Technische Universität Berlin

Als Ärzt*innen das Praktizieren verboten wurde

Am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin werden die Geschichte der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands und das Schicksal jüdischer Ärzt*innen im Nationalsozialismus erforscht

Dr. Ulrich Prehn schlägt einen alten, von der Zeit gezeichneten Aktenordner auf. Auf dessen Rücken ist mit Tinte das Wort „Juden“ notiert. Die darin enthaltenen Dokumente sind mit Trennstreifen geordnet, auf denen in Schreibmaschinenschrift „Ausschaltung der jüdischen Ärzte“ und „jüdische Krankenbehandler“ zu lesen ist. „Dieser Ordner ist eine der bedeutendsten Überlieferungen im Archivbestand der ehemaligen Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands. Er stammt vermutlich aus deren Rechtsabteilung“, erklärt Ulrich Prehn und blickt auf unzählige weitere Ordner und Dokumentenstapel in seinem neuen Büro im Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA). Seit zwei Jahren arbeitet der Historiker an dem drittmittelgeförderten Aktenerschließungs- und Forschungsprojekt zur Geschichte der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) zwischen 1933 und 1945, das unter der Leitung des damaligen ZfA-Gastprofessors Dr. Samuel Salzborn begann.

„In diesem Ordner sind nicht nur die Verordnungen zur Entrechtung der jüdischen Ärzt*innen, teils als Rundschreiben, teils abgedruckt im ‚Deutschen Ärzteblatt‘, überliefert, sondern auch Regelungen zum Umgang mit den sogenannten jüdischen Krankenbehandlern“, sagt Ulrich Prehn während er durch den Ordner blättert: „Zu diesen wurden jüdische Ärzt*innen, die die medizinische Versorgung ‚ihresgleichen‘ gewährleisten sollten, degradiert, damit nichtjüdische Ärzt*innen sich ausschließlich um die Patient*innengruppe der sogenannten deutschen Volksgenoss*innen kümmern konnten. Ein 19-seitiges Rundschreiben des Reichsärzteführers an die Ärztekammern vom 17. Oktober 1938 formulierte es so: ‚Es kann nicht unser Ziel sein, die Wartezimmer der deutschen Ärzte mit Juden zu bevölkern‘.“

Mehr als 600 Archivalieneinheiten der KVD sowie der Reichsärztekammer, die bislang im Kölner Alt-Archiv der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) unbeachtet lagerten, haben Ulrich Prehn und der studentische Projektmitarbeiter Sjoma Liederwald in der ersten Projektphase durchgesehen, ausführlich verzeichnet und verschlagwortet. Einer Fortführung ihrer Arbeit hat die KBV, die die wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer Geschichte finanziert, bereits bis Sommer 2021 zugestimmt.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Die KVD war ein Zusammenschluss der 1932 vom Verband der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund) gebildeten regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen, welche die ambulante Versorgung sicherstellten und die medizinischen Leistungen zwischen Kassenärzt*innen und Krankenkassen abrechneten. Nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten 1933 stand die KVD unter der Aufsicht des Reichsarbeitsministers und führte das Reichsarztregister. Sie regelte die Kassenzulassungen, wodurch es möglich wurde, sowohl politisch oppositionellen als auch jüdischen Kassenärzt*innen die Zulassung zu entziehen. Mit der Entrechtung der größtenteils hoch qualifizierten Mediziner*innen verstieß die KVD nicht nur gegen das ethische Gebot der Kollegialität, sondern gefährdete damit auch die Gewährleistung einer ausreichenden ärztlichen Versorgung der Versicherten.

Die Rechtsnachfolgerin der KVD wurde in der Bundesrepublik die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Mit dem Forschungsprojekt gewährt die KBV erstmals Wissenschaftler*innen einen systematischen Zugang zum Aktenbestand der KVD, der sich heute im Besitz der Kassenärztlichen Bundesvereinigung befindet, und erhofft sich damit eine Aufklärung und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Vom einzelnen Puzzlestück zum historischen Gesamtbild

„Obwohl es sich durchweg nur um Bestandssplitterund nicht um eine umfassende oder gar eine lückenlose Aktenüberlieferung handelt, ist die Bandbreiteder für die Zeitgeschichtsforschung relevanten Themen beeindruckend und lässt eine Vielzahl denkbarer Auswertungsmöglichkeiten zu“, resümiert Ulrich Prehn über den Abschluss der ersten Projektphase. Die Bestände umfassen dokumentarische Beweise zur „Selbstgleichschaltung“, Ideologisierung und Politisierung der KVD bis 1935, Vorgänge zur Aberkennung der Approbation jüdischer Ärzt*innen ab 1938, Belege einer Zuständigkeit für die kassenärztliche Betreuung von Zwangsarbeiter*innen sowie für Restriktionen in der medizinischen Behandlung von kranken Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen. „Einige Quellen dokumentieren zum Beispiel, dass Krankenhausunterbringungen für Angehörige ‚polnischen Volkstums‘ nur in schweren Ausnahmefällen erfolgen sollten und es außerdem besondere Behandlungszeiten und Warteräume für deutsche und ‚fremdvölkische Arbeiter‘ in den Arztpraxen in den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern geben sollte“, so Prehn.

Erforschung der Zeit nach 1945

Auch zur Rechtsnachfolge der KVD nach 1945 finden sich zahlreiche aufschlussreiche Dokumente in den historischen Beständen, die vor allem die Frage der Entschädigung der ausgeschlossenen jüdischen Ärzt*innen behandeln. Während der Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund und die Reichsärztekammer nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten als Naziorganisationen aufgelöst worden waren, bemühten sich Ärztefunktionäre, mit Blick auf die KVD und den Hartmannbund, frühzeitig um den Wiederaufbau funktionierender Standesorganisationen. „Die Akten zeigen aber, dass es bis in die 1950er Jahre umstritten blieb, ob die direkte Rechtsnachfolge der alten Verbände angetreten werden sollte. Für eine Rechtsnachfolge sprach offenbar, dass man die Übernahme des Vermögens und der ‚arisierten‘ Liegenschaften der KVD anstrebte“, weiß der Projektmitarbeiter Sjoma Liederwald: „Auch ist die Frage der Übernahme alter Funktionsträger*innen aus KVD und Reichsärztekammer aus der NS-Zeit Gegenstand einer erheblichen Anzahl von Akten aus der Nachkriegszeit.“

 

Pläne für die Zukunft

Wenn Ulrich Prehn durch die unzähligen Dateien von bereits digitalisierten Quellen auf seinem PC scrollt, sind Fragen nach einer Nutzung auch über das akademische Feld hinaus nicht fern. Wie all das Material und die ermittelten Ergebnisse auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen, dazu hat der Historiker bereits Ideen im Kopf: „Denkbare Aufbereitungsmöglichkeiten wären etwa eine Ausstellung, eine kommentierte Online-Quellen-Dokumentation oder auch die Erarbeitung eines Moduls zur Geschichte der ärztlichen Standesorganisationen im Nationalsozialismus für den Bereich ‚Ethik der Medizin‘ in der universitären Ausbildung von Mediziner*innen.“

Kontakt

Dr.

Ulrich Christian Prehn

prehn@tu-berlin.de

+49 30 314-24979

Einrichtung Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin