Technische Universität Berlin

Transformation findet statt. Die Frage ist: Wie gestaltet man sie als Wissenschaftler*in mit?

Dr. Audrey-Catherine Podann, Referentin für strategische Projekte/Transdisziplinarität, Büro der Ersten Vizepräsidentin, erläutert, was Transdisziplinarität, Citizen Science und Berliner Reallabore sind und wie sie mit der Transferstrategie der TU Berlin zusammenhängen.

 

Die TU Berlin setzt sich aktiv für einen multidirektionalen Transfer ein. Wie macht sie das?

Der neue multidirektionale Transfer erweitert die Mission der TU Berlin um eine wichtige Aufgabe: Hinzu kommt nun der Wissenstransfer in die Gesellschaft hinein und aus der Gesellschaft in die Wissenschaft. Viele Förderprogramme erwarten mittlerweile einen Transfer, der über Wissenschaftskommunikation und den einseitigen Transfer von fertigen Forschungsergebnissen in die Gesellschaft hinausgeht. Es werden Ko-Kreation und Ko-Design erwartet, also eine partizipative Gestaltung, die die Gesellschaft an Forschung beteiligt.

 

Wie sieht partizipative Forschung aus?

Wir brauchen neben der Fachexpertise und der fächerübergreifenden, also interdisziplinären, Forschung immer häufiger einen dritten Modus: die transdisziplinäre Forschung. Bei der Transdisziplinarität forschen wir gemeinsam mit gesellschaftlichen, nicht-wissenschaftlichen Akteur*innen. Als technische Universität wird das von uns nicht unbedingt erwartet, aber durch die Anwendungsorientierung vieler Fächer sind wir als TU Berlin dafür bestens geeignet.

Transdisziplinäre Forschung ist dort stark, wo wir Lösungen benötigen, die von breiten Teilen der Gesellschaft mitgetragen werden. Da braucht es eine Vielzahl an Perspektiven – aus der Forschung ebenso wie aus der nicht-wissenschaftlichen Welt. Bei gesellschaftlichen Schlüsselfragen entfaltet Transdisziplinarität ihr ganzes Potenzial. Die großen Herausforderungen unserer Gesellschaft werden immer größer, komplexer. Um Antworten darauf zu finden, müssen wir erst einmal den Kern der Fragen erfassen. Die Wissensbestände der anderen Akteure sollten wir daher nicht nur punktuell einholen, sondern brauchen sie schon bei der Formulierung von Fragen, damit wir die richtigen Fragen stellen. Wir wollen den Campus öffnen und auch den nicht-akademischen Teil der Gesellschaft zu uns einladen, um gemeinsam die Forschungsfragen zu benennen.

Das klingt nicht ganz einfach! Wie gehen Sie vor?

Das läuft am Anfang manchmal ein bisschen holprig, aber mit einem Mix aus Angeboten, sozusagen top-down, und vielen eigenen Forschungsinitiativen, also bottum-up, gelingt das an der TU Berlin ganz gut. Die TU Berlin hat viele Forschungsprojekte, bei denen Bürgerwissen schon bei der Ausgestaltung des Forschungsprojekts aufgenommen wird, zum Beispiel die „Citizen Science-Projekte“. Das können Erfahrungen sein, Alltagswissen oder auch Daten, die in Umfragen erhoben werden. ‘Dialog auf Augenhöhe‚ ist inzwischen ein geflügeltes Wort geworden. So einen Dialog tatsächlich zu führen, also das nicht-akademische Wissen gleichberechtigt zu integrieren, muss gelernt sein.

Können Sie Beispiele für partizipative Forschung nennen?

Das Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) wurde eigens eingerichtet, um Forschung aus den disziplinären Grenzen herauszuholen. Im Laufe des mehr als zwanzigjährigen Bestehens wurden mehr und mehr Praxisakteur*innen aus der Gesellschaft einbezogen. Auch der Wissenschaftsladen kubus setzt sich für partizipative Forschung ein. Kubus steht für „Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen“ und vermittelt seit 1986 Kooperationen zwischen Wissenschaftler*innen und Student*innen der TU Berlin mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen. Die „Hybrid-Plattform“, die die TU Berlin mit der Universität der Künste Berlin geschaffen hat, fördert innovative Ideen und Lösungsansätze aus der Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst. Unsere Dialogplattform unterstützt dazu ganz praktisch durch verschiedene Workshops bei der Ideenfindung und Vernetzung für transdisziplinäre Verbünde – dieses Angebot ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal unserer Universität. Eine weitere und besonders anschauliche Form sind Reallabore: Unter realen Bedingungen wird dort getestet, wie sich Maßnahmen im Alltag bewähren.

Welche Themen untersucht die TU Berlin in Reallaboren?

An der TU Berlin passieren viele Sachen gleichzeitig und manches läuft auch ein bisschen unter dem Radar. Wir wollten wissen: Wer an der TU Berlin sieht sich eigentlich schon im Bereich Reallaborforschung? Dabei haben wir entdeckt, dass wir uns tatsächlich zu einem Reallabor-Zentrum entwickelt haben. Mit dem Team der StadtManufaktur konnte ich im Januar 2020, kurz vor dem Ausbruch der Pandemie, einen Workshop zu Reallaboren durchführen und an fragen: Wer führt Forschungsprojekte als Reallabor durch? Im Ergebnis haben sich 30 Projekte präsentiert!

Wir wollen jetzt systematisch schauen, was sich von den bisherigen Erfahrungen und dem Transformationswissen auf neue Fragen übertragen lässt. Außerdem haben wir die Online-Plattform Stadtmanufaktur Berlin ins Leben gerufen. Da können sich alle Reallabore der Stadt mit Bildern und Kurzfilmen vorstellen, nicht nur die von der Uni. Auf einer Stadtkarte sieht man, wie sich die Labore in Berlin verteilen.

Was sieht Ihre Vision der Zukunft aus?

Transformation findet statt. Die Frage ist: Wie gestaltet man sie als Wissenschaftler*in mit? Ich möchte Reallabore als neuen Forschungstypus institutionalisieren. Wenn ich über den Campus laufe, habe ich das Gefühl, dass die TU Berlin eine eigene kleine Stadt mit viel Erfindergeist ist. Der Campus Charlottenburg ist sozusagen ein Reallabor der Transformation, der mit vielen kleinen Experimenten, wie die Bienenwerkstatt oder die Lastenradangebote zeigt, wie sich Orte wandeln. Ich frage mich: Wie sieht der Hochschulcampus in zehn Jahren aus? Dazu wollen wir einen Datentisch erstellen, auf dem der Campus und angrenzende Quartiere maßstabsgetreu im 3-D-Druck abgebildet sind. Damit können wir Szenarien zum Beispiel zu Klimaschutzmaßnahmen oder Mobilitätsangebote entwickeln.

 

Das Interview führte Christina Camier.

Kontakt

Dr.

Audrey-Catherine Podann

Referentin für strategische Projekte/Transdisziplinarität

audrey.podann@tu-berlin.de