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Die kleinen Kniffe des großen Meisters

TU-Studierende dokumentieren umfassend die Fragmente der Schinkelschen Bauakademie

„Die im Boden erhaltenen Reste der Schinkelschen Bauakademie sind unbedingt erhaltungswürdig.“ So steht es in der Begründung des Landesdenkmalamtes Berlin. Das stuft die Fragmente des berühmten Bauwerks als Bodendenkmal ein. Aber was genau diese Überreste sind und in welchen Umfang die Bauakademie noch vorhanden ist, darüber war bislang wenig bekannt. Das änderte sich mit einer Grabung im vergangenen Jahr, an der auch die TU-Studierenden Eva-Maria Lechl, Ben Schemel und Imke Zugermeier des Masterstudiengangs Historische Bauforschung und Denkmalpflege maßgeblich beteiligt waren. Auf einer Fläche von circa 300 Quadratmetern wurde nach 1995 und 2000 im Sommer 2021 in der Südwestecke der Bauakademie die bislang umfassendste archäologische und bauhistorische Untersuchung vorgenommen. Die Ergebnisse dieser Grabung fanden ihren Niederschlag in einer außergewöhnlichen Masterarbeit, die die Frage, was von der Schinkelschen Bauakademie noch vorhanden ist, auf über 700 Seiten detailliert beantwortet und die Befunde sowohl textlich als auch zeichnerisch akribisch dokumentiert und analysiert.

Figürliche Terrakotten, Reliefplatten mit floralen Motiven

Die Funde lassen sich in nach noch am Originalort befindlichen Gebäudeüberresten (in situ) und nach außerhalb des einstigen Gebäudegefüges gefundenen Bauelementen (ex situ) unterteilen. Die ex situ geborgenen Fragmente umfassen figürliche Terrakotten, Baukeramiken wie Formziegel und Reliefplatten mit floralen und geometrischen Motiven, sowie Säulen- und Treppenfragmente aus Sandstein. Es sind mehr als 500 Bauteile, die durch den Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg und beim Abriss der Ruine 1961 bis 1963 herunterfielen und in der Grube sowie im Aushub gefunden wurden.

Zu den in situ ausgegrabenen Gebäudeteilen gehören Fundamente, Bankette, Pfeiler, Außen- und Innenwände, ein Entwässerungskanal und diverse Ziegelsteine. „Das sind alles Funde auf den untersten Metern des Gebäudes. Sie ermöglichten es uns, den tatsächlichen Aufbau des Gebäudes nachzuvollziehen“, sagt Imke Zugermeier. So fanden die Studierenden heraus, dass die Bauakademie nicht, wie Vergleichsbauten, auf Hunderten in die Erde getriebenen Holzpfählen ruhte. Stattdessen verbesserten unterirdische, das Grundwasser abdeckelnde Bankette die Tragfähigkeit des Baugrundes so weit, dass konventionell mit Einzelfundamenten gegründet werden konnte. „Außerdem stießen wir auf vollständig erhalten gebliebene Fensterstürze und Fensterlaibungen, anhand derer wir Rückschlüsse ziehen konnten, wie Karl Friedrich Schinkel baute“, erzählt Ben Schemel.

Der Hauch des Nackten

Und Schinkel baute klug. Zur Verankerung von Reliefplatten verwendete er keine Metallverankerungen, wovon die drei ausgegangen waren, sondern schob sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip formschlüssig in eine weiche Mörtelmasse ein. Auch das eine wichtige Erkenntnis der drei. „Das sind so kleine Kniffe des Meisters mit großer Wirkung“, sagt Imke Zugermeier sichtlich beeindruckt. Eine weitere Erkenntnis: Da Schinkel mit der Bauakademie dem unverputzten Ziegelbau wieder zu Geltung verhelfen wollte und die Akademie ein Prestigebau für diesen regionalen Baustoff sein sollte, nachdem der Backsteingotik nach ihrer Blütezeit zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert der Hauch des Nackten anhaftete, verbaute er die Ziegel unterschiedlicher Güteklasse gezielt und materialgerecht, das heißt entsprechend ihrer baukonstruktiven und visuellen Eignung sowie unter ökonomischen Aspekten. Ben Schemel: „Um die ziegelsichtige Architektur wieder en vogue zu machen, setzte er mit violett glasierten Keramikriemchen, in deren glänzender Oberfläche sich das Sonnenlicht reflektieren konnte, an der Fassade geschickt Akzente, um ihre ziegelrote Strenge aufzulockern. Und die hochwertigen Vormauerziegel an den Pfeilern im Grundwasserbereich fungierten als wasser- und witterungsunempfindliche Außenschicht.“

Sorgsamer Umgang mit den Materialien

Der Zweck bestimmte also die Verwendung des Materials. „Das zeigt sich auch überzeugend beim Einsatz des wasserfesten Mörtels. Als die Bauakademie errichtet wurde – 1832 bis 1836 –, widerspiegelte dieser Mörtel den neuesten Stand der Technik und war als Importware schwierig zu beschaffen und dementsprechend teuer. Er wurde nur dort eingesetzt, wo Bauteile mit Grund- und angestautem Niederschlagswasser in Berührung kamen. Zugunsten eines visuell und baukonstruktiv bestmöglichen, langlebigen Ergebnisses versuchte Schinkel immer, mit dem Neuesten und Besten zu arbeiten und scheute keine Mittel, ging aber sorgsam mit teuren Materialien um“, erläutert Imke Zugermeier. Der innovative Bau, so Lechl, Zugermeier und Schemel, passte perfekt zu dem, wofür die Bauakademie stehen wollte – für eine Ausbildungsstätte moderner Architekten, deren Bauten zukunftsweisend sein sollten. Die Masterarbeit wurde übrigens mit der Note eins bewertet.

Autorin: Sybille Nitsche