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Dunkel, kalt, typisch – eine besondere Berliner Eigenart

Medieninformation | 10. Juni 2020 | sn

Dunkelheit, Durchgang, Kälte, Gemütlichkeit, architektonische Missgeburt, einzigartig, Loch, multifunktional, typisch Berlin – alles das bekam Jan Herres zu hören, als er Berliner*innen danach fragte, welche Assoziationen sie mit dem sogenannten Berliner Zimmer verbinden. Die Befragung führte Jan Herres, der an der TU Berlin Architektur studiert hat, für seine Masterarbeit durch, in der er sich mit genau dieser Berliner Eigenart befasste. Diese Arbeit „Das Berliner Zimmer. Entwicklungsgeschichte, Szenografie und Nutzungsaneignung eines polyvalenten Raumgelenks“ ist vom Verein für die Geschichte Berlins e. V. mit dem Wissenschaftspreis 2019 ausgezeichnet worden.

In der großen Anzahl ist das Berliner Zimmer nur in der Hauptstadt zu finden

Gleich zu Beginn seiner Arbeit räumt Jan Herres mit einem sich hartnäckig behauptenden Mythos auf, das Berliner Zimmer sei eine Idee des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel (1781–1841). Das stimme nicht. „Das Berliner Zimmer entstand ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Folge einer anderen Bebauung. Die Häuser wurden nicht mehr mit der Giebelseite zur Straße ausgerichtet, sondern um 90 Grad gedreht und standen nun mit der Traufseite zur Straße. Und im Zuge des Wachsens und Verdichtens des städtischen Raums in jener Zeit schoben sich die im Hinterhof befindlichen Wirtschaftsgebäude förmlich auf das Vorderhaus zu. Ein Eckzimmer ‚vermählte‘ schließlich den Seitenflügel mit dem Vorderhaus“, sagt Jan Herres. Das sogenannte Berliner Zimmer war geboren. Und damit eine Besonderheit Berlins. Zwar wurden Miethäuser mit Berliner Zimmern auch in anderen Städten der preußischen Provinzen gebaut, aber in dieser Häufung ist es nur in Berlin zu finden.

Grundrissmusterbücher als Schablone für den Berliner Mietwohnungsbau

Dass das Eckzimmer zu einem die Stadt Berlin prägenden Raumtypus wurde, hat seine Ursache. Das fand Jan Herres in den sogenannten Grundrissmusterbüchern heraus. „Ohne sie“, so Herres, „ist die Präsenz des Berliner Zimmers in der Stadt nicht zu verstehen.“ Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie herausgegeben, und die dort zu findenden Grundrisse dienten fortan buchstäblich als Schablone für den Berliner Mietwohnungsbau. Dieser wurde seinerzeit nicht vorrangig durch Architekten gebaut, sondern von sogenannten Baumeistern mit Grundrissmusterbüchern in der Hand. „Das erklärt die massenhafte Verbreitung des Berliner Zimmers in Berlin wie in sonst keiner anderen Stadt“, weiß Jan Herres. Der Alumnus der TU Berlin ist heute in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen als Projektleiter und stellvertretender Referatsleiter in der Abteilung Hochbau tätig.

Ein Durchgangszimmer mit Fenster zum Hof und drei Türen

Das Berliner Zimmer ist dadurch charakterisiert, dass es immer dort ist, wo Vorderhaus und Seitenflügel oder Quergebäude und Seitenflügel zusammenstoßen. Es ist ein Durchgangszimmer, hat ein Fenster zum Hof und in der Regel drei Türen. Durch den Durchgangscharakter war das Berliner Zimmer einst die Schnittstelle zwischen der Welt der herrschaftlichen Familie im Vorderhaus und die der Bediensteten im Seitenflügel. „Deshalb war das Berliner Zimmer von Beginn an ein undefinierter und für vielerlei Nutzungen offener Raum und eben nicht vorbestimmt als Salon, Esszimmer, gute Stube, Bibliothek oder Herrenzimmer“, sagt Jan Herres.

Das Berliner Zimmer wird zunehmend als repräsentative Küche genutzt

Diese Unbestimmtheit hat sich bis heute erhalten. In seiner Masterarbeit von 2015 beschreibt er 31 Berliner Zimmer, die ihm in Charlottenburger, Schöneberger, Friedenauer, Moabiter, Friedrichshainer, Kreuzberger, Wilmersdorfer und Spandauer Wohnungen geöffnet wurden. Die Vielfalt der Nutzung ist frappant: So ist es unabhängig von Beruf und sozialer Zugehörigkeit mal Wohnzimmer, Esszimmer, Arbeitsraum, mal Bibliothek, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Gemeinschaftsraum und zunehmend repräsentative Küche. Letzteres allerdings wäre im 19. Jahrhundert undenkbar gewesen, da die Küche und der dazugehörige Essensgeruch möglichst weit in den Wirtschaftstrakt des Seitenflügels verbannt waren. 1925 endet die Geschichte des Berliner Zimmers abrupt. Die in jenem Jahr erlassene Bauordnung für die Stadt Berlin verbot fortan die Errichtung von Hintergebäuden. Das Berliner Zimmer hatte vorerst keine Zukunft mehr.

Das Berliner Zimmer – eine griechische Agora?

Erst ab den 1960er-Jahren rückt das eigentlich verpönte „dunkle Loch“ wieder in den Blick architekturtheoretischer Debatten. Ursache dafür ist, dass sich die Architekt*innen jener Zeit wieder zunehmend mit den sozialen Elementen in der Architektur beschäftigten. Dabei geriet das Berliner Zimmer, mit dem ihm innewohnenden sozialen Moment, besonders in den Fokus. Aufgrund seiner verbindenden Lage im Zentrum der Wohnung bildet es den Dreh- und Angelpunkt familiären Lebens und dient in Wohngemeinschaften den Bewohner*innen als Treffpunkt. Für Herres selbst beschreibt Agora, das griechische Wort für Marktplatz, am treffendsten das Soziale dieses Raumes. Agora – dort wo sich alle begegnen, sich austauschen, wo alle zusammenkommen.

Auch heute steckt im Berliner Zimmer ein besonderes Potenzial

Und heute? Jan Herres beobachtet, dass im hochpreisigen Wohnungsbausegment das Berliner Zimmer reüssiert. Die Berliner Grundrisse aus dem 19. Jahrhundert würden zunehmend kopiert und somit wieder Eckzimmer gebaut. „Vielleicht“, mutmaßt er, „weil dieses Klientel ein Stück Berliner Original haben möchte.“

Jan Herres sieht jedoch im Berliner Zimmer für den Wohnungsbau ein anderes Potenzial. Dadurch, dass es ein Freiraum ist, nicht auf eine bestimmte Nutzung festgelegt, sondern den Mieter*innen überlassen bleibt, wie sie diesen Raum gestalten, könnte diese Offenheit wieder Anregung sein für heutiges Bauen. „Ich wünschte mir“, so Herres, „dass Architekt*innen nicht mehr durch jede Steckdose vorgeben, wo der Fernseher zu stehen hat und das Schlafzimmer ist, sondern nutzungsoffen planen, sodass die Bewohner die Wohnung nach ihren Vorstellungen ‚zu Ende bauen‘ und in Besitz nehmen können.“

Kontakt

Jan Herres
TU Berlin
Doktorand | Fachgebiet Baugeschichte
E-Mail: jan.herres(at)campus.tu-berlin.de

Blick in ein Berliner Zimmer © Jan Herres