Technische Universität Berlin

Starker Inkubator für Digitalisierungsforschung

Maik Hesse schließt als Erster eine Promotion am Einstein Center Digital Future ab

Maik Hesse schloss als erster Doktorand seine Promotion am Einstein Center Digital Future (ECDF) ab. Das ECDF ist ein interdisziplinäres Projekt der Technischen Universität (TU) Berlin, der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Freien Universität Berlin (FU), der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), der Universität der Künste Berlin sowie weiterer Forschungsinstitute aus der Berliner Wissenschaft. In nur zweieinhalb Jahren, von Januar 2019 bis März 2021, promovierte Maik Hesse bei Prof. Timm Teubner, der an der Fakultät Wirtschaft und Management der TU Berlin die Forschungsgruppe „Vertrauen in digitale Dienste“ anleitet, zu „Vertrauen, Reputation und Datensouveränität in der digitalen Plattform-Ökonomie“. Er berichtet, was die Promotion am ECDF so besonders macht.

Herr Hesse, wie sind Sie auf das ECDF aufmerksam geworden?

Ich wollte in meiner Wahlheimat Berlin promovieren. Als ich mich im Herbst 2018 in die akademische Literatur zu plattformgestützten Geschäftsmodellen einlas, bin ich auf Professor Teubner und das ECDF aufmerksam geworden. Mich überzeugte der interdisziplinäre Forschungsansatz des ECDF im Bereich Digitalisierung über mehrere Berliner Forschungsinstitutionen hinweg. Das Zusammenkommen verschiedener Sichtweisen, die Bandbreite über digitale Infrastrukturen, digitale Gesellschaft und Wandel sowie digitale Industrie und Dienstleistungen machen das ECDF einzigartig.

Was schätzen Sie am meisten an Ihrer Promotion am ECDF?

Insbesondere vor Corona habe ich von dem fachlichen Austausch mit Professor*innen und Doktorand*innen im Herzen der Forschungsmetropole profitiert. Es sind einige gemeinsame Projekte dabei entstanden. Zum Beispiel ein Forschungsprojekt mit der Humboldt-Universität für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), in dem wir die Digitalisierung in Nordafrika untersuchen, oder auch eine Kollaboration mit Forschern der Universität in Oxford. Der Lehrstuhl „Vertrauen in digitale Dienste“ von Timm Teubner ist zudem an der Fakultät Wirtschaft und Management der TU Berlin angesiedelt. So konnte ich das „Beste beider Welten“ erleben.

Was haben Sie in Ihrer Doktorarbeit untersucht?

Ich habe Plattformen untersucht, auf denen die Möglichkeit besteht, Anbieter*innen von Dienstleistungen zu bewerten. Es ging um die Frage, ob die Reputation, die entlang digitaler Plattformen erworben wird, auf andere Plattformen und in andere Service-Kontexte – auch offline – übertragbar ist und welche Technologien und Geschäftsmodelle ein digitales Identitätsmanagement aus der Perspektive von Nutzer*innen unterstützen.

Was ist „digitale Plattform-Ökonomie“?

Digitale Plattformen haben sich heute zu einem eigenen, bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt. Angefangen hat das Mitte der 90er Jahre als die ersten elektronischen Marktplätze im Internet entstanden, wie Amazon und eBay. Ende der 2000er Jahre wurde dann der Begriff der „Sharing Economy“ geprägt, mitunter wird heute auch von Gig oder Crowd Work gesprochen. Dabei stellen zumeist private Anbieter*innen ihre Arbeitskraft temporär zur Verfügung und bieten Nutzer*innen direkt ihre Dienstleistungen an, die über digitale Plattformen „peer-to-peer“ vermittelt werden. Dazu zählen unter anderem die Plattformen Airbnb für Übernachtungen und Uber als Fahrdienst, auch Helpling für Haushaltshilfe und der Essenslieferdienst Lieferando. Unter dem Begriff „Plattform-Ökonomie“ versteht man also die Gesamtheit der Service-Ökosysteme, die um die Vermittlung von Arbeit über digitale Plattformen entstehen.

Welchen Einfluss haben digitale Technologien und digitale Plattformen auf die Geschäftswelt?

Digitale Plattformen haben den Bezug und die Vermittlung von Dienstleistungen und Services grundlegend verändert. Heutzutage können wir alles online, einfach per Klick auf unserem Handy, ordern. Vom Fahrdienst über haushaltsnahe Dienstleistungen bis hin zu Essen und neuerdings sogar frische Lebensmittel, die in wenigen Minuten bis an die eigene Haustür geliefert werden. Das ist auf der einen Seite für Verbraucher*innen sehr bequem. Auf der anderen Seite entwickeln diese Plattformen aber auch eine zunehmende Marktmacht. Gerade die großen Plattformen zementieren eine Monopolstellung. Das passiert unter anderem durch die Speicherung und proprietäre Verwendung zentraler Profildaten von Anbieter*innen.

Wie tragen die Profildaten von Anwender*innen zu einer Monopolstellung bei?

Reputation, oft in Form von Sterne- oder Textbewertungen sind ein Beispiel für solche Daten. Diese durch wiederholte Dienstleistungen erworbene Reputation gilt gemeinhin als das wichtigste Signal für Vertrauen in digitalen Märkten, erst durch das Vorhandensein einer solchen Reputation kommen Transaktionen oft überhaupt erst zustande. Für Anbieter*innen auf digitalen Plattformen entsteht durch den Aufbau einer solchen Reputation ein „Lock-in“ auf der jeweiligen Plattform, denn wenn sie wechseln wollen, stehen sie auf einer neuen Plattform zunächst ganz ohne Reputation da.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Unsere Umfragen, Experimente und Gespräche mit Betreiber*innen, Anbieter*innen und Nutzer*innen haben erstmals wissenschaftlich belegt, dass Reputation über Kontexte und Plattformgrenzen hinaus wirkt. Für Nutzer*innen ist die Reputation, auch wenn Anbieter*innen sie von einer anderen Plattform mitbringen, vertrauenswürdig und trägt maßgeblich zur Kaufentscheidung bei. Digitales Identitätsmanagement wird somit immer wichtiger. Digitale Plattformen sollten daher die Freigabe und Mitnahme von Reputationsdaten entsprechend ermöglichen. Nicht zuletzt gab es auch Vorstöße der Bundesregierung – insbesondere aus dem Bundesarbeits- und dem Bundesjustizministerium – die eine solche Portierbarkeit von digitaler Reputation fordern.

Sind dabei neue Themen für Sie in den Fokus gerückt?

Der Umgang mit den eigenen Daten und die Stärkung „digitaler Souveränität“ sind mir noch wichtiger geworden. Datengetriebene Geschäftsmodelle sind ein weites Feld. Mit der Speicherung, Verwendung, Nutzbarkeit und Monetarisierung von Daten beschäftigen sich gerade sehr viele wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Akteur*innen. Ein weiteres Thema sind die oft als „disruptiv“, also von Grund auf ändernd, beschriebenen Technologien wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz oder die Blockchain-Technologie, die viele Nutzer*innen von Bitcoins kennen. Nicht zuletzt sind die Nutzung und der Aufbau digitaler Plattformen zunehmend auch für die Privatwirtschaft von Interesse, wo unterschiedliche Marktteilnehmer*innen, wie Endkund*innen, Zuliefer*innen und Start-ups, parallel orchestriert werden können.

Wie geht es für Sie weiter?

Ich sehe vor allem viel Bedarf Bürger*innen zu schulen im Umgang mit eigenen Daten, damit sie „Herr*in ihrer Daten“ werden und selbstbestimmt handeln. Aber auch die Schaffung von unabhängigen, digitalen Infrastrukturen für die europäische Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gehören dazu. Das Ganze läuft unter dem großen Schirm der „Digitalen Souveränität“. In meinem beruflichen Umfeld – ich bin kürzlich wieder in die Strategieberatung zurückgekehrt – beschäftige ich mich nun unter anderem mit Themen im Bereich Digitale Transformation und datengetriebenen Geschäftsmodellen. Aber auch die Arbeit als Post Doc und allgemein nah an der Forschung bleiben auch zukünftig durchaus eine Option.

Was würden Sie anderen raten, die über eine Promotion am ECDF nachdenken?

Ich halte das ECDF für einen starken Inkubator für Digitalisierungsforschung und würde mich jederzeit wieder so entscheiden. Aus eigener Erfahrung rate ich, zum Start Flexibilität für das eigene Thema mitzubringen, um durch Lesen der Literatur und Gesprächen mit anderen Forscher*innen den eigenen Schwerpunkt zu finden. Letztlich gehören zu einer Promotion Geduld, Wille und eine gehörige Portion Optimismus, um auch in zähen Projekt-Phasen oder bei Rückschlägen dranzubleiben.

Das Gespräch führte Christina Camier.