Technische Universität Berlin
ENUnfortunately the webpage is not available in the language you have selected.

Das Denk- und Aktionslabor StadtLand

„Land ist da, wo Stadt nicht ist.“ – diese Definition des ländlichen und klein- bis mittelstädtischen Raums sagte Mona Beyer und Lara Danyel zu wenig aus. Die Studentinnen der Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin machten sich auf in die brandenburgische Stadt Luckenwalde, um von den Einwohner*innen selbst zu erfahren, vor welchen Herausforderungen und Chancen eine Stadt der „zweiten Reihe“ in der wachsenden Metropolregion Berlin-Brandenburg heute steht. Was gefällt ihnen an der Kreisstadt? Was vermissen sie? Braucht Luckenwalde einen Club für Jugendliche? Was passiert mit leerstehenden Gebäuden? Aber auch: Was können Metropolen wie Berlin von Klein- und Mittelstädten lernen? Mona Beyer und Lara Danyel gründeten im Sommersemester 2019 das „Denk- und Aktionslabor StadtLand“ und siedelten die studentische Projektwerkstatt in Luckenwalde an. Sie wollten zeigen, dass es für die Erforschung der ländlichen und klein- bis mittelstädtischen Räume wichtig ist, die Perspektive vor Ort zu verstehen.

Wie definieren Sie Stadt, und was macht für Sie das Ländliche aus?

Mona Beyer: An den Universitäten sprechen wir oft vereinfachend von Stadt und Land. Doch diese binäre Vorstellung wird Städten wie Luckenwalde nicht gerecht. Es gibt viele Räume dazwischen. Das wollen wir mit unserem Projekt zeigen. In der Umgebung der Metropolregion finden sich unterschiedliche Klein- und Mittelstädte, die sich nicht verallgemeinern lassen.

Welche Unterschiede gibt es?

Es gibt zum Beispiel Städte der sogenannten zweiten Reihe, die über die alten Eisenbahnverbindungen nach Berlin angebunden sind, aber außerhalb des städtischen Speckgürtels liegen. Gerade für diese Städte interessieren wir uns, da sie auch Antworten auf das Wachstum Berlins liefern können: Zum Beispiel gibt es in Berlin für die Kunst- und Kulturszene kaum noch freie Flächen, in Luckenwalde schon. Für Pendler*innen ist es die schnelle Bahnanbindung nach Berlin, die besonders attraktiv ist. Die Zugfahrt Berlin-Luckenwalde dauert nur 33 Minuten! Außerdem bietet die Stadt für junge Familien das, wovon sich Berlin mehr und mehr entfernt: Mieten, die man sich noch leisten kann. Seit 2016 verzeichnet Luckenwalde erstmals nach der Wende wieder einen leichten Bevölkerungszuwachs.

Wie kamen Sie darauf, das Labor in Luckenwalde anzusiedeln?

Wir wollten nicht mit der Berliner Brille auf die Klein- und Mittelstädte blicken, sondern vor Ort arbeiten und lernen. Die Stadtverwaltung hat uns mit offenen Armen empfangen. Die Verwaltungsangestellten, der Alhambra Musik- und Kulturverein, die Künstler*innen von Kunststrom des E-Werks Luckenwalde, die Technische Hochschule Wildau, die dort einen Makerspace hat, haben uns dabei geholfen, uns zu vernetzen und anzukommen. Zwei Semester lang, während des Sommersemesters 2019 und dem Wintersemester 2019/20 lief das gut, wir sind jeden zweiten Samstag mit den Teilnehmer*innen der Projektwerkstatt nach Luckenwalde gefahren. Durch die Corona-Pandemie mussten auch wir auf ein digitales Lehrformat umstellen.

Warum haben Sie gerade Luckenwalde ausgesucht?

Es bestand ein persönlicher Kontakt, an den wir anknüpfen konnten. Ende 2018 lernte Lara Danyel, Co-Tutorin beim Denk- und Aktionslabor, auf einer Leerstandskonferenz einen Künstler aus Luckenwalde kennen, der uns Räumlichkeiten für die Durchführung des ersten Semesters zur Verfügung stellte und spannende inhaltliche Impulse setzte.

 

Auf welche Themen sind Sie gestoßen?

Angefangen haben wir mit einer Bestandsaufnahme. Ausgehend von einem Stadtspaziergang und Gesprächen mit der Stadtverwaltung und lokalen Akteuren sowie Fachexpert*innen, haben wir drei relevante Themen ausfindig gemacht: Leerstand, Jugendkultur und öffentlicher Raum – alles Themen, die auch im öffentlichen Diskurs vor Ort eine große Rolle gespielt haben. Um ein Mapping über die Nutzungen des öffentlichen Raums zu erstellen, haben Student*innen an markanten Plätzen beobachtet und aufgezeichnet, wie die Leute sich dort bewegen.

Um Leerstand sichtbar zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen, hat eine andere Gruppe vor leerstehenden Gebäuden einen roten Teppich ausgelegt und Passant*innen zu Assoziationen und Wünschen befragt. Und in der Diskussion mit Jugendlichen haben wir festgestellt, dass es in einer sehr politischen Debatte um eine Disko vor Ort vielleicht eher darum geht, dass es jungen Menschen generell an eigenem Raum zum „Austoben“ fehlt. Am Ende des Semesters haben wir unsere Ergebnisse bei einer Öffentlichkeitsveranstaltung in der Stadtmitte präsentiert und Leute an verschiedenen Stationen dazu eingeladen, mit uns darüber ins Gespräch zu kommen.

Und im zweiten Semester?

Da haben wir uns mit alten und neuen Formen des Arbeitens befasst. Luckenwalde als historischer Industriestandort verzeichnet viele Traditionsbetriebe. Es gibt aber auch viel Potenzial für die digitale Kreativwirtschaft und viele Kreative, die in Berlin nicht mehr den nötigen Raum finden und in die Peripherie ausweichen. Prinzipiell ist die Stadt an Zuwachs interessiert – doch es stellt sich die Frage, welche Art von Zuwachs ihr zu einem stabilen moderaten Bevölkerungsanstieg verhilft, ohne die lokale Infrastruktur zu überlasten. Entgegen vieler Prognosen und dem stereotypen Bild ostdeutscher Klein- und Mittelstädte verzeichnet Luckenwalde nämlich schon seit einigen Jahren einen Bevölkerungsanstieg und steht so an einem interessanten Wendepunkt.

Im dritten Semester haben wir eine Mobilitätsstudie in Luckenwalde und Jüterbog gemacht.

Warum haben Sie das Verkehrsverhalten in Jüterbog und Luckenwalde untersucht?

Der Wirtschaftsförderer der Stadt Jüterbog ist auf uns aufmerksam geworden und hat uns gefragt, ob wir diese Mobilitätsstudie machen möchten. Im Mittelpunkt stand das bekannte Problem der letzten Meile: Wie kommen die Bahnfahrer*innen zum Bahnhof? Im Sommersemester 2020 haben wir in diesem Rahmen eine Online-Befragung zum Pendler*innenverhalten und ÖPNV in Luckenwalde und Jüterbog mit rund 200 Personen durchgeführt. Teilnehmen konnten die Bewohner*innen beider Städte sowie der Gemeinden Nuthe-Urstromthal, Baruth/Mark, Dahme/Mark und Niedergörsdorf. Der daraus entstandene Bericht soll den Kommunen Anstöße für die weitere Entwicklung vor Ort geben.

Welche Spuren hinterlassen Sie von Ihrer Zeit in Luckenwalde?

Wir hoffen natürlich, für die Gemeinden Impulse gesetzt zu haben. Die Mobilitätsbefragung ist zwar keine repräsentative Online-Studie, aber sie hat aufgezeigt, wo die Gemeinden in Zukunft genauer hinschauen müssen. Wir haben außerdem die Student*innen für die Metropolregion Berlin-Brandenburg sensibilisiert und sie motiviert, selbstbestimmt und interdisziplinär gemeinsam mit Student*innen der Freien Universität, Humboldt-Universität, Fachhochschule Potsdam und TU Berlin zu arbeiten.

Was hat Sie bislang persönlich am meisten überrascht?

Wir haben uns gefreut, dass wir von den Kommunen auf Augenhöhe wahrgenommen wurden. In Luckenwalde sieht man schon am Stadtbild, wie viel eine engagierte Verwaltung bewirken kann. Wir hatten das Gefühl, wir könnten endlos weitermachen. Ich bin unveränderlich eine Großstadtpflanze, aber ich freue mich, immer wieder hinzufahren.

 

Das Gespräch führte Christina Camier.

Kontakt

Mona Beyer

Denk- und Aktionslabor Stadt|Land

aktionslabor.stadtland@gmail.com

Einrichtung Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie