Technische Universität Berlin

Impulse für eine dynamische Gedenkkultur

In der „Erinnerungswerkstatt“ dreht sich alles darum, wie die*der Einzelne und die Gesellschaft mit Geschichte umgehen. Kolja Buchmeier und Sjoma Liederwald, studentische Mitarbeiter und Co-Leiter der „Erinnerungswerkstatt – Die Zukunft der Gedenkkultur gestalten“ an der TU Berlin, setzen sich dafür ein, dass die Gedenkkultur mit den gesellschaftlichen Entwicklungen mitwächst. Sie wollen der Erinnerung mehr Raum geben und zeitgemäße Impulse für den Austausch mit der Gesellschaft setzen.

Gab es einen konkreten Anlass für die Erinnerungswerkstatt?

Sjoma Liederwald: Seit 2017 sind wir beide tätig in den Bereichen Gedenkstättenarbeit, NS-Geschichte und -Forschung. Angefangen haben wir bei der Gedenkstätte Sachsenhausen, wo wir zum Beispiel Führungen durchgeführt haben. Wir haben gemerkt, dass unser Know-how bei Mitstudent*innen nachgefragt ist. Wir organisierten dazu einen Workshop in der Gedenkstätte Sachsenhausen, der gut angekommen ist. Daraus ist die Idee geboren, eine Projektwerkstatt zu gründen. Das Lehrangebot zur Pädagogik in der Gedenkstättenarbeit ist nicht sehr umfangreich. Wir konnten also eine Lücke schließen.

Die Werkstatt heißt Erinnerungswerkstatt. Gestaltet wird aber die Gedenkkultur. Machen Sie zwischen Erinnern und Gedenken einen Unterschied?

Kolja Buchmeier: Erinnern kann jeder für sich, das leistet das Gehirn. Gedenken ist etwas Kollektives. Das muss von einer Gesellschaft ausgehen und ist ein Versuch, aus verschiedenen Perspektiven etwas Gemeinsames zu gestalten.

Sjoma Liederwald: Der Fokus unserer Projektwerkstatt liegt auf dem Gedenken. Die Werkstatt ist sehr praxisorientiert. Es geht darum, sich Methoden der Gedenkstättenpädagogik anzueignen. Uns ist es wichtig, sich mit Erfahrungswissen auseinander zu setzen. Basis sind für uns die drei Prinzipien des „Beutelsbacher Konsens“, der an der Schnittstelle von Theorie und Praxis entstanden ist.

(Anmerkung der Redaktion: Der Beutelsbacher Konsens ist 1976 bei der Tagung der Landeszentrale für politische Bildung im schwäbischen Beutelsbach entwickelt worden. Er gilt seither als theoretische Grundlage für politische Bildung. Die Prinzipien sind Überwältigungsverbot, das heißt Schüler*innen sollen sich ein selbständiges Urteil bilden können, Spiegelung der kontroversen Positionen in Wissenschaft und Politik auch im Unterricht und die Befähigung der Schüler*innen, politische Situationen und ihre eigenen Interessen zu analysieren.)

Was passiert in der Erinnerungswerkstatt?

Kolja Buchmeier: Wir beschäftigen uns am Beispiel verschiedener Gedenkstätten mit der pädagogischen Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus. Die Teilnehmer*innen lernen zunächst die Methoden und Inhalte historisch-politischer Bildungsarbeit kennen, beschäftigen sich mit der Geschichte der Erinnerungskultur in Deutschland und deren aktuellen Herausforderungen. Dazu waren auch Exkursionen zu Gedenkorten geplant, die wir auf Grund der Pandemie bisher nur online durchführen konnten.

Im Hauptteil der Projektwerkstatt entwickeln die Teilnehmer*innen eigene erinnerungspolitische und geschichtspädagogische Projekte. So haben zwei Student*innen vergangenes Semester zum Beispiel entdeckt, dass einige ehemalige Professoren der TU Berlin an der Organisation der Deportationszüge des Naziregimes beteiligt waren. Sie haben die Akten dazu gesichtet, Kontakt zur Deutschen Bahn aufgenommen und eine Website entwickelt, auf der sie die Verstrickungen dokumentieren (Anmerkung der Redaktion: s. Artikel „Sonderzüge in den Tod“).

Welche Impulse setzen Sie? Können Sie das an einem konkreten Projekt veranschaulichen?

Kolja Buchmeier: Die Kursteilnehmer*innen sind gleichzeitig Multiplikator*innen. Viele von ihnen werden später in Gedenkstätten arbeiten oder in anderen Bereichen zu historischer Bildung. Die Impulse werden weiterwirken. Zum Beispiel nutzt eine Projektgruppe das Olympiagelände in Berlin als authentischen Lernort. Die Teilnehmer*innen wollen an dem realen Ort das tatsächliche Geschehen unter den Themen „NS-Architektur“, „Sport im Nationalsozialismus“ und „Ort des Schreckens“ kritisch kommentieren. Sie recherchieren die Fakten und fassen die Ergebnisse in einem Flyer zusammen, der an Besucher*innen der Sportveranstaltungen und für Tourist*innen ausgeteilt werden kann. Auf dem Gelände befindet sich eine Schule, mit der ein pädagogisches Programm konzipiert werden soll, das bei den Schüler*innen Interesse weckt, sich mit der Umgebung und ihrer unbequemen Geschichte auseinanderzusetzen. Außerdem will sich die Projektgruppe um die Umsetzung inklusive der erforderlichen Materialien kümmern. Es ist zum Beispiel vorstellbar, eine App für eine interaktive Geländebegehung zu entwickeln.

Die Teilnehmer*innen wollen die Schrecken der NS-Zeit benennen und offen fragen, wie damit umgegangen werden soll. Sie beleuchten die ästhetischen und emotionalen Komponenten von NS-Architektur und untersuchen, ob von der NS-Ästhetik eine Verführungskraft ausgeht, ob man sie zum Beispiel „schön“ finden darf. Sie gehen auf den NS-Körperkult ein, den es übrigens auch in der Antike gab, und auf die Instrumentalisierung von Sport, wie Leni Riefenstahl es in ihrem Film zur Olympiade 1936 inszeniert. Sie rufen in Erinnerung, dass die Murellenschlucht in der Nähe der Waldbühne von 1944 bis 1945 als Wehrmachtshinrichtungsstätte diente.

Sjoma Liederwald: Im Sommersemester 2020 ist ein Leitfaden für Ausstellungskurator*innen entstanden zu einem ethischen und einfühlsamen Umgang bei der Darstellung von Menschen, die im Nationalsozialismus nicht geschlechterkonform gelebt haben. Heute würde man sie wohl unter „Trans“ und „Inter“ zusammenfassen. Damals gab es andere Begriffe, aber die Gefühlswelten waren wahrscheinlich sehr ähnlich. Die Broschüre dazu haben wir in der Gedenkstätte Sachsenhausen vorgestellt. Auf einem Workshop im Rahmen des Projekts „Young Interventions“ soll überlegt werden, wie diese Richtlinien in Sachsenhausen angewendet werden können.

Ausstellungen zu queerer NS-Geschichte sind häufig nicht sehr quellenkritisch und zielen teilweise auf Skandalisierung. Manchmal fehlen schlichtweg Vorkenntnisse über Queer History. Wir empfehlen, die Geschlechterkonzepte der NS-Ideologie kritisch zu hinterfragen. Dazu müssen die Quellen und ideologisch gefärbte Denkweisen differenziert analysiert und in den Kontext eingeordnet werden. Eigene Vorstellungen über queere Identitäten müssen dabei in den Hintergrund treten und sollten nicht auf die Historie projiziert werden. Für eine objektive Darstellung ist es wichtig, sich über die eigenen erlernten Vorstellungen über Geschlecht und Sexualität bewusst zu sein, damit diese nicht untergründig mitschwingen. Um die NS-Ideologie zu dekonstruieren ist es wichtig, die Begriffsgeschichte und Formen des Widerstands zu kennen und queere Menschen in andere, ebenfalls vom Nationalsozialismus verfolgte Gruppen richtig einordnen zu können.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Gedenkkultur?

Kolja Buchmeier: Die Erinnerungskultur muss bei der Digitalisierung der Gesellschaft mitgehen. Es wächst eine Generation heran, die Medien anders nutzt. Wir müssen überlegen, wie wir mit Twitter, Instagram und vielleicht sogar Virtual Reality arbeiten können, welche Methoden und mediengerechte Herangehensweisen wir brauchen. Dazu müssen diejenigen, die mit diesen Medien vertraut sind, eingebunden werden. Wir können die bestehenden Museums- und Ausstellungskonzepte nicht einfach eins zu eins in digitale Formate übertragen. Das Digitalsemester hat uns gewissermaßen gezwungen, uns damit auseinanderzusetzen. Außerdem gibt es auf politischer Ebene Widertöne von der AfD, ob es überhaupt eine Erinnerungskultur braucht und Gedenkstätten eine Berechtigung haben. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass es einen humanistischen Konsens dafür gibt.

Sjoma Liederwald: Eine weitere Herausforderung ist die Professionalisierung. Einige kleinere Gedenkorte sind aus Bürgerinitiativen initiiert. Aber die Gedenkstättenlandschaft dehnt sich immer weiter aus. In Berlin werden zum Beispiel mit dem Museum des Exils und der Gedenkstätte des Vernichtungskriegs in Osteuropa zwei große Institutionen geplant. Es entsteht ein neuer Anspruch an Gedenkstättenarbeit. Die Anforderungen an das pädagogische und wissenschaftliche Know-how wachsen. Die Institutionen, die das kompetente Personal ausbilden sollen, reagieren allerdings sehr langsam darauf. Wir haben uns unser Wissen in den Gedenkstätten, also in der Praxis, angeeignet, nicht im Studium. Die verstärkte Institutionalisierung ist aus ehrenamtlicher Basisarbeit gewachsen, die mittlerweile häufiger bezahlt wird, aber eher prekär, mit mehrheitlich befristeten Stellen blieb. Es ist eine Frage des politischen Willens, die Arbeitsbedingungen im Gedenkstätten- und musealen Bereich zu verbessern. Die teilweise durchaus vorhandenen Finanzierungsmöglichkeiten ließen sich dafür nutzen, mit sozialverträglicheren Arbeitsbedingungen eine stetige Professionalisierung zu unterstützen.

Sollte Gedenken auch mit dem aktuellen Geschehen in Verbindung gebracht werden?

Sjoma Liederwald: Die Gedenkstätten als Institution haben sich dagegen gewehrt, dass eine Führung durch eine Konzentrationslagergedenkstätte eine ordentliche politische Aufklärung über aktuelle Zustände ersetzen kann. Sie sind auch nicht der richtige Ort dafür. Vergangene Verbrechen und das Leid der Opfer im Nationalsozialismus würden gewissermaßen relativiert werden.

Kolja Buchmeier: Aber wenn Besucher*innen das, was sie an Gedenkorten erfahren, nicht mit ihrem Leben in Bezug setzen können, werden die Ereignisse historisiert. Das birgt die Gefahr, dass es den Leuten heute nichts mehr sagt. Es ist schon sinnvoll darüber nachzudenken, was uns das, was wir über die Vergangenheit lernen, zum Beispiel über die heutige Verantwortung von Wissenschaft sagt.

 

Das Gespräch führte Christina Camier.

Kontakt

Kolja Buchmeier

Studentischer Mitarbeiter

buchmeier@tu-berlin.de

Einrichtung Zentrum für Antisemitismusforschung

Sjoma Liederwald

Studentischer Mitarbeiter

s.liederwald@posteo.de

Einrichtung Zentrum für Antisemitismusforschung