem Internet aufgewachsen ist, lebt nicht nur in virtuellen Räumen. Persönliche Treffen sind auch für die digitalisierte Generation elementar. Allein sein mit den Fragen des neuen Alltags, mit den Anforderungen des Studiums, mit den Sorgen, die wöchentlichen Seminaraufgaben nicht zu meistern, ist auch für die Student*innen der TU Berlin eine der größten Herausforderungen der Pandemie. Und kaum jemanden zu haben, um darüber persönlich zu sprechen. Mechthild Rolfes und Robert Peters von der Psychologischen Beratung an der TU Berlin berichten, wie Student*innen mit der Pandemie leben. Die beiden Psychotherapeut*innen geben Tipps, um mit den Momenten der Einsamkeit umzugehen.

Top 5 - Fünf Tipps für die Prüfungszeit

  1. Lieber 3 Stunden voll als 10 Stunden halb lernen!
  2. Nicht auf Bewegung verzichten und schöne Sachen machen!
  3. Für mündliche Prüfungen mündlich, für Klausuren schriftlich lernen!
  4. Die Prüfung möglichst wirklichkeitsnah simulieren!
  5. Tief durchatmen gegen die Prüfungsangst!

Hat sich die Nachfrage der Student*innen nach psychologischer Beratung seit Ausbruch der Pandemie gegenüber den Jahren zuvor geändert?

Robert Peters: Es mag erstaunen, aber beim ersten Lockdown brachen die Anfragen erst einmal ein. Viele Student*innen waren möglicherweise mit sich selber und mit der Organisation zu Hause beschäftigt. Vielleicht kamen auch weniger zu uns, weil wir von persönlicher auf Online-Beratung umstellen mussten. Seit Beginn des Wintersemesters 2020/21 werden wir wieder deutlich mehr angefragt. Wir merken, dass die Probleme inzwischen noch häufiger als früher tiefer gehen und die Grenze zur Erkrankung erreichen. Es gibt mehr Student*innen, die in die Depression rutschen.

Wir beobachten, dass es Student*innen, die für das Studium nach Berlin gezogen sind, durch Corona schwerer fällt, in einer fremden Stadt Kontakte aufzubauen und neu anzufangen. Selbst Leute, die eigentlich sehr kommunikativ sind, haben schlichtweg wenig Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Hinzu kommt, dass der Besuch von alten Freund*innen weitgehend ebenso entfällt wie die Fahrt in die alte Heimat. Das haben sich viele beim Umzug nach Berlin sicher anders vorgestellt. In solchen Situationen können wir manchmal schon mit einigen Gesprächen helfen, in denen die erlebten Schwierigkeiten ausgesprochen werden können und mögliche Wege zu einer positiven Veränderung überlegt werden können.

Mechthild Rolfes: Für internationale Student*innen stellt sich diese Situation noch schärfer dar: Sie sind in ein fremdes Land gekommen und hatten unter Umständen noch gar keine Gelegenheit, Kommiliton*innen kennenzulernen, Jobmöglichkeiten fallen weg, auf die einige angewiesen sind, und sie müssen sich in einem neuen Unisystem zurechtfinden. Das ist eine enorme Herausforderung. Hinzu kommt für internationale Student*innen das Problem, dass sie für ihr Visum Fortschritte im Studium nachweisen müssen. Die sind unter diesen Bedingungen nochmal schwieriger zu erbringen. Die Gefahr von Ausweisungen ist eine Bedrohung, mit der sie sich zusätzlich auseinandersetzen müssen.

Was empfehlen Sie Student*innen, die merken, dass Ihnen der Alltag über den Kopf wächst?

Mechthild Rolfes: Wer merkt, dass er oder sie die Probleme nicht selber oder mit Hilfe von Freunden oder der Familie bewältigen kann, sollte zu uns kommen. Viele Student*innen ziehen sich erst einmal zurück und brauchen Zeit, bis sie sich bei uns melden. Grundsätzlich zeigt sich: Je früher man sich Unterstützung sucht, desto einfacher ist es, Lösungen zu finden. Für sich zu sorgen, ist gerade jetzt wichtig. Deshalb möchten wir die Student*innen ermutigen, sich an uns zu wenden, wenn Sie Hilfe brauchen.

Sie helfen bei Stress und Überforderungserleben, bei Prüfungsängsten, bei Lernproblemen, bei Beziehungsschwierigkeiten, Angstzuständen und Depressionen. Was sind die häufigsten Probleme seit Corona?

Robert Peters: Am häufigsten stellen wir eine Depression fest. Das war vor Corona auch schon so. Durch die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten oder die Sorge um Angehörige oder um die (berufliche) Zukunft hat sich das jedoch während der Pandemie verstärkt. Die Hygiene- und Schutzmaßnahmen erfordern außerdem eine stetige Anpassung an neue Bedingungen. Das birgt ein Risiko für Ängste, die den Alltag einschränken.

Mechthild Rolfes: Was Student*innen in diesen Zeiten helfen könnte, ist Planungs-Sicherheit. Wenn ich weiß, wann, wie und wo ich eine Prüfung habe, hilft das, die Motivation über einen längeren Zeitraum aufrechtzuhalten. Dazu sind eine langfristige Perspektive und vorausschauende Informationen wichtig.

Was raten Sie vor allem in Prüfungssituationen?

Robert Peters: Mehr vor die Tür zu gehen während der Prüfungszeit! Aktive Entspannung durch körperliche Tätigkeit bringt am nächsten Tag mehr Konzentrationsfähigkeit beim Lernen.

Mechthild Rolfes: Angst und manchmal auch Panik steigen vor der Prüfungszeit an. Bei den dritten, und damit letzten, Prüfungsversuchen, von denen alles abhängt, gehen die Anfragen bei uns hoch. In der Beratung besprechen wir unterschiedliche Möglichkeiten, mit der Angst umzugehen. Freiversuche, die jetzt angeboten werden, entlasten.

Welche Nachwirkungen erwarten Sie nach der Pandemie? Wird alles wieder so sein wie vor Corona? Oder hinterlassen das spontane Digitalsemester, die Lockdowns, der geschlossene Campus nachhaltige Spuren?

Robert Peters: Die Forschung hat noch keine Antwort darauf, da lange keine globale Pandemie dieses Ausmaßes stattgefunden hat. Ich sehe Chancen, dass Menschen die verpassten Erfahrungen nachholen wollen. Einsame Herzen finden sich bei zukünftigen Semester-Partys vielleicht schneller. Aber es wird auch die geben, bei denen die Aufarbeitung der entwickelten Ängste länger dauern wird. Einige Student*innen haben vielleicht ihre Probleme zu lange nicht so ernst genommen oder Psychotherapeut*innen waren ausgebucht, so dass sich die Behandlung verzögert hat. Eine Verzögerung verlängert häufig die Behandlung.

In der Psychologie werden die Robustheits- und Vulnerabilitätshypothese diskutiert. Die Vulnerabilität besagt, wenn ich drei Mal Probleme habe, werde ich mit jedem Mal verwundbarer. Die Robustheit argumentiert dagegen: ‚Was mich nicht tötet, macht mich stark.‘ Ich glaube, wir lernen auch Errungenschaften, zum Beispiel Konzerte, stärker wertzuschätzen. Besondere Momente, wie gemeinsames Schlittschuhlaufen in der Wintersonne, schaffen Erinnerungen, auf die wir Jahre zurückschauen und uns freuen. Sie helfen dabei, sich nicht aufzugeben.

Mechthild Rolfes: Die digitale Beratung hat aber auch unsere Möglichkeiten erweitert. Wir können jetzt rund um die Welt beraten. Es gibt auch Hilfesuchende, die mit dem digitalen Format besser umgehen können: Wegzeiten entfallen, das Angebot eines digitalen Beratungsraumes ist für manche niedrigschwelliger. Wir werden das Hybridformat als eine Möglichkeit auch nach Corona-Zeiten fortführen.

Das Gespräch führte Christina Camier.

Weiterführende Informationen

Die Psychologische Beratung stellt auf ihrer Website Tipps bereit, die dabei helfen, den Corona-Alltag besser zu meistern. Wenn einfache Tipps nicht weiterhelfen, ist das ein Hinweis, dass man darüber reden sollte: mit Freund*innen, Familien, professioneller Hilfe. Wenn Sie allein nicht weiterkommen, lassen Sie sich nicht allein!

Robert Peters

Psychologische Studienberatung

psychologische-beratung@tu-berlin.de