Technische Universität Berlin

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” – und auch viel Aufwand!

Prof. Dr. Juri Rappsilber, Einstein-Professor für Bioanalytik, sieht durch die Digitalisierung Chancen für experimentelle Lehrformate

Im Sommersemester 2020 mussten die deutschen Hochschulen spontan von Präsenz- auf digitale Lehre umstellen. Was ist gut, was ist schlecht gelaufen?  

Mit meinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Christian Forbrig und unseren Tutor*innen haben wir uns im März 2020 sehr früh auf ein digitales Semester eingerichtet. Das hat geholfen, uns von vornherein auf eine Neuausrichtung einzustellen, statt hoffend und bangend abzuwarten. Wir standen auch schon eine Weile im Dialog mit der Zentraleinrichtung Wissenschaftliche Weiterbildung und Kooperation (ZEWK) und hatten gemeinsam über Digitalisierungskonzepte nachgedacht. Die Umsetzung hatten wir aber wegen anderer laufender Aufgaben vor uns hergeschoben. Zum Beginn des digitalen Semesters haben wir dann die verschiedenen Aspekte unserer Lehre im Team verteilt und unser Bestes gegeben, um wirklich 100 Prozent des Möglichen zu erreichen.

Technisch ist allerdings viel schiefgegangen. Der Zeitaufwand war immens – das hatten wir nicht bedacht. Auch bei den anderen Themen, Forschung und Verwaltung, gab es viel Extrabedarf wegen gestörter Routinen. Bei mir kam noch Homeschooling von drei Kindern im Grundschulalter und geschlossene Kitas bei zwei meiner Mitarbeiter*innen hinzu. Am Ende des Sommersemesters war ich kurz vor dem Burnout und es war klar, dass wir das Wintersemester organisatorisch anders angehen mussten. 

Wie haben Sie das digitale Wintersemester gestaltet? 

Wir haben das Information System for Instructors and Students (ISIS), das ist das eLearning-System der TU Berlin, als zentrale Informationsplattform eingesetzt. Den Ablauf des Semesters haben wir gleich am Anfang fixiert und den Studierenden wöchentliche Lern-Pakete geschnürt. Gemeinsam mit den Tutor*innen haben wir mit viel Einsatz auch das Praktikum digitalisiert. Von dem Ergebnis war ich sehr beeindruckt, weil man wirklich alle noch so kleinen Schritte des Experimentes sehr gut sehen konnte und alle Details angesprochen werden konnten. Das steht im starken Kontrast zu den Praktika in meiner Anfangszeit, bei denen mindestens die Hälfte der Studierenden nur den Rücken ihrer Mitstudierenden gesehen hat. 

Haben Sie innovative Formate ausprobiert? Wenn ja, wie haben Sie diese erstellt?  

Im Sommersemester hatte ich meine große Grundvorlesung in etwa 15-minütige Segmente zerlegt, aufgenommen und geschnitten. Ich hatte aktivierende Elemente eingebaut und auch noch Text um die Clips herum geschrieben, mit weiterführenden Links. Das war sehr viel Arbeit, etwa zwei Tage pro Woche. Es hatte mir überhaupt keinen Spaß gemacht, alleine im Keller zu sitzen und wenig bis gar kein Feedback von den Studierenden zurückzubekommen. 

Eigentlich wollte ich im Wintersemester daher meine Tonmitschnitte aus dem vergangenen Jahr hochladen und mich von dieser Tour-de-force erholen. Meine Tutor*innen waren dann aber so enthusiastisch, dass ich mich doch wieder hinsetze. Aber diesmal mache ich es gemeinsam mit Studierenden, und die Tutor*innen schneiden mit. Wie bei der Präsenzlehre habe ich also nun meinen festen wöchentlichen Termin und freue mich auf die Studierenden, die so nett sind, ihre Kamera einzuschalten und mitzuarbeiten. Das Ganze bekommt auf diese Weise eine andere Energie. Im Gegensatz zu den Aufzeichnungen aus dem Sommer generieren wir jetzt Mitschnitte, die auch ohne Corona-Notstand nutzbar sein werden. Die Vorlesung wird flankiert durch einen Wochenplan aus Online-Quiz, Fragenforum der Studierenden, Aufgabenbogen und Seminar. Wir bieten den Studierenden so die Möglichkeit, sich semesterbegleitend selbst in Bewegung zu bringen und den Stoff aktiv anzueignen.  

Im Master haben wir einen 5-wöchigen Blockkurs mit Zoom durchgeführt. Sehr gut angekommen sind das Engagement unserer Assistent*innen, die Einteilung in Teams mit Breakout-Rooms, unsere Kommunikation über den Messaging-Dienst Slack sowie die externen Expert*innen, denen wir das Erlernte regelmäßig präsentierten und mit denen wir intensiv diskutierten.  

Wie sind Sie auf die Formate und digital geeignete Inhalte gekommen?  

Wir haben uns im Team hingesetzt und überlegt, was wie klappen könnte. Dabei probieren wir auch mal etwas aus. Wir greifen dann Rückmeldungen unserer Studierenden auf, wie wir das Angebot weiter verbessern können. Die Studierenden sehen zudem auch so einiges in anderen Veranstaltungen und merken, was bei ihnen funktioniert.

Wie hoch war der Aufwand – verglichen mit der Präsenzlehre?  

Im zweiten digitalen Semester können wir auf eine etablierte Infrastruktur, Erfahrungen und Expertise zurückgreifen. Wir orientieren uns auch stärker an digitalen Präsenzformaten, die für asynchrones, also zeitlich versetztes, Lernen mitgeschnitten werden. Damit ist der Zeitaufwand verträglich geworden.

Wie sieht es mit Online-Prüfungen aus?  

In unseren Masterkursen wird hauptsächlich aktive Beteiligung benotet, zum Beispiel Recherchearbeiten, Vorträge und aktive Beteiligung durch Rückfragen und Feedback an die Vortragenden. Dies geschieht jetzt genauso wie zuvor, nur eben online. Bei den Grundvorlesungen im Bachelor haben wir bereits vor einiger Zeit auf elektronische Prüfungen umgestellt. Der Schritt zur Online-Prüfung scheint kurz. Wir sind dran und freuen uns auf die zu entwickelnden Formate.  

 

Welche Vorteile sehen Sie für sich und die Studierenden?  

Ich höre von den Studierenden, dass sie asynchrones Lernen sehr schätzen. Außerdem können die Inhalte mehrmals wiederholt werden. Wir experimentieren auch viel mit verschiedenen Lehr- und Lernformaten, um Studierende mehr zu aktivieren. Dazu suchen wir ihr Feedback und passen die Formate entsprechend bereits im laufenden Semester an. Auch das involviert die Studierenden. Wir hoffen, dass aus diesem Einfluss zusätzliches Interesse an unserem Fach entspringt. 

Und welche Nachteile gibt es?  

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” – und auch viel Aufwand, lieber Herr Hesse. Hinsichtlich technischer Durchführung aber auch bei der Aktivierung der Studierenden sind wir dabei, neue Routinen zu entwickeln. Mit den Erfahrungen aus dem Sommer gelingt uns in diesem Wintersemester alles schon viel besser. Wir arbeiten darauf hin, unserem eigenen Anspruch an die Lehre sowohl digital wie in Präsenz gerecht zu werden. Ich bin dabei optimistisch, dass es mit digitalen Elementen auf längere Sicht bessere Lehre geben wird.  

Geht bei digitalen Veranstaltungen auch etwas verloren? 

Mir fehlt es, den Studierenden in die Augen schauen zu können. Das Leuchten dort empfand ich immer als ungeheuer motivierend. Fragezeichen oder leere Blicke sind dagegen klares Zeichen, bei den Erklärungen nachzulegen. Das asynchrone Feedback über Foren oder Lehrevaluation ersetzt dies nicht. Ich hoffe, mit Fragestunden kommt dieser Spaß zurück. 

Was werden Sie in die neue Zeit mitnehmen? 

Wir haben schon immer mit Lehr- und Lernformaten experimentiert und werden dies auch weiterhin tun. Die Vorlesung wird wohl digital bleiben. Die dort in Zukunft eingesparte Zeit werde ich in interaktivere Formate investieren, auf deren Erprobung ich mich schon freue. Ich finde es auch spannend, in der Krise die Stärken unseres Teams zu sehen. Darauf lässt sich auch in Zukunft bauen. 

Das Gespräch führte Christina Camier.