Technische Universität Berlin

Als Blinde bestehen in der digitalen Welt der Sehenden

TU-Studenten beschäftigen sich in drei Podcasts mit dem Arbeitsalltag von Menschen mit einer Sehbehinderung

Joes Tag beginnt misslich. Der Sprachassistent seines Smartphones prognostiziert Sonne, stattdessen regnet es und Joe kommt klatschnass in seiner Redaktion an. Damit haben die Missgeschicke für den Redakteur, der seit seiner Geburt nur über vier Prozent Sehkraft verfügt, an diesem Tag aber kein Ende. Wie der Pleiten-Pech-und-Pannen-Tag für den 26-Jährigen weitergeht, erfährt man in einem Hörspiel, das als Podcast zur Verfügung steht. An diesen Podcast schließt sich eine zweite Folge an, in der zwei TU-Studenten darüber informieren, welche Assistenztechnologien blinden und sehbehinderten Menschen wie Joe zur Verfügung stehen, um zu einer Arbeitswelt, in der ohne Computer nichts geht, überhaupt Zugang zu haben, und wie diese Assistenztechnologien funktionieren. Ein dritter Podcast wendet den Blick in die Geschichte von Menschen mit Sehbehinderung und endet mit einem Interview mit Franziska Sgoff. Sie erzählt, wie sie als Blinde ihren Alltag und die Arbeit bei Microsoft bewältigt. 2019 veröffentlichte sie das Jugendbuch „Wozu braucht man Jungs?“

Für das Thema sensibilisieren

Das Projektseminar, in dem das Ergebnis einer studentischen Arbeit aus dem Bereich der Arbeitswissenschaft von fünf TU-Studenten der Medieninformatik & -technik aufgegriffen wurde, um sich mit dem Thema der barrierefreien Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien in der digitalen Welt zu beschäftigen, ist eine Kooperation der Fachgebiete Arbeitswissenschaft und Quality and Usability Lab unter Leitung der Arbeitswissenschaftlerin Dr. Frauke Mörike und dem Medieninformatiker Robert Spang. Es ist ein Beispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Lehre. Robert Spang: „Das Podcast-Projekt gab den Studenten die Möglichkeit, sich ganz praktisch mit der Medienproduktion zu befassen. Neben den technischen Aspekten der Aufzeichnung standen auch die Nachbearbeitung, Filterung, der Schnitt sowie die Einbindung verschiedener Codecs und Formate im Vordergrund. Wissenschaftliche Methoden wurden erlernt und angewandt.“ Für die Arbeitswissenschaftlerin Dr. Frauke Mörike war es wichtig, „Studierende von Technologie-Studiengängen anzuregen, sich mit dem kaum beachteten Thema der Teilhabe in der digitalen Arbeitswelt von Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Die Podcasts veranschaulichen, wie wichtig die Entwicklung barrierefreier Technologien in einer digitalisierten Welt ist. Und das kann nur gelingen, wenn zukünftige Gestalterinnen dieser Technologien für das Thema Behinderung auch sensibilisiert sind.“ Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland Stand 31. Dezember 2019 76.740 blinde Menschen, 51.094 hochgradig sehbehinderte und 452.930 sehbehinderte Menschen.

Studium und Lehre hörbar machen

Die drei Audio-Podcasts sind von, mit und für junge Menschen gemacht. Sie sind das Ergebnis der Idee, Erkenntnisse einer arbeitswissenschaftlichen Masterarbeit nicht hinter einem Deckblatt verschwinden zu lassen, sondern sie als Lehrmaterial, aber auch der blinden Community auf niederschwellige Weise zugänglich zu machen. Es ist die Masterarbeit „Technologische, soziale und organisatorische Chancen und Herausforderungen von blinden und sehbehinderten Wissensarbeitenden bei der Arbeit“, die Ioannis Kiossis 2019 an der TU Berlin vorlegte. Er analysierte, wie es sehbehinderten Menschen in der Wissensarbeit, also Sachbearbeiter*innen, Lehrer*innen, IT-Techniker*innen, Geschäftsführer*innen, Berater*innen, Public Affair Manager*innen, durch digitale Technologien ermöglicht wird, zu arbeiten und wie Assistenztechnologie sie dabei unterstützt, möglichst gleichberechtigt am Arbeitsprozess teilnehmen zu können. Dafür untersuchte er, welche Assistenztechnologien sehbehinderten Menschen in der Wissensarbeit zur Verfügung stehen, und wie hilfreich und nutzerfreundlich, also barrierefrei die Technologien gestaltet wurden.

Die zwei Seiten von Technik

In seiner Masterarbeit, von Frauke Mörike betreut, filtert Ioannis Kiossis heraus, dass softwarebasierte Assistenztechnologien sehbehinderten Menschen einerseits hilft, die Behinderung auszugleichen und sie in die Lage versetzt, selbstständig zu handeln. Solch barrierefreie Technik verschafft ihnen ein Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit, „ent-hindert“ Menschen mit einer Sehbehinderung. Sie können dann Arbeiten ausführen, die sie ohne die Technik nicht machen könnten.

Andererseits können Assistenztechnologien bei sehbehinderten Menschen aber auch das Gegenteil bewirken. Kiossis beschreibt den Fall einer sehbehinderten Lehrerin, die er für seine Masterarbeit zwei Tage lang an ihrem Arbeitsplatz beobachtete. Anna stößt bei der Nutzung des schulinternen Informationssystems, in dem zum Beispiel die Noten der Schüler*innen eingetragen werden, auf Hindernisse, die zeitraubend sind und die sie ohne die Hilfe ihres Kollegen nicht überwinden kann. Grund: Das softwarebasierte Informationssystem und der Screenreader, der ihr helfen soll, das Informationssystem zu nutzen, sind nicht kompatibel. Anna ist frustriert. Die Technik, die ihr eigentlich helfen soll, wird zum Hindernis, be-hindert sie. Kiossis kommt zu der Erkenntnis, dass nicht-barrierefreie Technik zusätzliche Einschränkungen schafft.

Gefühl von Abhängigkeit und Unfreiheit

Nicht-barrierefreie Technik, so eine weitere Erkenntnis von Kiossis, führt bei den Betroffenen zu einem Gefühl der Unselbstständigkeit, Abhängigkeit und Unfreiheit. Nicht nur, dass sie auf die Hilfe von Kolleginnen angewiesen sind, um die Aufgaben erledigen zu können. Sie müssen Assistenztechnologien einfordern, darum bitten und sind gerade zu Beginn der beruflichen Karriere als Praktikantinnen oder Trainees mit befristeten Arbeitsverträgen vom Wohlwollen des Vorgesetzten abhängig. „Das ruft ein Gefühl der Scham hervor, besondere Umstände zu machen und das Budget zu belasten“, so Dr. Frauke Mörike. Dass Wissensarbeitende mit einer Sehbehinderung ihre Bedürfnisse am Arbeitsplatz mit Kolleginnen, Vorgesetzten und anderen gesellschaftlichen Akteuren aushandeln müssen, könnte jedoch umgangen werden, wenn bei der Produktentwicklung von „Mainstream“-Technologien wie Computer und Telefon sowie konkreten Softwareanwendungen und Programmen Barrierefreiheit von Beginn an mitgedacht werden würde. In Deutschland sieht das die „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz“ eigentlich vor.

 

Der Podcast

Amis Podcast – Einführung: Blind arbeiten – wie TU-Studierende der Medieninformatik & -technik sich mit dem Thema Sehbehinderung auseinandersetzen. Die Arbeitswissenschaftlerin Dr. Frauke Mörike stellt das studentische Podcast-Projekt vor.

Amis Podcast – Folge 1: Ein Arbeitstag im Leben von Joe. 15-minütiges fiktives Hörspiel über einen sehbehinderten Musikredakteur

Amis Podcast – Folge 2: Warum Joe trotz Sehbehinderung arbeiten kann: Die Studenten Maximilian Liebewirth und Dominik Oetting stellen unter anderem jene Assistenzsysteme vor, die Joe im Alltag und für seine Arbeit nutzt.

Amis Podcast – Folge 3: Blick zurück und Blick nach vorn: Kleiner geschichtlicher Abriss darüber, wie Menschen mit Sehbehinderung allmählich in der Gesellschaft wahrgenommen wurden, sowie ein Interview mit Franziska Sgoff über ihren Arbeitsalltag mit Sehbehinderung bei Microsoft und was sie sich wünscht.

Zu den Podcast-Folgen

Softwarebasierte Hilfsmittel für die Arbeit mit dem Computer

Ein Screenreader übersetzt Bildschirmtexte und Elemente der Bildschirmoberfläche in Sprache. Vorlesegeräte wandeln mit Hilfe einer Kamera Texte ebenfalls in Sprache um. Die Braillezeile dient vollblinden Menschen dazu, Texte am Computer zu lesen und zu schreiben. Menschen, die noch einen Sehrest haben, stehen Kontrastverbesserungen, Farbinvertierung und digitale Vergrößerungslupen zur Verfügung. Auch Sprachassistenten von Smartphones sind eine wichtige Hilfe für den Arbeitsalltag.

Berufliche Perspektiven für Medientechniker*innen

Die Medieninformatik und -technik sind beides Studiengänge an der TU Berlin, die sich aus den Gebieten der angewandten und technischen Informatik, der Elektrotechnik sowie aus den digitalen Medienbereichen Audio, Video und Mensch-Maschine-Interaktion und der Medienkommunikation zusammensetzen. 

Ein Fokus liegt auf Bild- und Videotechnik, Sprach- und Audiotechnik sowie Mensch-Maschine-Interaktion. Das Curriculum kombiniert Grundlagen der Mathematik, der technischen und methodisch-praktischen Informatik sowie der Elektrotechnik und vermittelt darauf aufbauend die Grundlagen der Bild-, Ton- und Interaktionstechnik. 

Absolvent*innen sind für eine Tätigkeit in der Medienproduktion, Telekommunikation, Medienverteilung, Interface-Design und Spieleindustrie sowie in der Medienberatung qualifiziert.

Autorin: Sybille Nitsche

Leidenschaftlich kreativ

Daniel Fernández über seine Arbeit in dem Podcast-Projekt über den digitalen Arbeitsalltag von sehbehinderten Menschen

Herr Fernández, warum machten Sie an dem Podcast-Projekt mit?

Ich bin ein kreativer Mensch. Ich habe schon immer Musik und Videos produziert und Texte geschrieben. Außerdem ist mir seit meiner Schulzeit gesellschaftliches Engagement wichtig. In Venezuela, wo ich geboren und aufgewachsen bin, arbeitete ich mit Menschen mit Asperger-Syndrom. Später dann beschäftigte ich mich viel mit Projektmanagement. Das Modul Medienerstellung gab mir die Möglichkeit, meine Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung, meine Leidenschaft, kreativ zu sein, und mein Wissen über Projektmanagement miteinander zu verknüpfen und Erfahrungen und Wissen zu vertiefen.

Was lernten Sie in dem Projekt?

Ich eignete mir viel Wissen über Sehbehinderung an. Jeder Mensch ist nicht nur komplett anders, es gibt auch komplett andere Wege, Möglichkeiten und Sichtweisen – und das sowohl im Wortsinn als auch im übertragenen Sinn –, die Welt zu erfahren und zu betrachten. Außerdem wurde mir noch einmal bewusst, welches Potenzial im Kreativsein steckt. Man kann es als Werkzeug nutzen, um soziale Veränderungen zu bewirken.

Und was haben Sie für Ihr Studium mitgenommen?

… wie wichtig Zeitplanung ist. Im Sommersemester 2020 absolvierte ich nur dieses Modul, weil ich glaubte, dass ich mehr nicht schaffe. Bei einer besseren Zeitplanung wären jedoch noch ein, zwei Module mehr möglich gewesen. An meinem Zeitmanagement werde ich arbeiten.

Was gefiel Ihnen an dem Podcast-Projekt am meisten?

Es war schön zu erleben, dass wir trotz aller Unterschiede in unseren Meinungen und Perspektiven ein Endprodukt hinbekommen haben. Anfänglich dachte ich, oh Gott, mit denen kann ich nicht arbeiten, weil ich sie nicht verstehe und sie mich nicht verstehen. Aber ich bin jemand, der gern ein Problem löst. Also blieb ich dran und machte weiter, und zunehmend fanden wir einen Flow und verstanden uns am Ende fast wortlos. Das habe ich sehr genossen.

Die Fragen stellte Sybille Nitsche.