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Dichte-Stress und Dichte-Freude

Zusammen mit Prof. Dr. Klaus Gramann vom Fachgebiet Biopsychologie und Neuroergonomie der TU Berlin verantworten Sie im Konsortium des BUA-Forschungsprojekts „Exploring and Designing Urban Density – Neurourbanism as a Novel Approach in Global Mental Health“ den TU-Part. Sie erforschen, wie sich städtische Dichte auf die Psyche von Menschen auswirkt.

Was ist Ihre Aufgabe im Team?

Das Projektkonsortium setzt sich aus zwölf Wissenschaftler*innen der TU Berlin, der HU Berlin und der Charité – Universitätsmedizin Berlin zusammen. Klaus Gramann und ich haben die Projektleitung inne. In meinem Teilprojekt Arbeit ist Dr. Felix Bentlin. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen. Zurzeit koordiniert er die Umsetzung der temporären Installation am Institut für Stadt- und Regionalentwicklung. Dazu später mehr. Klaus Gramann und ich kommen aus unterschiedlichen Richtungen, verfolgen verschiedene methodische Ansätze und arbeiten an einem Ziel. Klaus Gramann kommt aus der Psychologie, ich aus der Stadtplanung und Stadtraumgestaltung. Mit unterschiedlichen Methoden untersuchen wir, wie Stadträume von Menschen wahrgenommen werden, welche Stressreaktionen sie zeigen, aber auch welche positiven Reaktionen. Momentan konzentrieren wir uns vor allen Dingen auf Mobilitätsräume, also vor allem Straßenräume, die von den Menschen durchschritten werden. In unseren Experimenten geht es zurzeit darum, die Wahrnehmung der Menschen einzufangen.

Es geht also um Stadtraumverdichtung und wie die Menschen darauf reagieren?

Ja, wir gehen momentan davon aus – und das ist Stand der Forschung –, dass es sowohl Dichte-Stress als auch Dichte-Freude gibt. Dichte kann auf der einen Seite bauliche Dichte sein, auf der anderen Seite aber auch Dichte an Ereignissen, Angeboten, an Menschen und an Verkehrsmitteln. Dichte kann dazu führen, dass Menschen sich manchmal wohlfühlen und manchmal unwohl. Diese Unterschiede wollen wir verstehen. Klaus Gramann untersucht zum Beispiel unterschiedlich gestaltete Straßenräume. Seine Fragen sind: Worauf reagieren die Menschen wie? Wie reagieren sie auf die Begrünung der Straße? Was ist ihr Fokus? Er misst Gehirnaktivitäten von Personen, die sich aktiv in ihrer natürlichen Umwelt bewegen. Ich arbeite mit qualitativen Interviews. Mein Team spricht mit den Menschen. Wir möchten wissen, wie sie den Raum wahrnehmen. Was finden sie gut oder schlecht an diesem Raum? Wie definieren sie ‚dicht‘? Wir wollen verstehen, was Menschen unter ‚dicht‘ verstehen und wo und wann diese Dichte positiv wahrgenommen wird und ab wann negativ.

Was sind die Gründe, warum Menschen Dichte unterschiedlich wahrnehmen?

Es hat viel mit der Biografie der Menschen zu tun, zum Beispiel damit, wie lange sie schon in Berlin leben, ob sie jung sind oder alt oder welchen kulturellen Hintergrund sie haben. Denn Menschen aus verschiedenen Kulturen haben möglicherweise unterschiedliche Erwartungen und Vorlieben, was die städtische Dichte angeht. Die einen legen mehr Wert auf gemeinschaftliche Wohnformen und gemeinsam genutzte öffentliche Räume, während anderen die Privatsphäre und der persönliche Raum wichtig ist. Wir gehen davon aus, dass Dichte nicht nur negativ konnotiert ist, sondern auch positiv. Und wir möchten verstehen, an welchen Orten das eindeutig ist und wie wir stadtgestalterisch vor allem positive Dichte beeinflussen können.

Was sind denn die negativen Auswirkungen von Verdichtung?

Hohe städtische Dichte kann mit einer höheren Lärmbelastung, Umweltverschmutzung und sozialen Stressfaktoren einhergehen, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken und zu Angst, Depression und eben auch Stress führen können. Das Leben unter beengten oder überfüllten Bedingungen kann auch mit einem höheren Maß an sozialer Isolation und Einsamkeit verbunden sein, was ebenfalls negative Folgen für die psychische Gesundheit haben kann.

Und die positiven Auswirkungen?

Ein hohes Maß an städtischer Dichte kann eben auch Möglichkeiten für soziale Interaktion und Unterstützung sowie einen besseren Zugang zu Annehmlichkeiten wie Parks, kulturellen Veranstaltungen und öffentlichen Verkehrsmitteln bieten. Für manche Menschen vermittelt das Leben in einer dichten städtischen Umgebung ein Gefühl der Gemeinschaft und der Verbundenheit, was sich wiederum positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt.

Das Projekt läuft seit Januar 2023. Wie gehen Sie vor?

Als Experimentierfeld haben wir uns den Raum vor dem Institut für Stadt- und Regionalentwicklung (ISR) am Ende der Hertzallee ausgesucht. Hier wurden bereits Student*innen, TU-Mitarbeiter*innen und Passant*innen befragt, wie sie den Raum wahrnehmen. Diese Befragung war Teil einer Lehrveranstaltung und wäre ohne die Hilfe der Studierenden nicht in dem Umfang möglich gewesen. Im zweiten Schritt werden wir erforschen, ob sich durch eine Veränderung des Raums, zum Beispiel durch eine Installation, die Wahrnehmung verändern kann. Dieses Projekt soll jetzt im Herbst starten. Dann werden wir wieder Befragungen durchführen.

Wie haben die Menschen den Raum vor dem Institut empfunden?

Ganz unterschiedlich. Je nach Alter und auch je nachdem, wie die persönlichen Erwartungen an den Raum sind. Ein Mitarbeiter nahm ihn zum Beispiel als Durchgangsraum wahr, weil er ihn jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit durchquert. Für ihn ist dieser Raum relativ unattraktiv. Für manche ISR-Student*innen, die im Sommer vor allen Dingen die temporären Bierbänke vor dem Institut nutzen, ist es durchaus ein netter, spannender Raum mit Aufenthaltsqualitäten. In den Gesprächen wurde jedoch deutlich, dass man diesen Straßenraum nicht von den Gebäuden rechts und links entkoppeln kann. Einige Studierende äußerten beispielsweise ein unangenehmes Gefühl, weil sie aus den Gebäuden beobachtet werden könnten. Bei anderen erzeugte die gleiche Situation eher ein Gefühl von Sicherheit. Das zeigt, wie komplex es ist, Räume so zu gestalten, dass ein Wohlbefinden für alle entsteht.

Welche Installation ist dort geplant?

Wir arbeiten mit einem Team von Architekt*innen und Künstler*innen vom Studio „Umschichten“ zusammen, die verschiedene Ideen von Studierenden in ein Objekt umsetzen werden. Die Ideen reichen von mobilen Sitzelementen über Straßenbelagsgestaltung bis hin zu Anbauten an die Fassade, die relativ schnell und einfach zu realisieren sind. Im heißen Sommer wurde auch überlegt, wie man Abkühlung schaffen kann, um den Raum attraktiver zu machen. Hier arbeiten wir auch mit dem Projekt „Climate Hood“ der TU Berlin zusammen.

Wie geht es weiter?

Wir haben im Dezember einen großen Workshop-Tag, an dem alle BUA-Partner*innen aus dem Projekt zusammenkommen und sich gegenseitig auf den neuesten Stand bringen. Wir führen das Projekt ja international durch und werten auch quantitativ Daten aus Nigeria, Australien, Chile und dem Libanon aus. Das ist tatsächlich das Spannende an dem Projekt, dass sich ganz unterschiedliche Disziplinen mit ganz unterschiedlichen Methoden mit demselben Forschungsgegenstand beschäftigen. Wir hoffen, dass wir durch das Verknüpfen dieser vielfältigen Informationen deutlich mehr Erkenntnisse generieren können. Ich gehe davon aus, dass nicht nur ich Erkenntnisse produziere, sondern dass ich genauso von den Erkenntnissen der anderen profitiere, die aus der Psychologie, der Medizin und der Philosophie kommen. Denn genau das zeichnet dieses BUA-Projekt aus – dass hier ganz gezielt unterschiedliche Forschungsperspektiven in einem Projekt zusammengeführt werden.


Weiterführender Informationen

Das Forschungsprojekt aus Sicht von Prof. Klaus Gramann vom Fachgebiet für Biopsychologie und Neuroergonomie.

 

Das Interview führte Dagmar Trüpschuch.

© Jule Würfel

Angela Million