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Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt nimmt die Arbeit auf

Medieninformation vom 29. Mai 2020

83 Forschungsprojekte in zehn Bundesländern: Nach eineinhalbjähriger Vorbereitungsphase startet am 1. Juni 2020 das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt seine Forschung. Die Einrichtung wird während der vierjährigen Hauptphase mit 40 Millionen Euro gefördert. Es wird mit bundesweit elf Standorten unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und wissenschaftliche Expertise bündeln. Die Themen reichen dabei von neuen sozialen Konflikten über das Auseinanderdriften von Stadt und Land bis hin zu Populismus und zunehmendem Antisemitismus. „Um zu verstehen, was uns als Gesellschaft zusammenhält, brauchen wir noch tiefere Erkenntnisse", sagte Bundesministerin Karliczek während der Konferenz. „Und wir brauchen konkrete Lösungsvorschläge, wie wir diesen Zusammenhalt stärken können."

Neben Bundesministerin Karliczek äußerten sich auch die Sprecher*innen der drei koordinierenden Standorte Bremen, Frankfurt und Leipzig. Die Frage danach, was Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist, sei in der Konzeptionsphase von vielen Seiten gestellt worden, berichtete der Leipziger Professor und geschäftsführende Sprecher des FGZ Matthias Middell. „Es ist nicht einfach, darauf eine Antwort zu geben", sagt er, denn der Begriff sei zu einem beliebten Begriff mit vielen Bedeutungsschattierungen avanciert und habe „ein hohes Potenzial für Kontroversen". Der Begriff sei eine Einladung, grundsätzliche Fragen gesellschaftlicher Entwicklung zu untersuchen und dabei die Instrumente aller Geistes- und Sozialwissenschaften einzusetzen.

Diesen Fragen sollen sich interdisziplinäre Teams in 83 Forschungsprojekten annähern, erläuterte Olaf Groh-Samberg, der zweite Sprecher von der Universität Bremen. Flankiert würden die Projekte durch zentrale Datenerhebungen zur gezielten Analyse des gesellschaftlichen Zusammenhalts. „Außerdem haben wir uns noch in der Vorbereitungsphase entschlossen, mithilfe des BMBF noch ein zusätzliches Forschungsprojekt zu entwickeln", erklärte er. Darin solle untersucht werden, welche nachhaltigen Auswirkungen die Corona-Krise auf globale, internationale und nationale Vernetzung habe sowie auf Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Nicole Deitelhoff, Professorin für Internationale Beziehungen an der Goethe-Universität und die dritte Sprecherin des Forschungsinstituts sagte dazu: „Die öffentliche Auseinandersetzung, eine lebhafte Debatten- und Streitkultur sind zentrale Elemente gesellschaftlichen Zusammenhalts, die gerade in Krisenzeiten, wie der jetzigen Corona-Pandemie, gefährdet sind. Wenn wir gegenwärtig über steigende Polarisierung und um sich greifende Verschwörungstheorien sprechen, dann sind das auch Reaktion auf tief empfundene Ungewissheiten und Unsicherheit. Welche Gruppen besonders zu Verunsicherung neigen bzw. besondere Schwierigkeiten haben, damit umzugehen, wie Verschwörungstheorien öffentliche Debatten zersetzen und welche Bewältigungsstrategien es dafür gibt, gehört zu den Forschungs- und Transferaufgaben des FGZ.“

Das interdisziplinär besetzte FGZ-Team des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin fragt in seinen Forschungsprojekten nach den Dynamiken von Ein- und Ausschluss, befasst sich aber auch mit pluralistischen Zusammenhaltskonzepten, die gerade von marginalisierten Gruppen formuliert wurden und werden. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus und Rassismus sowie die Perspektiven der Betroffenen.

Unter anderem sollen folgende Fragestellungen bearbeitet werden: Wie muss Integration gestaltet werden, um politisch-demokratische Aushandlungsprozesse auch im Spannungsfeld von kultureller Eigenheit und staatsbürgerlicher Gleichheit zu ermöglichen? Inwiefern tragen Erinnerung und die Anerkennung biographischer Erzählungen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt oder zu seiner Gefährdung bei? Wie lässt sich Antisemitismus in der postmigrantischen Gesellschaft untersuchen und bekämpfen? Wie wirkt sich die Geschichte des Rassismus in DDR und BRD auf die gegenwärtige Gesellschaft und ihren Zusammenhalt aus? Welche Effekte haben Religion und religiöse Konflikte auf gesellschaftlichen Zusammenhalt? Welche kritischen und edukativen Potenziale kann eine in jüdischen Erfahrungen, Bild- und Sprachtheorien wurzelnde philosophische Sicht auf die zunehmende Dominanz digitaler Bilder entwickeln?

Weitere Informationen

Ansprechpartner am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin

Dr. Felix Axster
E-Mail: Felix.axster(at)tu-berlin.de

Dr. Mathias Berek
E-Mail: Berek(at)tu-berlin.de