Technische Universität Berlin

Wir lieben Lebensmittel

Das tu project „Food Waste – (K)Ein Thema!“ hat der Verschwendung von Lebensmitteln den Kampf angesagt.

Die Zahlen lassen aufhorchen: Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten entsorgt. Das sind Lebensmittel im Wert von rund 21 Milliarden Euro. Die Zahlen hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) veröffentlicht. Allein jede Person in diesem Land wirft jährlich durchschnittlich 55 Kilogramm weg – in privaten Haushalten, die 61 Prozent der Lebensmittelverschwender ausmachen, sind das vor allen Dingen Obst, Gemüse und Brot.

Verschwendung von Ressourcen

Doch mit dem Wegwerfen der Lebensmittel landen nicht einfach nur Äpfel, Brot und Käse in der Mülltonne, sondern auch wertvolle Ressourcen. Es fließen allein 820 Liter Wasser, bis ein Kilo Äpfel geerntet ist, rund 5 000 Liter Wasser werden benötigt, um ein Kilogramm Käse herzustellen. Auch Brot kann eine stolze Bilanz vorweisen: Für die Herstellung eines ein Kilogramm schweren Weißbrotes wächst das Getreide sechs bis zehn Monate auf rund zwei Quadratmeter Fläche, jedes Weizenkorn benötigt Wasser – so kommen mit dem Wasser, das zur Teigherstellung verwendet wird, rund 1600 Liter Wasser für ein Brot zusammen.

Alarmiert von diesen Nachrichten waren auch die Studentinnen Sarah Arndt und Ann-Christin Langkopf, beide studieren Arbeitslehre im Master. „Da muss man etwas machen“, dachten sie sich und riefen zum Sommersemester 2018 das tu project „Food Waste – (K)Ein Thema!“ ins Leben, um bei den teilnehmenden Studierenden ein Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln zu schaffen. Die erhalten im Gegenzug für ihre Teilnahme nachhaltige sechs Leistungspunkte (ECTS).

Endverbraucher*innen im Fokus

Gemeinsam beschäftigen sie sich mit Fragestellungen rund ums Essen: Was ist ein Lebensmittel? Warum werfen Menschen so viele verzehrbare Lebensmittel weg? Wie steht es um die Wertschätzung von Lebensmitteln? Was hat es für Auswirkungen, wenn Lebensmittel verschwendet werden? „Dabei versuchen wir, so wenig wie möglich theoretisch zu arbeiten“, sagt Sarah, sondern wir recherchieren gemeinsam, machen Selbstversuche und arbeiten uns über Exkursionen an das Thema heran.“ Im Auge haben sie zwar die gesamte Wertschätzungskette von der Erzeugung, über die Verarbeitung, den Handel bis hin zu den Konsument*innen – aber der Fokus liegt auf die Endverbraucher*innen.

Das tu project ist interdisziplinär, in der Regel sind 20 Studierende mit im Boot. Sie kommen aus allen Studiengängen, unter ihnen Lebensmittelwissenschaftler*innen, Biochemiker*innen, Brauereitechnolog*innen. Im ersten Semester haben sie Möglichkeiten erkundet, wie Konsument*innen bewusster mit Lebensmitteln umgehen können, um Food Waste zu vermeiden. „Mindesthaltbarkeitsdatum außer Acht lassen, eine Einkaufsliste für den bewussten Einkauf erstellen, keine Sonderangebote in großen Mengen kaufen, auf die richtige Lagerung im Kühlschrank achten“, zählt Ann-Christin spontan einige Punkte auf. Neben der Recherche und deren Auswertung machten sie gemeinsame Exkursionen, wie zum Beispiel zur Berliner Tafel. Dort halfen sie Lebensmittel zu sortieren, bevor sie an Bedürftige verteilt werden.

Lebensmittel retten

Sie waren und sind aber auch selbst unterwegs, um Lebensmittel zu retten – eine Aktion, die allen besonders viel Spaß macht. Bereits zwischen fünf und sieben Uhr morgens treffen sich am Lebensmittelgroßmarkt, wo Gemüse und Obst verladen werden, die in den Berliner Einzelhandel transportiert werden. Hier sortieren die Händler*innen aus: die Kartoffel zu klein, die Gurke zu krumm, der Apfel zu angeschlagen, die Banane zu braun – Lebensmittel, deren Schicksal es ist, auf dem Müll zu landen. Die Studierenden sammeln diese Lebensmittel ein „wir retten sie“ und führen sie wieder zurück in die Verwertungskette. Zurück an der Uni zaubern sie in der Lehrküche am Fachgebiet Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft innovative und klassische Gerichte aus Pilzen, Möhren und Auberginen. Aber was macht man mit 100 geretteten Bananen? „Bananensuppe mit Curry“, sagt Sarah und lacht. Ihr hat die Suppe geschmeckt, Ann-Christin hingegen fand sie schrecklich.

Ökologisch, nachhaltig und sozial

Das zweite Semester des tu projects, das auf vier Semester bewilligt wurde, soll etwas anders aussehen. Klar, immer noch werden die beiden Tutorinnen alles gemeinsam mit den anderen Studierenden erarbeiten. Aber die Fragestellung wird eine andere sein. Sie überlegen, das Wissen, das sie in der Gruppe sammeln, weiterzugeben. „Wir wollen einen Mehrwert schaffen“, sagt Ann-Christin.
Sie können sich vorstellen, die geretteten Lebensmittel zuzubereiten und an Obdachlose zu verteilen. Weitere Gedanken sind, eine Verteilergruppe ins Leben zu rufen, in der Studierende Lebensmittel, die zu viel gekauft oder doch nicht den Geschmacksnerv treffen, weitergegeben werden oder Foodsharing-Kühlschränke aufzustellen. „Damit wollen wir uns auseinandersetzen“, sagt Sarah. Aber dazu gehöre auch ein Studium der Vorschriften, hier müssen die Bestimmungen des Lebensmittelrechts beachtet werden, und nicht alle Lebensmittel sind zugelassen, an Bedürftige weitergegeben zu werden. Eine wertvolle Aufgabe für das zweite Semester des Projekts, das nicht nur ökologisch und nachhaltig ist, sondern dadurch auch eine soziale Komponente erhält.

tu projects und Projektwerkstätten an der Technischen Universität Berlin

tu projects sind interdisziplinäre und fachsemesterübergreifende Lernprojekte, die von Studierenden für Studierende durchgeführt werden. Sie wurden 2012 an der TU Berlin eingeführt (gefördert vom BMBF). Soziale und ökologische Aspekte der Nachhaltigkeit werden in den Projekten behandelt und sollen besonders Studierende am Anfang ihres Studiums ansprechen. Mit dem 2020 auslaufenden Bund-Länder-Programm Qualitätspakt Lehre (QPL) laufen die tu projects aus.

Seit 1985 gehören die Projektwerkstätten zur TU Berlin. Sie verfolgen ähnliche Ziele wie tu projects, sprechen aber die höheren Semester an. Jeweils ca. fünf Projektwerkstätten werden weiterhin pro Semester bewilligt. Jeder Student und jede Studentin kann ein selbstverwaltetes Lernformat ins Leben rufen und eine Förderung beantragen. Wird ein Projekt bewilligt, können die Antragstellenden über vier Semester jeweils zwei Stellen als Tutorin oder Tutor mit je 40 Monatsstunden besetzen. Teilnehmende Studierende sammeln drei bis sechs Leistungspunkte.

Wer eine Projektwerkstatt starten möchte, kann sich beim Wissenschaftsladen kubus bei Nina Lorkowski per E-Mail bewerben.