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Solidarität leben und erfahren

Wie wird Solidarität in einer so großen und diversen Stadt wie Berlin gelebt? Diese Frage untersuchten Wissenschaftler*innen im Forschungsprojekt „Transforming Solidarities. Praktiken und Infrastrukturen in der Migrationsgesellschaft“. Da Solidarität ein komplexes soziales Phänomen ist, das verschiedene Disziplinen wie Soziologie, Psychologie, Migrationsforschung, Stadtforschung, Genderstudies und Philosophie betrifft, kann nur ein interdisziplinärer Forschungsansatz ein tieferes Verständnis für die Mechanismen und Dynamiken der Solidarität bieten. Dazu hatte sich an der BUA 2020 eine 25-köpfige Forschungsgruppe der vier Verbundpartnerinnen zusammengefunden. Sie ist durch die BUA im Rahmen des Main Call Exploration Projects „Social Cohesion“ gefördert. Die Charité war mit Wissenschaftler*innen aus der Psychologie dabei, die HU Berlin mit Forscher*innen zur Migrationsgeschichte und Europäischer Ethnologie. Philosophische Themen wurden von Wissenschaftler*innen der FU Berlin und HU Berlin eingebracht. Von der TU Berlin kamen zum Beispiel Prof. Dr. Sabine_ Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, sowie Dr. Moritz Ahlert, promovierter Architekt und seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für „Internationale Urbanistik und Entwerfen“ sowie Postdoc im Projekt „Transforming Solidarities“.

Zusammenarbeit mit Projekten und Initiativen

Am Beispiel Berlins als „Labor der Migrationsgesellschaft“, in dem die Bedingungen des Zusammenlebens und gesellschaftlicher Ordnung täglich neu ausgehandelt werden, rückten die Wissenschaftler*innen die Bereiche Arbeit, Gesundheit und Wohnen ins Zentrum ihrer Forschung, um an diesen nachvollziehbar zu machen, wie Solidarität verhandelt, gelebt und auf Dauer sichergestellt wird. Sie holten verschiedene gesellschaftliche Initiativen an Bord, die Solidarität leben, zum Beispiel das Wohnprojekt „RuT“ für ältere Lesben* oder das solidarische Gesundheitskollektiv in Neukölln, in dem Mediziner*innen Menschen ohne Aufenthaltsstatus und Krankenkasse versorgen. „Mit den Menschen dieser Projekte und Initiativen reflektierten wir die Bedingungen für solidarisches Handeln“, erläutert Dr. Moritz Ahlert. „Denn das Wissen über solidarische Praktiken liegt bei denen, die sie leben.“

Solidarität braucht Räume

Zweimal wöchentlich traf sich das Forschungsteam. Dr. Moritz Ahlert brachte die Urbanistik mit ins Projekt. „In der Urbanistik beschäftigen wir uns mit den sozialen Aspekten von Stadt. Wir legen unseren Fokus auf die Produktion von Räumen, folgen den Akteur*innen und deren Praktiken. Angesichts multipler Krisen und unter Druck geratener sozialer Verhältnisse fragten wir: Welche solidarischen Zukünfte praktizieren Berliner Initiativen schon heute?“, erläutert er seinen Ansatz. Bei den Untersuchungen wurde deutlich: Solidarität braucht Räume, um erfahrbar zu werden. Beispiele sind alternative Wohnmodelle, Gesundheitskollektive oder Nachbarschaftszentren. „Aus sozialen Praktiken von unten entstehen offene, kollektive und nicht kommerzielle Räume, in denen ein solidarisches Miteinander Wirklichkeit wird“, sagt er. „Solche Räume helfen, Vereinzelung zu überwinden und neue Beziehungsweisen zu erproben. Die Notwendigkeit dafür hat nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie gezeigt.“

Etablierte Gewerkschaften duckten sich weg

Als weiteres Beispiel führt er das Arbeitskollektiv „Gorillas“ an, ein Lebensmittel-Lieferdienst, der während der ersten Corona-Jahre boomte und das Versprechen gab, Lebensmittel innerhalb kürzester Zeit nach Bestellung zu liefern. Während die Deutschen aufgrund der Pandemie zu Hause blieben, brachten ihnen die Rider, so nennen sich die fahrradfahrenden Lieferant*innen, Lebensmittel nach Hause – bei Wind und Wetter. Die Rider, die zum großen Teil aus der migrantischen Community kamen, streikten im Sommer 2021 wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen, protestierten unter anderem für eine bessere Ausstattung und einen höheren Lohn. Sie soldarisierten sich untereinander, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. „Unter schwierigsten Bedingungen gelang es der migrantischen Belegschaft der digitalen Lieferplattform, Kolleg*innen und Unterstützer*innen zu mobilisieren“, sagt Dr. Moritz Ahlert. Letztendlich war das „Gorilla“-Kollektiv erfolgreich, wobei die Solidarität der etablierten Gewerkschaften weitestgehend ausblieb. „Das brachte uns zu folgenden Überlegungen“, so Ahlert: „Wie lässt sich die Solidarität der Arbeit unter Bedingungen von Digitalisierung und Migration neu denken und neu organisieren? Wie müssen sich Gewerkschaften, also die klassischen Infrastrukturen der Solidarität unter Arbeiter*innen, verändern und sich dem modernen Arbeitsmarkt anpassen? Und wie lassen sich solche Aktionen verstetigen?“

Das Beispiel der „Gorillas“, die aus dem Nichts eine solidarische Gemeinschaft aufbauten, ist eines von rund zehn Projekten, die das Forschungsteam in den letzten Jahren begleitete und erforschte. Die Projekte beschäftigen sich mit den Themen Arbeit, Wohnen und Gesundheit. Der Bereich Wohnen ist unter anderem mit der Habersaathstraße 40–48 vertreten. Es ist ein Wohnhaus, in dem Altmieter*innen von Verdrängung bedroht sind und das zudem teils von ehemals obdachlosen Menschen besetzt wurde. Gemeinsam mit aus der Ukraine Geflüchteten verteidigen sie das Haus, um ihren Wohnraum zu erhalten. Hier untersuchten die Forscher*innen das Verhältnis von Konkurrenz und Solidarität. „Je nach Initiative wird um Geld, Verteilung oder politische Aufmerksamkeit konkurriert“, erläutert Dr. Moritz Ahlert. „So können sich zum Beispiel Dynamiken innerhalb solidarischer Initiativen verändern, sobald es um die Finanzierung geht.“ Die Notwendigkeit, um Ressourcen zu konkurrieren, könnte wiederum zur Entsolidarisierung führen.

Solidarische Räume sind bedroht

Als Explorationsprojekt, so Ahlert, sei es das Ziel gewesen, transdiziplinäre Netzwerke aufzubauen, Spannungsverhältnisse zwischen Theorien und Praktiken der Solidarität sichtbar zu machen und weiterführende Fragestellungen zu entwickeln. Ein Schlaglicht auf die vielfältigen Aktivitäten der Forschungsgruppe war die von ihm kuratierte Ausstellung „Spaces of Solidarity“, die bis Mitte Januar 2024 im Deutschen Architekturzentrum zu sehen war. Die Ausstellung zeigte, welche solidarische Zukunft in Berlin möglich ist.

Heute zeugt die umfangreiche Webseite „transformingsolidarities.net“ von allen Aktivitäten, die die Forschungsgruppe auf den Weg brachte. Zudem ist eine Publikation in Planung, die die inter- und transdisziplinären Forschungsergebnisse dokumentiert und reflektiert. „Heute sind solidarische Räume besonders durch die Spekulation auf dem Immobilienmarkt akut bedroht“, resümiert Moritz Ahlert. „Sie werden immer weniger und sind ein Sinnbild der Stadtentwicklung der letzten 20 Jahre.“ Dabei sei es wichtig, die nicht profitorientierten offenen Räumen, wo sich verschiedene Initiativen andocken können, zu erhalten, um Transformationen in Richtung sozialer Nachhaltigkeit zu denken und um ein neues Verständnis für Gemeinschaft und einer gerechteren Raumproduktion zu entwickeln. 2024 endet das Projekt.


Dagmar Trüpschuch

© Monika Keiler

Die Ausstellung „Spaces of Solidarity“, die bis Mitte Januar 2024 im Deutschen Architekturzentrum zu sehen war, zeigte, welche solidarische Zukunft in Berlin möglich ist.