Kunstgeschichte der Moderne

Lisa Ahlers

Aktuelles

Dissertationsprojekt

„Weltkunst“-Entwürfe in Museen moderner Kunst (1920–1960)

angemeldeter Titel: Universalistische Ausstellungsprojekte in Museen moderner Kunst, von der Weimarer Republik zur frühen Nachkriegszeit

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand eine Reihe von kunstwissenschaftlichen Modellen, die auf der Annahme einer prinzipiellen Einheit aller menschlichen Kunstproduktion, gestiftet durch vermeintlich universale, ewig gültige Formprinzipien, basierten. Angesichts einer relativ neuen Gegenstandsvielfalt in den europäischen Zentren – durch die Plünderung der Kolonien, frenetische Ausgrabungen in Nah- und Fernost, ausgedehnten Handel sowie das im 19. Jahrhundert einsetzende nationalistische Interesse an der eigenen prä- und frühhistorischen Vergangenheit – wurde nun verstärkt „die Kunst“ der Menschheit in den Blick genommen. Die Postulate einer „Weltkunstgeschichte“ affizierten auch Künstler*innenpublikationen, den Kunsthandel und Privatsammlungen.

Das Dissertationsprojekt widmet sich der bislang unerörterten Frage, wie Museen, speziell Sammlungen moderner Kunst, solche universalistische Rhetoriken aufgriffen und versuchten, Werke der europäischen Avantgarde mithilfe von Arbeiten früherer Epochen und anderer Kontinente als Teil einer umfassenden globalen „Kunstfamilie“ zu positionieren. Die Untersuchung konzentriert sich auf zwei historische Momente: die Weimarer Republik, mit Fokus auf das neueröffnete Museum Folkwang in Essen, 1922–1934, und die USA der frühen Nachkriegszeit, mit Fokus auf die Jubiläumsausstellung Timeless Aspects of Modern Art im New Yorker Museum of Modern Art, 1948 und die Wanderschau 4000 Years of Modern Art, 1953/1956, initiiert von der Walters Art Gallery und dem Baltimore Museum of Art. Eine detaillierte Analyse ihrer Akteursnetzwerke, Objektauswahl und Publikationen soll den Transfer von ursprünglich in kunstwissenschaftlichen Schriften und Bildalben entwickelten Argumenten und Montagestrategien in das Medium Ausstellung darlegen und zugleich beleuchten, welche museumspolitischen, kunstpädagogischen und ideologischen Anliegen mit dieser weltkunsthistorischen Einbettung der Moderne verfolgt wurden.

Die Studie entsteht auch vor dem Hintergrund aktueller Debatten zum schwierigen Erbe universalistischer Ideologie in westlichen Kunstmuseen. Es wird zunehmend die Frage gestellt, ob und wie solche Institutionen heute überhaupt überzeugende Erzählungen etwa einer „shared humanity“ leisten können. Das Wissen um Motivation, Methodik und Rezeption der in der Arbeit untersuchten historischen Versuche, über europäische Kunstbegriffe Weltzusammenhänge herzustellen, soll einen Beitrag zur kritischen Reflektion von Universalrhetoriken in Museen leisten.

Zur Person

Forschungsschwerpunkte

  • Ausstellungsgeschichte der klassischen Moderne
  • Kunsttheorie im frühen 20. Jahrhundert, Schwerpunkt „Weltkunstgeschichte“
  • Staatspolitische Narrative in Ausstellungen
  • Museumsgeschichte

Vita

seit 2020
Doktorandin an der Technischen Universität Berlin, Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne, betreut durch Prof. Bénédicte Savoy. Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung (seit Januar 2022)

2014–2019
Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, zuvor: Volontariat, Museum Tinguely, Basel (Bereich Ausstellungen und Publikationen)

2012–2014                                                                                                       
Internationaler Master für Kunstgeschichte und Museologie, Universität Heidelberg und École du Louvre, Paris (M.A., Doppelabschluss).

2009–2012
Studium Europäische Medienkultur, Bauhaus-Universität Weimar und Université Lumière Lyon 2 (B.A./Licence, Doppelabschluss).

Publikationen und Vorträge

„modern art is not an isolated phenomenon in history“. Weltkunst“-Konzepte in frühen Museen moderner Kunst, 1929 / 1948 / 1956, Konferenz der Goethe-Universität Frankfurt/ Université Sorbonne Nouvelle: Die Welt im Kleinen? Welt ausstellen, Welt ordnen (19.-21. Jhd.), 5.–7. Mai 2021; Publikation der Vorträge geplant für 2023.

Museumskataloge (Herausgeberschaft)

  • Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst, hg. v. Museum Tinguely, Basel. Berlin 2020.
  • Sofia Hultén. Here’s the Answer, What’s the Question?, hg. v. IKON Gallery, Birmingham/ Museum Tinguely, Basel. Manchester 2017.
  • Prière de toucher. Der Tastsinn in der Kunst, hg. v. Museum Tinguely, Basel. Weitra 2016.
  • Belle Haleine. Der Duft der Kunst, hg. v. Museum Tinguel, Basel. Heidelberg 2016.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften

seit 2022
Promotionsstipendium der Gerda Henkel Stiftung

2015
Masterpreis für besondere wissenschaftliche Leistungen, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg

2010–2014
Studienstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung