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„Trash Games“ – umweltbewusst denken, spielen, gewinnen – oder manchmal auch verlieren

Am Ende haben beide Spieler*innen verloren. Sie konnten die Miete für das Lager, in dem sie alte Fahrräder, Baumaterialen und Computer zwischengelagert hatten, nicht mehr zahlen, um sie im weiteren Spielverlauf zu reparieren, zu verkaufen oder zu spenden. Sie spielten das Spiel „Waste What?“.

In dem Spiel geht es darum, Wieder- und Weiterverwendungsmöglichkeiten für entsorgte Dinge zu finden und dadurch die Entstehung von Abfällen für die Verbrennung zu vermeiden. Die Spieler*innen hatten die Verantwortung für Materialinitiativen aus den Bereichen Textilien, Lebensmittel, Fahrräder, Baumaterialien, Möbel und Elektrogeräte übernommen. Materialinitiativen sind Projekte wie zum Beispiel Repair Cafés oder Lebensmittelrettung. Da nicht alle Materialien in einer Kreislaufwirtschaft restlos zurückgeführt werden können, gibt es in dem Spiel auch Karten für Restmüll. Und wer auf diesen Karten, also auf seinem Abfall sitzen bleibt, hat verloren. Pech! Obwohl es nur ein Spiel ist, blieb der kleine Ärger, weil sich die Spieler*innen durchaus als umweltbewusste Personen wahrnehmen – und dennoch verloren hatten. Gleichzeitig entstand jedoch die Motivation auf eine neue Runde.

Auf neuen Wegen
Johannes Scholz ist einer der Spieler. Er hat das Spiel rund um eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft mit entworfen. Das Projekt „Trash Games: Playing with the Circular Economy Transition at the HdM“ brachte 2021/2022 das Fachgebiet für „Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie“ an der TU Berlin mit dem „Stadtlabor für Multimodale Anthropologie“ an der HU Berlin zusammen. Die Player hatten sich im Haus der Materialisierung (HdM), das zum Haus der Statistik am Alexanderplatz gehört, kennengelernt. Als sie 2021 der Call der BUA erreichte, neue Wege in der Wissenschaftskommunikation zu erforschen, bewarben sie sich gemeinsam um eine Förderung. Mit dem Gesellschaftsspiel rund um eine ökologische Materialwirtschaft wollten sie ihre Forschungsaktivitäten auf experimentelle Art kommunizieren.

Lieber reparieren oder spenden statt in den Müll
Johannes Scholz ist Umweltingenieur für Abfall- und Kreislaufwirtschaft, wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Lehraufgaben und Promotionsstudent am Fachgebiet für „Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie“ an der TU Berlin. In seiner Promotion beschäftigt er sich mit den Themen Wiederverwendung, Weiterverwendung und Kaskadenführung von Stoffen, Produkten und Objekten. „Wie kann man die Lebensdauer von Produkten verlängern, und wie müssen Systeme aufgebaut sein, um eine Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen“ sind seine Forschungsfragen. Dazu leitete sein Fachgebiet im HdM bereits das Forschungsprojekt „Reallabor Zirkuläres Wirtschaften im urbanen Raum“, um neue Strukturen der Kreislaufwirtschaft im Kontext innovativer Stadtentwicklung zu untersuchen. „Trash Games“ ist die Weiterführung des Projekts auf der Kommunikationsebene. „Ziel des Spiels ist, die Komponenten einer Kreislaufwirtschaft zu betonen und insbesondere lokale Aktivitäten zur Abfallvermeidung und Weiterverwendung zu benennen“, erläutert Johannes Scholz. Zudem soll es vermitteln, wie Wieder- und Weiterverwendung im urbanen Raum umzusetzen sind. Zum Beispiel durch die Reparatur kaputter Gegenstände und deren Wiederverkauf oder durch Spenden nicht mehr benötigter, aber intakter Elektrogeräte.

Ingenieur*innen, Anthropolog*innen und Spielentwickler*innen an einem Tisch
Das kooperative Spiel entwickelten die Wissenschaftler*innen der TU Berlin gemeinsam mit Kolleg*innen vom „Stadtlabor für Multimodale Anthropologie“ der HU Berlin. Das zehnköpfige Team von TU-Professorin Dr.-Ing. Vera Susanne Rotter, Leiterin des Fachgebiets „Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie“, deckte verschiedene Disziplinen ab – von Umwelttechnik über Anthropologie bis zu Spielentwicklung und -design. „Wir aus der TU Berlin hatten schon aufgrund des Forschungsprojekts ‚Reallabor Zirkuläres Wirtschaften im urbanen Raum‘ einen starken Bezug zum Thema“, sagt Johannes Scholz. Die Anthropolog*innen von der HU Berlin stellten den Menschen in den Fokus und setzten sich unter anderem mit den Spielmechaniken auseinander.

Zu verkopft
Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen aus anderen Disziplinen, die stark interdisziplinäre Partnerschaft mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf dieselbe Problemstellung, empfand Johannes Scholz als bereichernd. So machten zum Beispiel die Spieleentwickler*innen der HU Berlin die Umweltingenieur*innen der TU Berlin immer wieder darauf aufmerksam, dass ihre Gedanken zur Kreislaufwirtschaft viel zu komplex für ein Spiel sind. „Die andere Perspektive, die wir dadurch auf unser Projekt und unsere Arbeit bekommen haben, war wahnsinnig lehrreich“, so Johannes Scholz. In punkto Kommunikation komplexer Sachverhalte ist er nun einen Schritt weitergekommen.

Das Forschungsprojekt wurde 2022 abgeschlossen, 100 Exemplare des Spiels sind gedruckt und in Umlauf gebracht. Für den weiteren Vertrieb fehlen dem Team allerdings die Kapazitäten. Doch das Spiel kann auf der Projektwebseite heruntergeladen, ausgedruckt und gespielt werden – auf Deutsch und auf Englisch. Johannes Scholz hofft auf eine neue Kooperationsmöglichkeit mit der BUA, um das Spiel weiterzuentwickeln. Bis dahin heißt es erstmal: spielen, spielen, spielen – und so viel Abfall wie möglich vermeiden. Damit es am Ende auch einen Gewinner oder eine Gewinnerin gibt. Im besten Fall die Umwelt.

Wer auch Interesse an einer Projektförderung hat, sollte der Seite „Ausschreibungen und Stipendien“ folgen.

Dagmar Trüpschuch