Technische Universität Berlin

Nachhaltige Chemie aus Berlin

TU-Alumna Sonja Jost ist mit ihrem Unternehmen DexLeChem angetreten, die Chemische Industrie zu revolutionieren

Grün und Chemie - geht das zusammen? „Ja“, sagt Sonja Jost, die Anfang 2013 ihr Unternehmen DexLeChem gründete, das genau auf dieser Verbindung aufgebaut ist. Grüne beziehungsweise Nachhaltige Chemie versucht, Umweltverschmutzung zu vermindern, Energie zu sparen und möglichst umweltverträglich zu produzieren bei gleichzeitiger Vermeidung von Gefahren bei der Produktion und des Produkts. Sonja Jost, die Wirtschaftsingenieurwesen/Technische Chemie an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) studierte, hat ein Verfahren erfunden, mit dem beispielsweise in der Arzneimittelherstellung auf erdölbasierte Substanzen verzichtet und durch Wasser ersetzt werden kann. Das Know-how hat die Diplom-Ingenieurin am Fachgebiet für Technische Chemie erworben, zur Reife gebracht hat sie es 2006, als sie im Rahmen des Exzellenzclusters UniCat die Chance erhielt, unter Leitung ihres Betreuers Prof. Dr. Reinhard Schomäcker die chirale Katalyse zu einem umweltfreundlichen und kostengünstigen Prozess zu entwickeln.

TU-Forscherin Jost setzte Forschungsergebnisse zur umweltfreundlichen und kostengünstigen Katalyse in eine eigene Firmengründung um

„Anlass zur Gründung waren Forschungsergebnisse, die ich an der TU Berlin generiert habe“, sagt Jost. Denn 2007 war es ihr erstmalig gelungen, industriell genutzte chirale Edelmetallkatalysatoren in Wasser einzusetzen und unmodifiziert wiederzuverwenden. Eine Revolution. Denn die Chemieindustrie konnte diese Katalysatoren ausschließlich in organischen erdölbasierten Lösungsmitteln verwenden. Zudem konnten früher nur einzelne Katalysatorteile mit hohem Aufwand recycelt werden, was zu einer Verteuerung der Prozesse führte.

Bis zur Gründung von DexLeChem sollten jedoch noch einige Jahre vergehen. Es ist auch der Universität, die Gründer*innen bei dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt, ihrem Betreuer Prof. Dr. Reinhard Schomäcker und ihrem Mentor Prof. Dr. Peter Strasser vom Institut für Chemie zu verdanken, dass sie nicht aufgegeben hat. „Sie haben mich motiviert, weiterzumachen“, sagt Jost.

Ausgründungen im naturwissenschaftlichen Bereich sind auf spezielle Räumlichkeiten und Labortechnik angewiesen – ohne Unterstützung der Hochschulen so gut wie unmöglich

Erschwerend kam hinzu, dass eine erfolgreiche Ausgründung im Bereich Naturwissenschaften nicht so selbstverständlich ist wie für Start-ups aus der Digitalwirtschaft – denn für die Entwicklung und Umsetzung ihrer Ideen brauchen künftige Gründer*innen wie Sonja Jost chemische Labore, die nicht frei zugänglich sind. Zudem sind teure Analysegeräte für Uni-Absolvent*innen unerschwinglich. Deshalb war die Nähe zur TU Berlin in der ersten Phase ihrer Gründung umso wichtiger.

Ein Vorgründerzentrum für Grüne Chemie wie die „Chemical Invention Factory“, die auf dem Universitätscampus in der Marchstraße errichtet werden soll – mit Laboren, Büros und Konferenzräumen – war damals noch in weiter Ferne. Sonja Jost hat auch einen Beitrag geleistet, damit dieses Zentrum entstehen kann. So hat sie unermüdlich auf Podien dafür geworben. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig diese Unterstützung für naturwissenschaftlich ausgerichtete Start-ups ist.

Jost profitierte von Bundesförderung und konnte Bayer als strategischen Partner aus der Wirtschaft gewinnen

Den letzten Kick erhielt Sonja Jost durch das Existenzgründerprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums „EXIST Forschungstransfer“, das höchst dotierteste Förderprogramm für Hightech-Gründungen. Es unterstützt herausragende forschungsbasierte Gründungsvorhaben, die mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten verbunden sind. Mit dieser Förderung konnte sie ihr Verfahren bis zur Marktreife weiterentwickeln. Anfang 2013 war es dann soweit – mit drei Mitgründer*innen machte sich Sonja Jost selbstständig.

„Die erste Zeit war oft hart“, erinnert sie sich. Die Grüne Chemie steckte noch in den Kinderschuhen, ihre eigenen moralischen Ansprüche waren hoch – mit Firmen, denen Nachhaltigkeit nichts bedeutete, machte sie keine Geschäfte. Doch die Aufmerksamkeit der Pharmabranche hatte sie: 2014 wählte Bayer Pharma DexLeChem als strategische Partnerin für seinen „CoLaborator“ in Berlin, ein Forschungsinkubator für junge Bio-Tech-Start-ups. Sonja Jost hat seitdem Labor und Geschäftssitz am Bayer-Unternehmensstandort im Wedding – in unmittelbarer Nähe zu anderen jungen Life-Sciences-Unternehmen.

DexLeChem als etablierter Player der Chemiewende mit Blick auf den Forschungs- und Gründungsnachwuchs

Heute, fünf Jahre nach Gründung ihres Start-ups, blickt sie auf einen eindrucksvollen Weg zurück. Sie hält zwei US-Patente in ihrer Hand, beschäftigt zehn Mitarbeiter*innen, erhielt diverse Auszeichnungen, unter anderem von EditionF, Handelsblatt und ZEIT online und der Gründungsinitiative Science4Life. Mit ihrem Geschäftsmodell hat sich die junge Unternehmerin längst einen Platz in der Branche erkämpft. „Wir unterstützen mit unserer Methode die Chemiewende, durch die die chemische Industrie in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft überführt wird“, sagt sie.

Den Nachwuchs hat sie trotz ihres Erfolgs nicht aus den Augen verloren. DexLeChem ist beispielweise Partnerin des Exzellenzclusters UniSysCat sowie Kooperationspartnerin des InkuLab, einer Laborcontaineranlage auf dem TU-Campus Charlottenburg, das am Institut für Chemie angesiedelt ist und deren Teams vom Centre for Entrepreneurship (CfE) betreut werden. „InkuLab“ stellt Labore bereit, hier werden die Gründer*innen in spe beraten, gecoacht, und sie profitieren von einem großen Unternehmernetzwerk und möglichen Geldgeber*innen. So gibt Sonja Jost die Unterstützung, die sie durch die TU Berlin erfahren hat, weiter an junge Gründer*innen, die, so wie sie selbst vor langer Zeit, noch ganz am Anfang ihres Weges stehen.