Technische Universität Berlin

Digitale Lehre darf Spaß machen – den Lehrenden und den Lernenden!

Ein Interview mit Dr.-Ing. Alexandra Schulz von der Zentraleinrichtung Wissenschaftliche Weiterbildung und Kooperation darüber, wie alles anfing und wohin die weitere Entwicklung

Die Zentraleinrichtung Wissenschaftliche Weiterbildung und Kooperation (ZEWK) der TU Berlin bietet überfachliche Kurse zur wissenschaftlichen Weiterbildung in Deutsch und Englisch an, berät und initiiert interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Arbeitsgebieten der TU Berlin und externen Akteur*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft. Zu den Angeboten gehören das Berliner Modell für Ausbildung und nachberufliche Aktivitäten (BANA), die Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt ebenso wie der Wissenschaftsladen kubus (Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen).

Zu Beginn des Sommersemesters im April 2020 brachte das Team Online-Lehre der ZEWK die Digitalisierung der Lehre an der Technischen Universität Berlin mit Technik und Know-how zum Laufen. Dr.-Ing. Alexandra Schulz von der Zentraleinrichtung berichtet, wie alles anfing und wohin die weitere Entwicklung geht. 

Im Sommersemester 2020 haben die deutschen Hochschulen recht spontan auf digitalen Lehrbetrieb umschalten müssen. Wie gut war die TU Berlin darauf vorbereitet?  

Das Digitalsemester traf uns unvorbereitet. Aber unsere Zentraleinrichtung hat beim ersten Lockdown schnell reagiert. Wir haben rasch und unkompliziert Technik für digitale Lehrveranstaltungen von zuhause aus angeboten. Wir fuhren teilweise quer durch die ganze Stadt, um Tablets und Mikrofone einzukaufen und um sie dann an der Technischen Universität Berlin vor Ort an die Dozent*innen zu verteilen. Wir reden hier von einer Geräteanzahl im dreistelligen Bereich. Ein Ticket-System für Fragen rund um die digitale Lehre wurde eingerichtet. Wir waren gefühlt wochenlang 24 Stunden im Einsatz. Bürokratische Hürden wurden flexibel abgebaut. Die Rahmenbedingungen wurden natürlich eingehalten, aber so weit wie möglich vereinfacht. Das technische Equipment gaben wir direkt in den Räumen der ZEWK aus – jetzt wissen viele, wo wir sitzen. Sie kennen den Weg zu uns, so dass nun alle leichter auf uns zukommen und unsere Unterstützung weiterhin nutzen. 

Wie macht die ZEWK die Dozent*innen fit für die digitale Lehre?  

Mit der technischen Ausstattung allein ist es nicht getan. Wir haben Weiterbildungen für die unterschiedlichen Tools angeboten, die es plötzlich gab und von denen viele gar nicht wussten, wie die funktionieren. Wie geht Zoom oder Webex? Wie gelingen Webkonferenzen? Dabei reicht es natürlich nicht, nur die Technik zum Laufen zu bringen. Wir haben die Erklärungen zur technischen Funktion gleich mit didaktischen Tipps verbunden.  

Helfen die Erfahrungen aus dem ersten Digitalsemester bei der Gestaltung des Wintersemesters 2020/21? 

Es fällt auf, dass alle sicherer geworden sind. Deutlich ist der Wunsch, dass es mehr Kommunikationsmöglichkeiten mit den Studierenden gibt. Im Sommersemester war es bei den Videokonferenzen für viele Lehrende so, als ob sie in ein schwarzes Loch reingesprochen haben. Viele Studierende hatten ihre Kameras nicht an. Alle mussten sich erst einmal zurechtfinden. Im Wintersemester haben viele Lehrende ihre Lehrvideos für das Selbststudium gleich mit Kommentarfunktion online gestellt. Sobald Studierende etwas nicht verstehen oder eine Nachfrage haben, können sie das in den Kommentar schreiben. Die Lehrenden antworten dann direkt darauf. Mit kleinen Mitteln entstanden Kontaktstellen. Außerdem gibt es die Chat-Plattform „Matrix“ für einen geschützten Austausch auf einer loseren Spur. Wie das ankommt, muss ausprobiert werden, das kann man nicht komplett planen. 

Der Umgang mit Webkonferenzen ist für viele ein Stück weit zur Normalität geworden. Vor dem Lockdown hat man sich mit zeitlichem Vorlauf in Webkonferenzen eingewählt, falls technisch etwas schiefläuft, zum Beispiel das Headset oder das Mikrofon nicht funktionieren. Heute erscheinen alle unbefangener einfach zum vorgegebenen Zeitpunkt, weil sie mehr Vertrauen haben, dass technisch schon alles klappen wird.

Gibt es etwas, das Sie bei der Digitalisierung besonders überrascht hat? 

Wir haben früh gesagt, dass es toll wäre, wenn die Lehrenden sich auf der Lernplattform „Information System for Instructors and Students“ der TU Berlin, ISIS abgekürzt, mit einem Begrüßungsvideo vorstellen könnten. Einfach um zu zeigen: „Ich, hier auf der anderen Seite des Videos, bin auch ein Mensch.“ Ich war wirklich überrascht, wie viele dabei mitgemacht haben und tatsächlich so ein persönliches Video von sich selbst bei ISIS eingestellt haben. Das war ein beeindruckendes Zeichen. Auch technisch weniger affine Lehrende bauten Hemmschwellen ab, überwanden sich und filmten sich einfach selbst – zum Beispiel vor der Forsythie im eigenen Garten. Für viele Studierende macht das die Lehrenden nahbarer. 

Die ersten Schwierigkeiten sind überwunden – wie geht es weiter? 

Das Sommersemester war eine Orientierungsphase. Die Fragen, die es jetzt gibt, gab es auch schon im ersten digitalen Semester; sie waren dort aber verdeckt von vorrangigeren Problemen. Viele technische Schwierigkeiten überlagerten didaktische Fragen: Wie funktioniert das alles? Wie kommen die Studierenden an den Zoomlink? Wir hatten anfangs Probleme, große Videos abzulegen, denn der Upload betrug maximal 20 Megabyte. Damit komme ich nicht weit. Aber es bestand eine Aufbruchsstimmung, ein Pioniergeist, ein Start-Enthusiasmus. Wenn etwas technisch nicht geklappt hat, war es nicht schlimm.  

Jetzt kommt langsam eine digitale Müdigkeit auf. Außerdem haben alle ihren Rhythmus mit der digitalen Lehre gefunden, checken parallel zur Vorlesung auch einmal ihre E-Mails. Didaktische Fragen treten wieder in den Vordergrund, die es vorher teilweise schon in den Hörsälen gab: Wie kann ich die Studierenden aktivieren? Wie komme ich weg von Frontalunterricht? 

Wo sehen Sie die größten Bedarfe bei der Weiterbildung zur Online-Lehre? 

Die Anwendung verschiedener Medienformate und deren passender Einsatz in unterschiedlichen digitalen Lehrsettings sind noch nicht ganz ausgereizt. Hilfreich sind praktische Anregungen. Einfach einmal zu sehen, was es so an möglichen Formaten gibt. Allerdings sind zum Beispiel Break-out-Sessions nur die Form. Die Inhalte müssen auch dazu passen. Und dafür braucht man Zeit. Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Schon allein die Erstellung der Lehrvideos erfordert viel Zeit. 

Wir haben festgestellt, dass das, was wir in unseren Kursen einsetzen, gerne übernommen wird. Am Ende unserer Kurse fragen wir zum Beispiel manchmal mit thematischen Bildkarten ab, was unsere Teilnehmenden aus den Kursen mitnehmen. Nach den Kursen fragen uns die Teilnehmenden, ob wir ihnen die Karten zuschicken könnten und ob sie sie auch nutzen dürften. Aber diese Karten lassen sich natürlich nicht eins zu eins überall einsetzen.

Die ZEWK bietet den Praxisblog „Digitale Lehre an der TU Berlin“ an. Hat sich der Blog bei der digitalen Umstellung bewährt? 

Unser Praxisblog hat gezeigt, dass es recht schwer ist, von Beispielen auf die eigene Lehre zu schließen. Es gibt eben keine richtige Blaupause, die für alle Lehrangebote passt. Wir haben zusätzlich zu dem Praxisblog ein Wiki mit praktischem Support angelegt: Wie nehme ich ein Laborvideo auf? Wo kann ich mir was ausleihen? Wie gehe ich damit um, wenn es Störungen im Zoom-Meeting gibt? textAußerdem erstellen wir eine Podcastfolge zum Thema „Gute Lehre“, die demnächst online geht. Darin sprechen wir eher grundsätzlich über verschiedene Ideen, statt so zu tun, als ob es ein für alle passendes Rezept gäbe.  

Jeder muss für sich selbst herausfinden, was für ihn beziehungsweise sie die ideale Kombination ist. Das ist auch eine Typenfrage. Nicht jeder ist zum Beispiel ein*e charismatische*r Redner*in, der*dem man stundenlang zuhören kann. 

Kann digitale Lehre in Zukunft die Präsenzveranstaltungen ersetzen? 

Ich glaube das Schlüsselwort ist Blended Learning. Das heißt ein gelungener Verschnitt – wie bei einem guten Wein – zwischen asynchronem, also zeitversetztem, Online-Lernen und synchronem gemeinsamen Lernen vor Ort. Was können Studierende gut alleine machen – zum Beispiel, wenn sie Kinder haben oder dem Inhalt nicht so schnell folgen können? Und wo lohnt es sich, zusammenzukommen? 

Digitale und Präsenzlehre werden bislang wie zwei entgegengesetzte Pole betrachtet. Es sollte darum gehen, diese Pole zusammen zu denken und sinnvoll miteinander zu verzahnen. Was passt gut in das Asynchrone? Zum Beispiel Inhaltsaneignung geht gut alleine. Seitdem sich abzeichnet, dass das Wintersemester 2020/2021 nochmals sehr digital wird, kommen Laborvideos wieder auf, um die Labore zu entlasten. Bestimmte Elemente werden gefilmt, um zu zeigen, was auf den Laborgeräten eingestellt werden muss. 

Im Grunde stellt sich die Frage: Was macht den Lehrenden aus? Wofür lohnt es sich, sich neunzig Minuten mit den hoch qualifizierten Lehrenden zu treffen? Sicher nicht dafür, dass mir jemand etwas vorrechnet, was ich in einem guten Buch nachlesen könnte. Sondern dafür, sich durch mehr Übungen aktiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen, die Theorie auf Praxisbeispiele zu übertragen, gemeinsam zu diskutieren oder an größeren Projekten zu arbeiten. 

Das macht Lust auf digitales Lernen. Gelingt das ohne Wermutstropfen? 

Was die digitale Seite schwer leisten kann, sind die sozialen Aspekte, vor allem die Kommunikation unter den Studierenden. Schüchterne Typen, die sich eher zurückhalten, kommen vor Ort leichter in Gruppen rein. 

Was wünschen Sie sich für die digitale Zukunft? 

Schade wäre es, wenn der Digitalisierungsschub abebben würde. Man muss dafür sorgen, dass weiterhin gute Hard- und Software verfügbar bleibt, auch wenn die Nachfrage zum Beispiel nach Videokonferenzen zurückgeht. Für stark nachgefragte Computeranwendungen, zum Beispiel Videoschnittprogramme, sollten Campus-Lizenzen gekauft werden. Die technisch begrenzten kostenlosen Anwendungen stoßen teilweise einfach an Grenzen und verursachen erhöhten Aufwand, der sich nicht rechnet. Es gibt sehr viele separate Plattformen und Anlaufstellen – zum Beispiel die elektronische Lernplattform „Information System for Instructors and Students“ (ISIS), eine separate Chatanwendung, eine Cloud für gemeinsame Dokumente. Die diversen Funktionalitäten sollten zusammengeführt, in der technischen Anwendbarkeit weiter ausgereift und noch benutzerfreundlicher gestaltet werden. Wenn Studierende sich wie im Blended Learning einige Inhalte im Selbststudium aneignen sollen, dann sollte das auch vor Ort gehen, wenn die U niversität wieder geöffnet ist. Die Frage ist: Gibt es an der TU Berlin technisch ausgestattete Plätze dafür? Wie und wo können sie geschaffen werden? 

Was freut Sie besonders an den Erfahrungen der letzten Monate? 

Der vielfache Kontakt mit den Lehrenden! Die technischen Geräte geben Kolleg*innen, die nicht im Homeoffice arbeiten, direkt vor Ort aus. Dabei kommt es immer wieder zu persönlichen Gesprächen, bei denen sie spontan praxisnahe Tipps geben: „Wozu brauchst du das Mikrofon?“ – „Ich wollte ...“- „Ach ja, vielleicht machst du das dann so, …“ – „Gute Idee!“

Dadurch haben die Lehrenden die Angebote der ZEWK wahrgenommen. Sie wissen, wo sie uns finden und dass sie gute Tipps bekommen, und sind offen für unsere Beratung: Lehre darf Spaß machen – für die Lehrenden und die Lernenden!

Das Gespräch führte Christina Camier 

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