Um:Bauakademie

Architekturstudent*innen entwickeln Entwurfsideen für die Bauakademie in Berlin

„Wenn gestern die Zukunft sein soll … was ist dann Morgen?“ Unter diesem Titel setzen sich im vergangenen Sommersemester Student*innen des Instituts für Architektur im Entwurfsstudio von Prof. Elisabeth Broermann und Prof. Adrian Nägel mit der Frage auseinander, wie eine neue Bauakademie in Berlin inhaltlich wie baulich zum Demonstrationsprojekt für nachhaltiges und zukunftsfähiges Bauen werden kann. Die beiden Architects for Future Broermann und Nägel gestalten aktuell die Gastprofessur am Fachgebiet „Architecture for Health/Architecture for Future“.

Im Herzen Berlins hat Friedrich Schinkel 1836 ein für die damalige Zeit herausragendes und zukunftsweisendes Gebäude verwirklicht. Auch die inhaltliche Neuausrichtung der Bauakademie war damals richtungsweisend und der Vorläufer der heutigen TU Berlin.

Das Gebäude wurde im Krieg zerstört, danach von der DDR wieder teilaufgebaut, letztlich aber doch abgerissen, um Platz zu schaffen für das DDR-Außenministerium. Dieses wurde wiederum nach der Wiedervereinigung zurückgebaut. Seit etlichen Jahren wird nun die Diskussion geführt, ob und in welcher Weise und zu welchem Zwecke das aktuell brachliegende Grundstück in der Mitte Berlins bebaut und genutzt werden könnte und sollte. Befürworter*innen der Rekonstruktion berufen sich dabei ebenso auf den „Geiste Schinkels”, wie die Kritiker*innen. Inzwischen gibt es ein Gebäudeecken-Mock-Up, einen rekonstruierten Roten Saal, historische Fundamente, einen Bundestagsbeschluss zur Wiedererrichtung und eine neu gegründete Bundesstiftung Bauakademie, die sich dem „Bauen der Zukunft” verschrieben hat.

Was ist denn aber nun das „Bauen der Zukunft”? Welchen Nutzungen und Anforderungen der zukünftigen Arbeits-, Lern-, Wohn-, Stadt- und Lebenswelt muss es in Zeiten der Klimakrise und Ressourcenknappheit gerecht werden? Wie, in welcher Form, mit welchem Programm, könnten sich diese auf dem Grundstück abbilden, darstellen, umgesetzt werden?

Die Student*innen näherten sich über eine gemeinsame Ortsbegehung, den Austausch mit der Bundesstiftung Bauakademie sowie Zeitungsberichten zur Debatte den möglichen Anforderungen einer Bauakademie für Morgen.

Ein festes Rahmenprogramm gab es nicht, die Schwerpunkte und Lösungsvorschläge konnten frei entwickelt werden.

Als Grundlage dienten darüber hinaus die zehn Forderungen der Architects for Future Deutschland e.V., die konkrete Handlungsvorschläge für Menschen in der Baubranche machen, um den nachhaltigen Wandel für eine zukunftsfähige Baubranche voranzubringen.

Der Bausektor verursacht fast 40 Prozent der CO2-Emissionen, verbraucht über 90 Prozent der mineralischen Rohstoffe und ist verantwortlich für mehr als die Hälfte unseres Müllaufkommens. Wir bauen, als gäbe es kein Morgen. Um die 1,5°-Erderwärmungsgrenze und die planetaren Grenzen zu wahren, braucht es eine umfassende, soziale und ökologisch nachhaltige Bauwende. Dafür setzen sich die Architects for Future seit 2019 als offene Bewegung und Verein ein und versuchen über Wissenstransfer, Netzwerkbildung und Öffentlichkeitsarbeit die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und vorhandene Expertise zu teilen bzw. zu entwickeln.

Über die Entwurfsarbeit hinaus führten die Student*innen Interviews mit verschiedenen Akteur*innen der Debatte rund um die Bauakademie, u.a. mit Bauakademie-Gründungsdirektor Guido Spars, Theresa Keilhacker, Präsidentin der Architektenkammer Berlin und Kassem Taher Saleh, MdB, Obmann im Ausschuss für Wohnen und Stadtentwicklung und Mitglied im Stiftungsrat der Bundesstiftung. Einige der Interviewten waren im Rahmen der Jahresausstellung am 22. Juli 2023 Gäste einer Podiumsdiskussion über die Wiedererrichtung der Bauakademie als Demonstrationsprojekt für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit.

Fünf Entwurfsideen für eine neue Bauakademie

Marija Aksentijevic und Amelie Meier-Faust

Unser Entwurf behandelt das Problem, dass sich die Gegend rund um die Bauakademie für Berliner*innen zunehmend zur Transitzone mit mangelnder atmosphärischer Aufenthaltsqualität entwickelt hat. Neben vielen weiteren Aspekten konnten wir als Hauptgrund für diese Entwicklung die fehlenden entsiegelten Freiräume identifizieren. Deswegen schlagen wir vor, großflächig zu entsiegeln und Biodiversität in Kombination mit einem niedrigschwelligen Kulturangebot zu schaffen. Die Bauakademie soll dann als Um:Bauakademie suffizient, also ganz bewusst und sparsam geplant, sowie aus wiederverwendeten Materialien errichtet werden und einen Ort zum Vernetzen anbieten. Die bestehende Musterbauecke, der rote Saal sowie die erhaltenen Schinkelschen Fundamente sind dabei unsere formgebenden Entwurfsparameter und bilden in neuer Konfiguration den Baukörper.

Das Bauen der Zukunft sehen wir weniger im Neubau als in der Umnutzung von bestehenden Gebäuden. Dazu müsse wir Bedarfe kritisch überdenken und die Priorität auf den Umbau anstatt auf den Neubau setzen. Außerdem sollte das Verständnis von Ästhetik überdacht werden: Es muss nicht immer alles perfekt sein, um lebens- und erhaltenswert zu sein. Ecken und Kanten sind schön: Sie schaffen Vielfalt und Charakter.

Die Stadt der Zukunft stellen wir uns im Gleichgewicht zwischen allen Bewohnenden vor, dazu zählen wir neben dem Menschen und dem Tier genauso Mikroorganismen, Insekten, Bäume, Seen, Flüsse etc. Nur wenn wir im Einklang mit der (Bio)Diversität leben, können wir ein lebenswertes Stadtklima schaffen und auch langfristig halten. Positive Pilotprojekte sind dabei Kopenhagens Skybrudsplan (Wolkenbruch-Plan): Innerhalb von 20 Jahren sollen 300 Einzelprojekte verwirklicht werden, die das gesamte Stadtsystem in eine Schwammstadt verwandeln und so bei Starkregenereignissen überschüssiges Wasser aufnehmen und dann zeitverzögert wieder abgeben können. Auch das nachhaltige Mobilitätskonzept von Barcelonas sogenannten „Superblocks" inspiriert uns: Fußgänger*innen und Radfahrer*innen haben dort Vorrang, der Autoverkehr wird reduziert und stattdessen das triste Grau der Straße durch bepflanzte Hochbeete, Blumenkübel und Bäume ersetzt. Ganz gut auf den Punkt bringt es auch David Sim, mit dem Begriff der „Soft City": Statt dem funktionalistischen Ansatz einer Quartierseinteilung soll wieder das Alltagserlebnis und die Vernetzung von Bürger*innen mithilfe von Kleinteiligkeit, Dichte und Vielfalt in den Mittelpunkt gestellt werden.

Um solche Visionen umsetzen zu können, braucht es die Förderung von nachhaltigen Innovationen, wie z.B. das Bauen mit wiederverwendeten Materialien. Die Forschung zum Bauen mit nachhaltigen Materialien muss dafür ausgebaut und die Ergebnisse breit gestreut werden. Außerdem sollten die geltenden Normen, Regularien und Bauordnungen neu bewertet und erleichtert werden, um neue Lösungsansätze praktikabel machen zu können.

Für den Klima-Aktivismus brauchen wir eine positive Lobby. Mit Hilfe von Good Practice-Beispielen können wir unsere Nachricht in der Welt verbreiten und der Gesellschaft die Angst vor einer Verbotskultur nehmen. Klima-Aktivismus braucht inspirierende Visionen, denn viele Menschen sind sich der positiven Auswirkungen einer nachhaltigeren Lebensweise gar nicht bewusst.

 

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BauakademieMorgenBauen

Tatu Heinola, Hannes Roth und Alisa Winkelmann

Wir wollen mit unserem Entwurf zeigen, wie das Thema Flexibilität im Bauen der Zukunft eine entwurfsprägende Rolle einnehmen kann. Durch das Raster, das zu einem dreidimensionalen Baufeld wird, machen wir einen Raum zum Experimentieren und Forschen zum Thema zukunftsfähigem Bauen auf. Die Sichtbarkeit nach Außen lädt die Stadt ein, sich am Diskurs zu beteiligen und macht aktuelle Entwicklungen sichtbar.

Die Stadt 2050 muss den Bedürfnissen vieler und nicht nur einzelner Menschen gerecht werden. Sie muss sich positiv auf das Klima in und außerhalb der Stadt auswirken und so zu einem gesunden Lebensraum für ihre Bewohner*innen werden. Durch weniger Verkehr und mehr gemeinschaftlich nutzbarer Flächen und Räumen kann ein gesundes und generationsübergreifendes Leben Vieler sichergestellt werden. Dafür muss die Baubranche endlich progressiver werden und den Fokus auf Nachhaltigkeit noch stärker umsetzen. Wir müssen das Thema Neu-Bauen kritischer hinterfragen und gemeinsam nach kreativen Lösungen für den Bestand suchen.

Das Thema betrifft uns alle und doch liegen die großen Stellschrauben in der Politik. Unsere große Chance liegt darin, auf die Kernpunkte des Themas durch Sichtbarkeit im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen und so den Druck auf die Politik zu erhöhen.

 

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Haus der Baukultur

Leon Haag und Hanna Hamann

Um ein mutiges und unkonventionelles Bauen von Morgen angehen zu können, dient unser Entwurf allen am Bauprozess Beteiligten als Forschungszentrum und Experimentierfeld. Statt sich zurückhaltend am Stadtrand zu positionieren, stellt sich die zentrale Werkhalle inmitten der Berliner Museumsinsel selbst aus, wie es damals Schinkels Bauakademie mit der neuartigen industriellen Bauweise getan hat. Eine transluzente Fassade und große Tore in alle Himmelsrichtungen transportieren die produzierten Inhalte in die Umgebung. Die Konstruktion folgt dem Prinzip, dass größere Lasten durch eine höhere Anzahl von Stützen und Trägern aufgenommen werden und zeugt vom ökologischen und handwerklichen Anspruch an den Ausstellungscharakter eines Kulturgebäudes.

Ein zukunftsfähiges und nachhaltiges Bauen fordert eine grundlegende Veränderung des Bauwesens und der dahinterstehenden Industrien. Für diese Transformation ist es von politischer Seite essentiell, vorhandene Normen und Gesetze kritisch zu hinterfragen und Raum für experimentelle Ansätze zu schaffen, wie es aktuell mit der Einführung einer „Gebäudeklasse E“ versucht wird. Außerdem ist es von großer Bedeutung, finanzielle Anreize für nachhaltige und ökologische Bauweisen zu schaffen, damit künftige Entscheidungen keine Abwägungssache zwischen Ökologie und Ökonomie bleiben. Es muss ein Bewusstsein für die Potenziale bestehender Gebäude und deren grauer Energie in die Mitte der Gesellschaft getragen werden, um den Fokus vom Neubau auf die Nachverdichtung und Renovierung und deren Vorteile zu setzen. Neben der Transformation zu einer ökologischen Baukultur ist es jedoch mindestens genauso wichtig, dass künftige Projekte auch soziale Fragestellungen wie Verdrängung von Minderheiten und finanziell Benachteiligten an die Stadtränder und der damit einhergehenden sozialen Segregation beantworten. Außerdem müssen entstehende Spannungslagen wie die Lebensweisen zwischen ländlichen und urbanen Gebieten berücksichtigt und Lösungen dafür gefunden werden.

Klima-Aktivismus findet nicht nur auf der Straße statt, sondern kann wie in der Diskussion um die Berliner Bauakademie im Dialog zwischen den verschiedenen Meinungen wachsen. Dass gerade konkrete Entwürfe den abstrakten Diskurs voranbringen können, hat uns gezeigt, welche Mittel uns Planenden dazu bereits während der Lehre zur Verfügung stehen.

 

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Die Bauakademie. Jetzt!

David Gras und Therese Rackwitz

Betrachtet man den Ort in seiner zeitlichen Entwicklung, fällt auf, dass die Bauakademie Schinkels nur ein Teil der Geschichte ist. An diesem Punkt wollen wir ansetzen und den transformativen Charakter des Ortes aufgreifen. Eine temporäre Struktur soll den Ort direkt aktivieren, aber nicht überschreiben. Durch die Intervention soll Aufmerksamkeit entstehen, das Umfeld erfahrbar und der Stadtraum durch neue Programme bespielt werden. Das Grundstück wird zu einem Experimentierfeld, dass das Bauen von morgen als Prozess versteht und anstößt.

Es gibt nicht die eine Antwort auf alle Fragen und Probleme. Zukunftsfähiges Bauen muss Raum für zukünftige Anforderungen und Herausforderungen einplanen. Zudem baut die Stadt von morgen auf der Stadt von heute auf. So entstehen vielfältige und wandlungsfähige Städte. „Unfertige“ Lösungen sind erwünscht, da nicht alles planbar und vorhersehbar ist.

Das Bauen im Bestand muss politisch stärker gefördert werden. Es braucht Rahmenbedingungen, wie z.B. eine Umbauordnung, die es ermöglichen, Architektur mit der Zeit angemessen zu verändern. Dadurch würde Architektur für viele Menschen greifbarer werden.

Beim Thema Klima-Aktivismus ist Kommunikation wichtig. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen ist wichtig. In der Diskussion unterschiedlicher Ansätze liegt das Potenzial, Kombinationen oder auch parallele Ansätze auszuprobieren. Gerade deshalb braucht es Räume, die Auseinandersetzung und Diskussion ermöglichen.

 

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Labor zum nachhaltigen Bauen

Beatriz De Costa Pereira und Rebecca Brandmayer

Zu Beginn des Entwurfes stand die Positionierung zwischen den Extremen der vollständigen Rekonstruktion und dem Verzicht auf einen baulichen Eingriff. Ein Wiederaufbau innerhalb der 1,5°C-Erderwärmungsgrenze würde Kompromisse einfordern, die den Charakter von Schinkels Bauakademie verfälschen würden und eine Rekonstruktion des Vergangenen erschien uns für ein zukunftsweisendes Gebäude widersprüchlich. Im jetzigen Zustand weißt das Gebäude wenig Aufenthaltsqualität auf, die aber durch kleine Interventionen verbessert werden soll. Mit Hilfe der 10 Forderungen zur Bauwende von Architects for Future (A4F) entwickelten wir ein Konzept, das vor allem auf die Aktivierung des Bestandes setzt, die Bedarfe hinterfragt und Raum für nachhaltige Bauweisen, Grünraum und Biodiversität schafft. So wird mit kleinen Eingriffen in nachhaltiger Holz-, Stroh- und Lehmbauweise der größte Nutzen für den Ort geschaffen.

In unserer Vision für 2050 ist die Stadtlandschaft von flexiblen, wandelbaren Strukturen geprägt und Gebäude können je nach Bedarf umgestaltet werden, was Leerstände minimiert und eine Anpassung an sich ändernde Anforderungen ermöglicht. Innovative Baustoffe, wie recycelte Materialien und kohlenstoffneutrales Bauen tragen dazu bei, den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Die Stadt 2050 fördert zusätzlich die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen, in der Bauelemente und Materialien zwischen Projekten ausgetauscht werden. Dadurch wird der Verbrauch neuer Ressourcen reduziert und ein geschlossener Kreislauf geschaffen. Allgemein konzentriert sich die Stadt im Jahr 2050 auf eine umweltfreundliche und sozial inklusive Umgebung, in der Nachhaltigkeit und Lebensqualität Hand in Hand gehen.

In diesem Semester haben Elisabeth Broermann und Adrian Nägel von A4F uns gezeigt, wie wichtig das Engagement im Klima-Aktivismus ist, um die Wichtigkeit dieses Themas im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Der dadurch ausgeübte öffentliche Druck macht Klima-Aktivismus zu einem sehr wichtigen Hebel auf politischer Ebene und bildet sozusagen die Lobby für ambitionierte Klimapolitik und umweltfreundliche Maßnahmen. Alarmierend war für uns vor allem zu sehen, dass selbst im Bewusstsein der engsten Freundeskreise die Dringlichkeit der Klimakrise noch nicht ausreichend präsent ist und wie wichtig es ist, sich die Relevanz dieses Themas regelmäßig ins Bewusstsein zu rufen, damit sie nicht im Alltäglichen verloren geht.

 

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Zusammengestellt von Barbara Halstenberg.

Kontakt

Prof.

Elisabeth Maria Christine Broermann

e.broermann@tu-berlin.de

+49 30 314-22960

Einrichtung Fachgebiet „Architecture for Health/Architecture for Future“
Adresse Straße des 17. Juni 152
10623 Berlin