„Cool, in Berlin bauen sie ein deutsches Energy Boat!“

Die studentische Initiative WannSea hat mit einem selbst gebauten Boot im Juli an der Monaco Energy Boat Challenge teilgenommen. Gründer Riccardo Petschke blickt im Interview zurück auf turbulente sieben Tage, einen Motorschaden und internationalen Teamgeist.

Anfang Juli hat das studentische WannSea Team an der Monaco Energy Boat Challenge (MEBC 23) teilgenommen. Innerhalb von nur zwei Jahren hat das Team ein nachhaltiges Boot mit erneuerbaren Antriebsmethoden entwickelt. Ich erreiche Sie gerade nach der Regatta. Wie geht es Ihnen?
Die letzten sechs Monate waren absoluter Stress und die vergangenen sieben Tage in Monaco haben wir Non-Stop bei Hitze an der französischen Riviera wahnsinnig viele Eindrücke gesammelt. Nach den ersten erfolgreichen Testfahrten Anfang Juni auf dem Wannsee haben wir am 23. Juni an der TU Berlin den Boots-Launch gefeiert, dann fuhr das Boot eine Woche später verpackt nach Monaco und anschließend dann die Teilnahme an der MEBC 23! Die Woche in Monaco haben mein Team und ich mit vielen emotionale Hochs und Tiefs durchgemacht, wie man sie eigentlich nur aus Filmen kennt.

Was war denn ein besonderes Highlight?
Wieviel Aufmerksamkeit unser im Vergleich zu den anderen Booten recht nachhaltiges Boot bekommen hat. Sogar der Fürst von Monaco hat sich länger mit uns unterhalten und war an unserer Idee von einem nachhaltigen Boot interessiert. Ein Bild von uns und dem Fürsten vor dem Boot hat es sogar ins Forbes Magazin geschafft! Das TU-Berlin-Logo wird sich jetzt rund um den Globus verbreiten.

Toll war auch, dass Boris Herrmann, der Greta Thunberg nach New York gesegelt hat, vorbeigekommen ist und mit uns gequatscht hat. Auf seinen Segeln steht: A race we must win. Climate Action Now. Da stehen wir als Team voll dahinter, das ist genau auch unser Slogan. Das Kamera-Team von Boris Herrmann hat uns dann einen Tag lang begleitet, weil es in jedem Hafen, wo Boris Herrmann auf seiner Weltumseglung anlegt, ein Nachhaltigkeitsprojekt filmt. Die Doku erscheint nächsten Frühjahr. Das waren tolle Momente und vor allem auch, dass ganz viele Leute das Boot und die Konstruktion mit Holz und Bambus klasse fanden. Das Boot wurde überall „the bamboo boat“ genannt.

Euer Ziel war es, ein Boot zu bauen, was möglichst nachhaltig ist. Was konntet ihr umsetzen?
Wir wollten Holz, Bambus und Flachsfaser in den Vordergrund stellen. Wenn man ein Gefährt baut, das dafür da ist, Regatten zu gewinnen, dann muss man beim Bau Prioritäten setzten. Für uns stand Nachhaltigkeit vor Leichtigkeit. Unsere Längsstreben, die aus Bambus sind, wiegen fast doppelt so viel wie Alurohre. Unsere Bodenplatten und der Sitz sind aus Flachsfaser gefertigt, so konnten wir herkömmliche Materialien wie Glasfaser oder Karbon vermeiden.

Bei dem Transport nach Monaco und zurück haben wir dank eines unserer Sponsoren geschafft, kaum einen CO2 Ausstoß zu verursachen. Unser Boot fuhr Anfang Juli mit einem der ersten Wasserstoff betriebenen H2 LKWs Europas los und in Süddeutschland wurde es dann in einen BIO-CNG LKW umgeladen.

Was sind die Schwierigkeiten, wenn man ein Boot ausschließlich nachhaltig bauen will?
Bei vielen Komponenten findet man noch nichts Sinnvolles. Insbesondere für unser Team Energy, Antrieb und IT war ein nachhaltiges Bauen schwierig. Abgesehen von recyceltem Plastik für unseren 3D-Drucker waren die meisten elektrischen Komponenten die handelsüblichen. Und selbst bei Team Bau wurde zwar extrem auf Holzbau geachtet, aber zum Beispiel ist das Zwei-Komponenten-Epoxidharz nur eine halb zufriedenstellende Lösung aus Bio-Harz und einem chemischen Härter. Und bei allen Teilen, die wir verbaut haben, lässt sich nun nach der Regatta auch die berechtigte Frage stellen – wie recycelt man das jetzt? Vieles ist Sondermüll. Oder es wird von dem WannSea-Team für die Saison 2024 wiederverwendet.

Wie lief es denn bei der Regatta?
Während der Parade am Donnerstag lief alles gut. Unser Boot "1C23" fuhr mit allen anderen Booten im Hafen umher und auch vor Monacos Ozeaneum. Anschließend ging es dann mit den Qualifying Laps weiter. Unsere Pilotin fuhr mehrere gute Runden und erreichte den 4. Platz in der Energy Klasse! Das war der Beweis dafür, dass Bambus- und Holzbauten mit Carbon- und Glasfaserbauten anderer Teams mithalten konnten! Unser effizientes System machte Eindruck. Doch leider nicht lange genug. Als wir am Freitag Vormittag für die Ausdauer-Challenge auf dem Wasser waren und Gas geben wollten, ging unser Motor nicht an, obwohl am Tag vorher und bei der Inspektion alles super geklappt hatte. Während einige aus meinem Team vergeblich versucht haben, an der französischen Riviera einen neuen Motor aufzutreiben, kam die Idee auf, dass wir den Motor vom Boot des Teams der Uni Mailand nehmen könnten, das nicht an den Start gehen durfte. Das Team Physis aus Mailand und mein Team haben dann die ganze Nacht daran gearbeitet, sodass sich am nächsten Morgen tatsächlich die Bootsschraube gedreht hat und wir eine zweite Inspektion überstanden haben.

Erstaunlich!
Ja! Unsere Pilotin Lea hat dann sogar mit einem Boot, dessen Motor sie nicht kannte, beim Slalom Race den 7. Platz von 14 Teams geholt. Die beiden Teams waren begeistert und der gesamte Hafen hat gejubelt, weil zwei Teams ein Boot zum Laufen gebracht haben. Für den Champion Ship Race hat es dann aber nicht mehr gereicht, der Motor war einfach nicht geeignet für das Boot und irgendwas ist durchgebrannt. Trotz allem waren wir glücklich, da wir bewiesen hatten, dass unser Boot fahren konnte und dass unsere Ingenieur*innen auch Krisen bewältigen können. Allerdings haben wir nicht den Eco Preis bekommen, auf den wir es eigentlich abgesehen hatten. Im Vergleich zu den anderen Teams waren wir ein reines Studierendenteam und hatten keine Professor*innen, die uns fachlich unterstützt haben. Die Fachgebiete an der TU Berlin unterstützen uns mit Räumlichkeiten und ideell. Unser Life cycle assesment, dass wir einreichen mussten, war leider nicht fehlerfrei, da hätten wir professionelle Unterstützung gebraucht.

WannSea hat dann aber noch den Smart Low Tech Preis gewonnen. Warum?
Diese Sondernominierung der Jury haben wir für unser „outside the box thinking“ und unser nachhaltiges Konzept bekommen, in dem auch die nachhaltige An- und Abreise enthalten war, was bisher niemand vor uns gemacht hat. Und dass wir große Teile, wie Batterie und Motor, die schlecht zu recyclen sind, nach der Challenge wieder verkaufen werden. Noch über dem Gewinnen steht aber auch der Austausch mit den anderen Teams zum „Know How“ und zu den Hürden, die man über ein Jahr zu nehmen hatte. Das war eigentlich das Wichtigste und hat viel Spaß gemacht.

Wie geht es jetzt für Sie und das Projekt WannSea weiter?
Ein Großteil unseres Teams wird jetzt nach der ersten Saison aufhören. Ich persönlich hab vier Semester meines Studiums für die Gründung und Leitung des Projektes nach hinten verschoben. Das Projekt läuft jetzt, die Grundlagen stehen, wir haben Sponsoren. Im Sommer starten wir eine Recruiting Kampagne mit Meets & Greets. Das Team wird sich neu aufstellen und alle Vorstandsposten müssen neu besetzt werden. Es gibt aber auch schon das Boot, an dem man jetzt weiterbauen kann! Wir wollen das Boot wieder aufbauen und Probefahrten am Wannsee anbieten.

Also, wenn die Präsidentin Lust darauf hat, wäre es sehr cool, wenn sie sich Zeit für uns nehmen könnte. Wir wünschen uns, dass das Präsidium studentische Initiativen, die international ausgerichtet sind, stärker im Rücken steht. Dabei sind wir 50, über die Semester verteilt über 100 Studierende, die sich echt reingehängt haben, um in Monaco an den Start zu gehen. Und eine Uni lebt von solchen Projekten, weil wir sie nach außen hin attraktiver machen. Jemand, der gerade sein Abi gemacht hat, sieht: Cool, in Berlin bauen sie ein deutsches Energy Boat, das es einer Handvoll Studierenden ab jetzt jeden Sommer ermöglicht, nach Monaco zu fahren!

Und deswegen mein Aufruf an Studierende aktiv zu werden: Traut euch, man wächst mit seiner Verantwortung! WannSea ist ein Praxisprojekt, was wie ein Unternehmen aufgebaut ist und wo man viel von dem direkt umsetzen kann, was man im Hörsaal gelernt hat. Und mein Vorstand und ich stehen dem neuen Team gerne immer mit Rat zur Seite. Das ist eine Story, die mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten wird.

Nachdem Sie sich nun intensiv mit nachhaltigem Bootsbau beschäftigt haben, was ist Ihre Vision von einer nachhaltigen Schifffahrt?
In Monaco haben wir mit ein paar Professionellen aus der Schifffahrt gesprochen und ein Yachtdesigner hat etwas Interessantes gesagt: Solange Kunden nicht explizit darauf bestehen, dass alle Teile nachhaltig sind, werden Yachten sowie Kreuzfahrt- und Containerschiffe es auch nicht werden. Das liegt daran, dass die Werften profitabel bauen. Und Gewinne lassen sich nun mal schwer mit noch manchmal experimentellen, teureren und weniger belastbareren Alternativen erzielen. Deswegen muss die Politik aktiv werden und realistische Vorgaben setzen, wie neue Boote gebaut werden müssen. Dass es mit Wasserstoff geht, wird gerade an unserem Fachgebiet Entwurf und Betrieb Maritimer Systeme mit dem Schubboot Elektra bewiesen. Das Ernüchternde ist: Es dauert viele Jahre, bis ein großes Boot fertig wird und dann fährt es mindestens 20 bis 50 Jahre auf den Meeren. Also tuckern alle Containerschiffe, die jetzt gerade fertig gebaut werden, 2050 immer noch herum. Und leider sind bisher nur unter 5 Prozent der Schiffe, die jetzt neu auf den Markt kommen, mit erneuerbaren Antriebskonzepten gebaut. Kreuzfahrtschiffe haben groß draufstehen „blaue Energie“, aber in echt fahren die noch lange nicht grün, bzw. muss Wasserstoff ja auch mit grünem Strom produziert werden. Wir sind da also noch sehr, sehr weit entfernt. Darüber haben wir auch mit dem Fürsten von Monaco sprechen können, und ihm klar gemacht: Du musst in Monaco, der „ Capital of Yachting“, klare Ziele setzen, die verbindlich sind.

Das Interview führte Barbara Halstenberg.