Kunstgeschichte der Moderne

Kulturtransfer, Kulturpolitik, Kunsthandel zwischen Weimar und Mailand im 19. Jahrhundert: Goethe, Großherzog Carl August, Gaetano Cattaneo und Heinrich Mylius im Spannungsfeld von Kunstfreiheit und Staatsräson

Dissertationsprojekt von Serena Zanaboni

Im Sommer 1817 reiste Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828) nach Mailand, wo er bereits Kontakt mit dem Bankier Heinrich Mylius (1769–1854) hatte. Dort erwarb der Großherzog für seine Sammlungen zahlreiche Kulturobjekte von verschiedenen Kontakten, die ihm der mit Mylius eng befreundete Leiter des Mailänder Münzkabinetts Gaetano Cattaneo (1771–1841) vermittelt hatte. Nach seiner Rückkehr begann ein reger Briefaustausch zwischen Cattaneo, Mylius, Carl August und Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Aus dieser kommerziellen Beziehung entwickelte sich ein intensiver Kulturtransfer. Materielle und immaterielle Güter, Diskurse und Ideen wurden zunächst aus Mailand nach Weimar und später auch umgekehrt vermittelt und in die andere Kultur rezipiert und importiert. Hauptzeitraum der Analyse sind die Blütejahre des Transfers 1817–1832. Auch wurden die wegbereitenden Ereignisse davor sowie die Einflüsse des Transfers in den folgenden Jahrzehnten erforscht. Das Thema wird in einer 360-Grad-Perspektive erforscht: durch quellenkritische und transdisziplinäre Analysen, die anhand der Auswertung bislang unveröffentlichten Archivmaterials erfolgten und auf Provenienzforschungen und transfergeschichtlichen Forschungsansätze basieren. Zudem wurden durch kulturpolitische und -historische Analysen die Bedeutung von Erwerbungen und dem Kulturaustausch sowie dessen dahinterstehende Strategien nachvollzogen. Zunächst wurden die Erwerbungen quantitativ und qualitativ komplett rekonstruiert und die Struktur dieses entstandenen, zeitlich begrenzten Kunsthandels erläutert. Die Rezeption der übertragenen Ideen und Objekte wurde untersucht. Dank der Neuerkenntnisse der Provenienzforschungen konnten zahlreiche Texte von Mitgliedern der Weimarer Intelligenz – allen voran Goethe – als Ertrag des Transfers neu gedeutet werden, da diese Objekte oder Künstler aus dem Transfer handelten. Neue Aspekte über Goethes literarischen Beiträge in diesem Rahmen wurden ans Licht gebracht. Umfassend untersucht wurden auch die Kanäle und Mitglieder des Transfers sowie die damit verbundenen transnationalen Einflüsse und Prozesse. Zum Schluss wurde der Transfer Mailand-Weimar im Vergleich zu anderen Transfers länderübergreifend und transepochal positioniert. Die Arbeit besteht aus zwei Bänden: In Band 1 wird der Fließtext veröffentlicht, in Band 2 werden die Transkriptionen von bisher unveröffentlichten Archivalien und die Ergebnisse der Provenienzforschungen publiziert.

Betreuung: Bénédicte Savoy